Mittwoch, 9. Juli 2014

Pico Iyer: Singende Nonnen und Hannya-Dämonen

Pico Iyer ist ein hierzulande noch zu wenig übersetzter, wohl etwas eitler englisch-indischstämmiger Autor vor allem von Reiseberichten. Er verfasste u.a. Bücher über den Dalai Lama (den er recht naiv darstellt) und Kuba. In The Lady and the Monk (Vintage 1992) beschreibt er detaillreich und vor allem mit präziser Wiedergabe und Analyse der Sprachbarrieren seine sich entwickelnde Beziehung zu einer verheirateten Japanerin. Wie der Titel schon andeutet, kam Iyer bei seinem Japanaufenthalt auch mit dem Zen in Berührung und traf einige andere Westler, die dort ihr Heil suchten. Ich erlaube mir, einige der interessantesten Erkenntnisse seiner Figuren ins Deutsche zu übertragen.

"Professionelle Frauen waren lange als Daruma bekannt, weil sie wie die beinlosen Daruma-Puppen bei Berührung erst taumelten und dann zurückprallten. Und 'dunkle Weiden, leuchtende Blumen' - eine Zen-Metapher für die Buddha-Natur - war lange ein Euphemismus für die Vergnügungsviertel, wie ich ... von einer Schriftrolle des Zen-Mönchs Gakkô aus dem achtzehnten Jahrhundert lernte." (p. 16)

"Das Problem war: Der arme Kerl war nicht bereit für die Welt. Das Kloster hatte ihn auf alles vorbereitet, außer auf die Welt." (p. 42)

"Eines Tages bat ich meine Schüler, aufzulisten, was sie für notwendig, was für nützlich und was für nutzlos hielten. Hundert Prozent gaben Sport als notwendig an, und bis auf einen hielten alle religiöse Erziehung für nutzlos." (p. 68)

"Der Kern japanischer Ausgeglichenheit, dachte ich da: sich einer Illusion zu unterwerfen und doch irgendwo in sich zu wissen, dass es bloß eine Illusion ist." (p. 136)

"Die japanischen Troubadoure des achtzehnten Jahrhunderts besangen die Tugenden der Freudenmädchen in der Form buddhistischer Parabeln: Prostituierte wurden 'singende Nonnen' genannt, und der Ausdruck 'Shimabara-Nutte' - saihô jorô - konnte leicht in sein Gegenteil verwandelt werden, das buddhistische Reine Land des Westens - saihô jôdo." (p. 179)

"Indem sie [die Amerikaner] sich dem Zen mit den Gedanken näherten, stellten sie ihr Versagen in einer Disziplin sicher, deren Ziel es letztlich war, den Geist kurzzuschließen. 'Du sollst nicht über das Koan nachdenken', sagte der Zen-Meister, 'du sollst das Koan werden.'" (p. 271)

"Ich denke, weil wir japanischen Frauen nach außen hin so machtlos sind, müssen wir im Geiste stark sein. Das äußert sich auch auf gewaltsame und verdrehte Art, so wie in Hannya, einer wiederkehrenden Figur im -Drama, oder auch in Dôjôji: die Frau, die im Rausch ihrer Leidenschaft einen Mönch verzehrt. Der Ausdruck Hannya wurde zwar zuerst von einem Mönch geschaffen und ist das erste Wort eines berühmten Sutras. Doch wenn man ihn heute benutzt, denken die meisten Menschen sofort an ein Dämonenweib." (p. 303)

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