Mittwoch, 23. April 2014

Irrtümer von Gudo Wafu Nishijima und Brad Warner

Um die Reihe meiner anderswo zensierten Beiträge zu komplettieren und bevor ich mich in den nächsten Wochen wieder verstärkt Texten und Literatur zuwende, will ich hier auf meinen Versuch eingehen, das Vermächtnis des kürzlich verstorbenen Gudo Wafu Nishijima zu relativieren, wie es auf Sweeping Zen von einem seiner Schüler (Jundo Cohen) zusammengefasst wurde - und wie es Nishijima selbst darstellte. [Anmerkung: Mein Kommentar wurde dort nun doch noch nachträglich freigeschaltet.] Zunächst ist interessant, wie Jundo und Brad Warner auf meinen Einwurf, Nishijima habe wohl keinen Tempel gehabt und seine Schüler seien wohl nicht bei der japanischen Sôtô-Schule registriert, auf der selben Plattform reagieren (sie finden Hinweise vor allem in einem Buch, haben sich also wohl selbst mit Nishijima in dessen Wohnung getroffen). Auf die Bemerkung Warners, Dôgen Zenji selbst hätte mit der japanischen Sôtô-Schule heute nichts zu tun haben wollen, antwortete ich, dass Dôgen heute wohl deren Präsident wäre und ein Stück Land, das man als Tempel registriert, keineswegs anerkennen würde. Die Grundlage meiner Vermutung ist Dôgens lebenslange Bemühung um das monastische Leben und dessen Regulierung bis ins Kleinste hinein sowie dessen - in der Zengeschichte übliche - Wunsch nach Förderung durch die herrschende Klasse. Mein Einwand wurde natürlich nicht veröffentlicht. Da man sich in Warners Blog registrieren müsste, verzichte ich auch darauf, mich in die dortige Fangemeinde einzureihen. Allerdings fiel mir neben diesem Video, in dem Warner wie ein Verwirrter um den heißen Brei herumredet (man solle kein Ziel haben, das sei aber unmöglich, also sei das Ziel okay, man solle einfach nur weiter praktizieren, d. h. sitzen) auch ein Text auf, indem er seine buddhistische Unbildung noch einmal unter Beweis stellt. Hier geht Brad auf einen User ein, der in Frage stellt, dass Zen mit Zazen gleichzusetzen sei, und endet seinen Beitrag mit der schlichten Behauptung, natürlich sei Dôgen der Nachfolger von Tiantong Rujing (Tendô Nyôjo, auch: Ju-ching). 

Ich zitiere hier nochmal beispielhaft eine keinesfalls alleinstehende akademischen Meinung aus meinem eigenen Blog, mit Bezug auf "Dogen Studies" von La Fleur, bereits 1985 bei University of Hawaii Press erschienen: "(Der Buddhologe Carl) Bielefeldt stellt fest, dass Ju-ching in China jedoch kein herausragender Meister gewesen sein kann. Außer Dogens Zeugnissen gibt es nur zwei weitere kurze von chinesischen Schülern Ju-chings, die erst Jahrhunderte später in Japan auftauchten. Dieser Ju-ching hat demnach weder je von einem Äquivalent zu shikantaza (Nur-Sitzen) oder shinjin-datsuraku (Körper und Geist abfallen lassen) gesprochen noch das Zazen so betont wie Dôgen. Auch findet sich kein Hinweis darauf, dass Ju-ching etwa Lin-chi oder andere Meister wie Yuen-men abgelehnt habe." Steven Heine hat mehrfach auf die Veränderung von Dôgens Lehren im Lauf seines Lebens zu einer Ablehnung des Laiendaseins (inclusive des Vimalakirti-Sutras) hingewiesen, untypisch für chinesisches Chan ist auch seine im von mir übersetzten Eihei Koroku dokumentierte Ablehnung etwas des Shurangama-Sutras.

Wenn man sich nicht nur mit Dôgen beschäftigt, kann man auch von der Einstellung des frühen chinesischen ChanHui-nengs (und das ausdrücklich im Widerspruch zu Dôgen) und von der Gleichsetzung von Meditation und Weisheit wissen. Dies alles wurde in diesem Blog desöfteren dargestellt (und in Foren immer wieder vehement von Schülern des Sôtô-Zen attackiert).

Kaum verwundert dies, wenn man weiß, dass Nishijima selbst als Kurzzeitlehrer Warners im Grunde nichts anderes im Sinn hatte als seine eigene, in der akademischen Welt unbedeutende Analyse von Dôgens Shôbôgenzô zu verbreiten (mit anderen Werken Dôgens außer seinen Kôan beschäftigte er sich offenbar kaum). Nicht nur erlebte ich in einem Briefwechsel, wie Nishijima einen anderen Dôgen-Übersetzer (den fast gleichnamigen Nishiyama vom Daimanji-Tempel) als unverständig bezeichnen ließ, auch ein Abt schrieb mir, dass Nishijima die Diskussion mit ihm abbrach, als er Argumente eines führenden Dôgenspezialisten einbrachte. Nishijimas Einsicht lässt sich mit diesem Papier zusammenfassen, dass die "drei Philosophien und eine Realität" behandelt (man vergleiche dies mit seinem Vortrag über Zazen und Schmerzen, wo er mit denselben Thesen einleitet und parallel dazu vier Arten von Schmerz konstruiert und den seltsamen Rat gibt, nicht die Absicht zu hegen, Schmerzen zu überwinden - wobei genau diese Absicht zur Einnahme von Schmerzmitteln und dem Ende des Schmerzes führen kann). Was wird hier behauptet?

Dôgen würde zunächst einen idealistischen Standpunkt einnehmen und mit abstrakten Konzepten eine Idee darstellen (subjektiv und theoretisch), dann konkretisieren (objektiv und materialistisch) und hernach mit einer realistischen Erklärung synthetisieren. Schließlich würde er mittels Symbolen und poetischer Sprache die "unfassbare Natur der Realität" darstellen. Auf diese Weise meint Nishijima die offensichtlichen Widersprüche im Shôbôgenzô wegerklären zu können. Er findet also auch ein Kapitel wie das über die "Vergeltung in drei Zeitabschnitten", nach dem Karma sich in drei aufeinanderfolgenden Leben verwirkliche, "logisch" und "realistisch". 

Nachdem Nishijima einmal diese Viergliedrigkeit festgestellt hat, sieht er darin auch die vier edlen Wahrheiten abgebildet, die er zunächst so nicht unterschreiben konnte. Folglich ist dann mit der vierten Wahrheit vom achtfachen Pfad, die für ihn in der Übung des Zazen gipfelt, die wahre Synthese erreicht. Das kommt zwar einem Dôgen-Anhänger zupass, ist aber nicht mit einem Hauptgedanken des Mahayana-Buddhismus vereinbar, wie er sich etwa im Shrimala-Sutra zeigt, wo die dritte Wahrheit (vom Aufheben des Leidens) den Kern der Lehre ausmacht und nicht ein Ritual oder eine bestimmte Praxis (dies ist im Übrigen auch in manchen von Dôgens Lehren zur inhärenten Buddhanatur impliziert). Nishijima schafft es mit anderen Worten nicht, den eigentlichen Widerspruch Dôgens, nämlich seine Erkenntnis eben dieser Buddhanatur bei gleichzeitiger Versteifung auf die eine zentrale Metapher des Buddhaseins Zazen, anders als mit einem rhetorischen Trick aufzulösen. Er übersieht damit die Ursache für Dôgens zunehmende Verklösterlichung des Zazen, die notgedrungen aus der ständigen Selbstbespiegelung folgt (und immer auch dem Wunsch nach Kontrolle über ein elitäres Wissen und eine "Linie" geschuldet ist). Von Beginn der Zengeschichte an wurde jedoch in den wesentlichen Sutren klargemacht, dass es keines besonderen Status (Mönchsdaseins) oder Rituals (Zazen) bedarf, um das Buddhadasein zu verwirklichen. Es ist darum auch kein Wunder, dass sich selbst Nishijima auf eine offizielle Dharma-Übertragung und eine Robe eingelassen hat. 

Ich kannte weder ihn noch Brad Warner persönlich. In ihrer zeitweiligen Saloppheit sind mir beide nicht unsympathisch gewesen, jedoch glaube ich nicht, dass diese Linie von irgendeiner Bedeutung sein wird. Bemerkenswert sind z.B. auch die Umformulierungen von den Hauptregeln, die Nishijima vornahm, wenn die dritte zu "Begehre nicht zu viel" wird (aber ursprünglich sich gegen Ehebruch richtete) und die fünfte zum Verbot von Alkoholverkauf (aber eigentlich gegen Rauschzustände sprach). Ob sich Nishijima hier gegen eigene Übertretungen oder die seiner Schüler vorsorglich schützen wollte, weiß ich nicht. Sein Verständnis nicht nur der Buddhalehre, sondern auch Dôgens, erscheint mir jedenfalls oberflächlich und einseitig (siehe hierzu im gleichen Text auch die von praktisch allen Dôgenschülern kolportierte Falschaussage, es bedürfe einer formellen Zeremonie der Gelübde-Übertragung [jukai]). 

Von Jundo Cohens beschriebenen "acht Arten, auf die Nishijima das Zen verändern werde", bleibt dann auch nicht viel. Man kann Schülern, die die Robe tragen und sich auf eine Dharma-Übertragung berufen müssen, nicht abnehmen, dass sie den "Unterschied zwischen Priestern und Laien aufheben" (1). "Übung und Praxis draußen in der Welt" werden regelmäßig auch nur wieder in Zazen konkretisiert, wie schon der Irrtum zeigt, Nishijima sei "Zen-Priester und arbeitender Mensch" gewesen, wo er tatsächlich erst mit 54 ordinierte und mit 58 shiho erhielt, auch wenn er schon über eine Dekade vorher Buddhismus lehrte. Mit der Bestattungskultur Japans (3) haben Zenadepten im Westen eh nichts zu tun. Ob die "Dôgen-Sanghas" zu einem Zufluchtsort für Skandalopfer (4) werden oder selbst welche hervorbringen, wird sich noch zeigen, "brandneue Ausdrücke" für ein Zenleben (5) kann ich nicht sehen, wo auf Zazen, die vier edlen Wahrheiten und den achtfachen Pfad rekurriert wird, Zazen als "Erfüllung der Wirklichkeit selbst" ist ein alter Hut Dôgens, der sich jedem Menschen widerlegt, der sich z.B. im Orgasmus selbst vergisst. Brad Warner müsste das eigentlich kapiert haben, so gerne wie er über Sex schreibt.

Die Zensur auch in diesem (kommerziellen) Forum ist auf vielerlei Arten zu erklären. Der Betreiber von Sweeping Zen, Adam Kô Shin Tebbe, wird meine Bemerkungen zum Zen in Amerika ebenso wenig schätzen wie meine Demontage der Shimano-Basher und meine Kritik an deren Unfähigkeit, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Als ich einmal dem Einwürf einer psychisch kranken Userin, ich habe ja sogar in meinem Blog vor den Lehrern Dalai Lama und Thich Nhat Hanh abgeraten, entgegnen wollte, kniff der Webmaster und sah dahinter "Verschwörungstheorien", obwohl meine Quellen teilweise auf Englisch abgefasst sind. Da ist es eben wie mit den zahlreichen Publikationen von Buddhologen, die gemeinhin vom Gros der Buddhisten nicht zur Kenntnis genommen werden - ein weiterer Fall von Leseblindheit und Ignoranz. Ich glaube sogar, dass die meisten Nishijima-Nachfolger gar nicht genau verstanden haben, was ihr Lehrer zum Kern seiner Gedanken machte. Eine Ausnahme dürfte Yudo Seggelke sein, dessen betuliche Texte erkennbar machen, wie wenig weit man mit dem Grundgerüst der Nishijima-Lehre kommt. Ein Paradebeispiel ist sein Text "Kann man den Geist anderer erkennen", der nur die Banalität kennt, ohne tiefgründige Einsicht könne man nicht mit einem Zenmeister diskutieren. Die hier kolportierte Geschichte hat jedoch eine ganz andere Pointe. Da ist einer, der meint, er könne die Gedanken eines Zenmeisters lesen, und zwei Mal gelingt ihm das vortrefflich. Beim dritten Mal jedoch bleibt er konsterniert zurück. Als er wissen will, was der Zenmeister dachte, antwortet dieser ihm: "Nichts." Damit ist gesagt, worum es eigentlich in der Zenübung geht und warum sie vom Zazen unabhängig ist: Wenn die Gedanken zur Ruhe kommen, verwirklicht sich Erwachen.


Kommentare:

  1. "Meine Demontage der Shimano-Basher"... wo kann man die denn nachlesen?

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  2. http://der-asso-blog.blogspot.com/2014/01/eido-shimano-lebt-iii-gebote-macht-und.html

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  3. Schau Guido, eine auch nur oberflächliche Beschäftigung mit dem non-buddhistischen Projekt sollte klar machen, was es mit dem Non und mit dem X aus sich hat. Es ist schade, dass du, als Englischsprachiger, dir nicht die Zeit nimmst, um dich wenigsten ein wenig mit den entsprechenden Gedanken vertraut zu machen. Dann würde dir nämlich auffallen, dass es in diesem Projekt weder eine Y- noch einen Z-Buddhismus braucht und du könntest mich einfach als einen weiteren X-Buddhisten bezeichnen. So aber ist deine Demontage lediglich das Eingeständnis, dass du dich nicht mit dem befasst, was du kritisierst.

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  4. Das Nishijima keinen Tempel hatte und seine Shihos auszerhalb der japanischen Soto Sekte gab, kann man ihm doch echt nicht vorwerfen. Ganz im Gegenteil, schöner Regelbruch.
    Ich selber finde seine Shobogenzo-Übersetzung staubtrocken, d.h. ich bevorzuge die von Nishijama, aber ob Übersetzungen oder Interpretationen von akademischen Zirkeln annerkannt sind oder nicht, who cares?
    Was ist also der Auslöser der Kritik oder wo kann man Nishijima und seine Schüler kritisieren? Das sie nicht weiter als bis Dogen denken? Oder dass sie oft sehr jung und naiv vorgehen, oft auch oberflächlich (Jundo Cohen in deinem Text, aber auch andere unbekannte mit denen ich kurz in Kontakt war)? Oder das sie Zazen promulgieren? Jonas

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  5. Matthias: Ich will mir keine linksideologischen Scheuklappen aufsetzen, insofern ist mir egal, was euer Projekt braucht - ich habe mein eigenes. Dass ihr euch selbst als X-Buddhisten bezeichnet, kann ich nicht erkennen, im Gegenteil ist das genau die Wortwahl, mit der ihr euch ständig von anderen abgrenzt. Das geschieht inzwischen auch bei Tutteji und in den Kommentaren eurer Projekte und ist ja auch so gewünscht.

    Jonas: Mir ging es nur darum, dass Brad und Jundo den Gedanken, dass ihr Lehrer keinen Tempel hatte, letztlich doch ausräumen wollten. Diese Lockerheit der beiden ist vorgeschoben, die brauchten natürlich einen Lehrer, der ihnen eine als authentisch geltende Übertragung gibt.

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    1. Ah, die haben kein Rückgrat meinst Du ? Ja, das kann schon sein. Ich finde die beiden immer etwas leicht, im Mainstream mitschwimmen aber dort den Rebellen spielen, ein bischen wie die Partei "Die Grünen". Jonas

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    2. "Dass ihr euch selbst als X-Buddhisten bezeichnet, kann ich nicht erkennen."

      Habe ich auch nicht behauptet. Noch einmal: Hättest du dir auch nur ein bisschen Mühe gemacht, die Terminologie von "X" und "Non"zu verstehen, würdest sehen, dass es nicht nötig ist, dass du mich als Y-Buddhisten bezeichnest. Stattdessen könntest du mich einfach als einen weiteren X-Buddhisten bezeichnen. So aber zeigst du, dass du nicht die leiseste Ahnung hast, was mit dem "X" und dem "Non" gemeint ist. Und da dies so ist, ist eine weitere Auseinandersetzung mit dir nicht nötig. Du gehörst zu derjenigen Kategorie der von Buddhisten, die unsere Kritik nicht verstehen und indem sie sich dagegen wehren gleichzeitig noch zeigen, dass sie nicht wissen, um was es geht. Diese Mischung, Ablehnung jedweden Einwandes, bei gleichzeitigem Unverständnis was die Einwände eigentlich ausmacht, ist es, die ein Gespräch mit einen X-Buddhisten u.a. 'auszeichnet'.

      Ich habe öfter betont, dass es dabe nicht um eine Kritik am Mann von der Strasse geht, der sich redlich bemüht, sondern an den Exponenten, die für sich in Anspruch nehmen es besser zu wissen, und diesen Anspruch in Form von andauernden besserwisserischen Ratschlägen umsetzen. Du als Verleger bist einer dieser Exponenten. Als Verleger, als Mann des Wortes und der Schrift, betrifft dich der Vorwurf, dass du nicht verstehst, um was es eigentlich geht, ganz besonders.

      In diesem Sinn: Sparen wir uns weitere Diskussionen. Gehab dich wohl.

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  6. Da noch ein beleidigender Kommentar kam ... ich empfehle den unbuddhisten, ihr Programm auf einer DIN A 4 Seite allgemeinverständlich zu formulieren, dann beschäftigen sich wohl auch mehr leser damit. Konkret werden, statt dauernd nur Fragen zu stellen und anderen Unverständnis vorzuwerfen.

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  7. "Stattdessen könntest du mich einfach als einen weiteren X-Buddhisten bezeichnen"

    Das ist der Grund, warum ich rate, eurer Clique zu misstrauen. Ihr wollt ein Monopol auf eine bestimmte Art von Kritik und entsprechende Begriffe. Wenn einer das ablehnt und eine eigene Rhetorik aufmacht, wehrt ihr euch dagegen. Ich möchte euch aber als Y-Buddhisten bezeichnen, weil ihr mit den kritisierten X-Buddhisten deren wesentliche Merkmale nicht gemein habt, jedoch offensichtlich deren wesentliche Praxis, die Meditation (hier verweise ich auf Selbtaussagen von Wallis, dir und auch von euch zitierter Wissenschaftler wie Metzinger). Eine Auseinandersetzung mit mir ist tatsächlich nicht nötig, weil:

    "Du gehörst zu derjenigen Kategorie der von Buddhisten, die unsere Kritik nicht verstehen und indem sie sich dagegen wehren gleichzeitig noch zeigen, dass sie nicht wissen, um was es geht."

    Ich wehre mich nicht dagegen, ich halte sie für einen alten Hut und denke, dass Wallis das verschleiern und damit seine wissenschaftliche Karriere befördern will. Ich halte sie also für die eigentliche Ursache der Entstehung der Zenschule. In deinem letzten Beitrag auf dem "Unbuddhisten" wird es deutlich.

    Der X-Buddhist sei der, der eine bestimmte Auffassung von der "Essenz" hat und etwas in ein Wesen, eine Ideologie usf. "transzendental" projeziert. Im Zen wird einem traditionell jede Vorstellung einer Essenz vom Lehrer zunichte gemacht, die Zenübung zieht einem den Boden unter den Füßen weg. Es gibt viele Geschichten von Lehrern, die einen Schüler immer mehr in die Enge treiben, wenn er irgendeine Idee, an die er sich klammert, erkennen lässt. Keine Frage, dass sich in Foren und anderswo der gewöhnliche Buddhist als voll von solchen Ideen darstellt, was nicht heißt, dass es im Buddhismus keine Schulen gäbe, die dem entgegengewirkt hätten. Leider sind auch die Zenvertreter, da sie an Ritualen, Gelübdenehmen, Roben usf. festhalten, kein gutes Aushängeschild, und genau betrachtet waren sie es historisch nie (wenn man nur bedenkt, wie sie hagiographisch ihre Linien fälschten). Das ist auch ein Thema meines Blogs.

    Weiter würde der X-Buddhismus daraus zwei zentrale Missverständnisse ableiten, dass eines ewig gültigen Wissens und das des Selbst. Ich jedenfalls habe so meine Freude daran, in buddhistischen Foren dieses Wissen immer wieder ins Lächerliche zu ziehen, besonders gegenüber Wortgläubigen. Auch das war im Zen bereits angelegt, als man sich nicht mehr auf die vier edlen Wahrheiten oder den achtfachen Pfad konzentrierte, sondern auf die Metapher des Hochhaltens einer Blume und des verständigen Lächelns. Man kann das durch Kapitalismuskritik (oder Kritik der "Fremdkontrolle") ersetzen, jedoch schließt Zen letztere gar nicht aus, weswegen es auch Ko-Existenz solcher Auffassungen geben kann. Ich behaupte, dass ein Zenbuddhist ein sehr feines Gespür für Einschränkungen der Freiheit bekommt und sich der Fremdeinwirkungen recht bewusst werden kann.

    Was soll also dieses ewig gültige Wissen im Zen sein, und wo ist im Zen das Selbst?


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  8. Das Problem ist, dass viele von euch nicht erkennen, dass ihr nur eure eigenen biografischen Erfahrungen aufs Korn nehmt und nicht für alle Spielarten des Buddhismus sprechen könnt.

    Schließlich wird nirgendwo - im Idealfall - so deutlich, wie wir unser Selbst konstruieren und uns darüber täuschen, als bei der "Innenschau" (was auch Nachdenken bedeuten kann - hier in diesem Blog wird insbesondere das zwanghafte Sitz-Meditieren kritisch bedacht). Die Erkenntnisse eines Metzinger sind für einen Zenbuddhisten nicht überraschend und keinesfalls verstörend, sondern gehören wahrscheinlich sogar zu dessen grundlegenden Einsichten (selbst bei denen, die sich dabei "athletisch verrenken", ist dies möglich). Nur darum konnte er auch auf einem DBU-Kongress reden.

    "d.h. das radikal Non-Essentielle dem Zu-Fall Unterworfene erscheint als etwas von der Natur Gegebenes – als etwas immer schon Daseiendes –, das sich aber bei entsprechender Untersuchung als bedingt erweist."

    Im Falle der Entstehung der Moral hat sich gezeigt, dass wir hier unterschiedliche Arbeitshypothesen haben, wobei ich meine ebenfalls wissenschaftlich stützen kann (Moral sei angeboren). Das ändert nichts daran, dass wir beim Umgang mit dem Wort "Zufall" wahrscheinlich, wie ich hier bald mal an einer persönlichen Geschichte deutlich machen könnte, zu anderen Schlüssen kommen. Es gibt eine Art Unredlichkeit im Zitieren des "Zufalles", finde ich, wenn Ereignisse nach gesundem Menschenverstand mit hoher Unwahrscheinlichkeit dennoch gehäuft auftreten. Die Frage ist dann, ob man Erklärungsmuster, die man gelernt hat, darüber legt, oder ob man aus Verwirrung oder Neugier nach solchen sucht und sich mit der einen oder anderen Sinngebung anfreunden kann.

    Ich selbt bin erst nach einem persönlichen Erlebnis auf der Suche nach einer Erklärung für einen besonderen Moment der "Einsicht" zum Zen gekommen (ich dachte zunächst, der Taoismus sei ein taugliches Modell). Später habe ich Dinge erlebt, die dem nahekommen, was Paul Auster in der "Melodie des Zufalls" beschreibt und selbst nicht mehr als reinen Zufall glauben mag, oder jedenfalls nur staunend zur Kenntnis nehmen konnte. Diese Bereiche des Erstaunens über Phänomene, die sich im Leben ereignen können - bei mir z.B. das wiederholte ungeplante Treffen an unwahrscheinlichen Orten mit einer Person, die ich liebte, dass sofort aufhörte, als ich mental "das Karma abschnitt", also der Person den Platz in meinen Gedanken einschränkte; ich sage "das Karma abschneiden", weil ich dank des Erfolges dieser Technik davon überzeugt bin, dass sie hilfreich ist, und dass ich diesbezüglich also von einem Lehrer nicht belogen wurde. Hier habe ich eine Wahl getroffen, aufgrund eines sozusagen bewährten Erklärungs- und Handlungsmodelles. Ich habe andere gesehen, die z.B. zum Stalker wurden in einer ähnlich gelagerten Liebesgeschichte oder die daran zerbrachen.

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  9. Die Tatsache, dass ich auf deinem Blog wahrscheinlich die längsten Kommentare verfasste, straft deine Ansicht, ich würde mich nicht mit euch auseinandersetzen wollen, Lügen. Es gab jedoch einen Vorall in Wallis' Blog, der mir die ideologische Gefahr etwa Tom Peppers vor Augen führte (ich habe besonders in Südostasien mit Vertretern kommunistischer Ideologien einschlägige Erfahrungen gemacht und wurde an dieses verdrehte und moralisch defekte Denken erinnert). Da passierte sonst auch nichts, d.h. die Genannten haben ihre eigene Betriebsblindheit, wenn es um die Gefahren ihrer Ideologie (die sie meinetwegen als "Kapitalismuskritik" verharmlosen) geht, die wird nicht Gegenstand der Diskussion wie der "X-Buddhismus", sondern es bestehen Prämissen wie bei den anderen auch, und die soll man gefälligst unterschreiben (z. B. den "X-Buddhisten").

    Dein Vorwurf gegen mich als Verleger trifft mich nicht, da du gar nicht gelesen hast, wen und was ich so alles publiziert habe, denn dann wüsstest du, worum es im Zen gehen kann. Wichtig wäre auch zu wissen, was ich alles nicht verlegt habe, worauf ich hin und wieder eingehe (beides Grund für etliche Animositäten in buddhistischen Foren). Für das Verkaufsgeschäft gibt es Regeln, an die ich mich nicht halte (z.B. es sich nicht mit potentiellen Kunden verderben, indem man ihre Lehrer in die Pfanne haut, und ich habe im deutschsprachigen Raum fast alle kritisiert; oder sich nicht mit der buddhistischen Presse überwerfen, wobei die DBU-Zeitschrift nun doch mal wieder ein Buch aus meinem Verlag rezensierte, was aber auch einem wohlgesonnen Zenbuddhisten zu verdanken ist). Wer von den bei mir verlegten Autoren "besserwisserisch" sein soll und inwiefern, das müsstest du schon selbst belegen.

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  10. Sehr geehrter lieber Herr Kollege Guido Keller,

    vielen Dank für Ihre Antithesen zu einer „anhimmelnden“ Tendenz im deutschen Buddhismus (Wolfgang Welsch). Wir brauchen in der Tat mehr Dialog und Kritik.
    Angeregt durch Sie möchte dem von Ihnen angesprochenen Kapitel noch einmal vertieft nachgehen, dazu habe ich folgende Fragen/Bitten zum Shôbôgenzô:

    1. Verwenden Sie den Text des Kapitels “Den Geist anderer lesen“? Ich habe die alte Ausgabe Bd. 2.vom Theseus-Verlag, Grundlage ist die Fassung Nishiyama/Stevens von 1977, deutsch 1983.

    2. Ist dieser Text identisch mit Ihrer Gesamtausgabe des Shôbôgenzô?

    3. Wenn nicht identisch: würden Sie mir bitte den Text dieses Kapitels übermitteln. Ich werde ihn nicht weitergeben.

    3. Benutzen sie eine andere Quelle und wenn ja welche?

    Mit Dank und herzlichen Grüßen
    Yudo J. Seggelke

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  11. Lieber Yudo Seggelke,

    ich habe meinen Text oben nochmal durchgesehen, da ich da nicht groß aus dem Shôbôgenzô zitiere, bezieht sich die Frage wohl eher allgemein darauf, welche Übersetzungen ich heranziehe. Ich habe schon diverse persönlich genutzt für mein eigenes Textverständnis (Nearman, Nishijima, Yokoi, Stanford) aber in meinem Verlag (Angkor) ist die Gesamtausgabe des Shôbôgenzô mit der von Nishiyama/Stevens identisch, so weit nicht die ersten beiden Teile aus dem Theseus Verlag mit deren Einverständnis übernommen und im Wesentlichen nur in der Rechtschreibung angepasst wurden. Diese beiden ersten Teile wurden damals von Theseus nach meiner Kenntnis aus den (früher erschienen) Einzelbänden von Nishiyama übersetzt (die es neben der Gesamtausgabe ebenfalls gab). Die Gesamtausgabe von Nishiyama unterscheidet sich etwas von den Einzelbänden, aber ich habe der Einfachheit halber die Theseus-Übersetzungen übernommen und nur den Rest aus Nishiyamas Gesamtausgabe übersetzt.

    So würde ich Ihre Fragen 1. und 2. mit ja beantworten.

    Der Vollständigkeit halber: Den Text der engl. Vorlage (der Gesamtausgabe) kann ich leider nicht übermitteln, da ich längere Zeit im Ausland bin und ohne meine Bücher reise, die auch niemand ohne Weiteres in den Kartons in Deutschland finden dürfte. Wenn an Nishiyamas Gesamtausgabe auf Englisch Interesse besteht - ich wollte diese schon einmal über ebay verkaufen, wenn ich in ein paar Jahren dazu komme, meine Kartons durchzugehen, werde ich es noch einmal versuchen. Im Moment wird das Buch für 200 Euro über ZVAB ein einziges Mal angeboten.

    Vielen Dank für das Interesse.

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  12. Und ich sehe gerade, das sind die vier Einzelbände.

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