Mittwoch, 27. November 2013

Die Ekstase des Trunkenen ist die des Heiligen

"Ich möchte a priori konstatieren, dass Glaube eine Trance ist und dass alles, was dieser Trance nahekommt, am Glauben teilhat. (...) Das Stadium der Trance geschieht dem Menschen beinahe auf natürliche Weise, es braucht nur wenig, es auszulösen. Eine Lappalie, ein bisschen Alkohol im Blutkreislauf, eine niedrige Drogendosis, ein Übermass an Sauerstoff, Wut, Erschöpfung. Doch dieses Stadium ist nur insofern interessant, als es gelenkt werden kann. Es handelt sich um einen Verlust von Balance, ein Ungleichgewicht, das unbekannte Regionen des Geistes ins Spiel bringt. Tatsächlich gibt es keinen grundlegenden Unterschied zwischen einem Menschen, der vom Alkohol berauscht ist und einem Heiligen in Ekstase. Und doch besteht ein Unterschied in der Interpretation. Dem Augenblick der Verrücktheit geht eine Phase voran, in der das Bewusstsein des Betroffenen schwankt und einen gewaltigen zerebralen Stimulus erfährt. Dies ist die Phase, die eigentlich Ekstase erzeugt und ihr Bedeutung gibt. Ekstase selbst ist blind, ein Vakuum ohne Aufstieg oder Fall. Eine schlichte Ruhe. Also könnte man argumentieren, dass ein Heiliger niemals Gott kennen wird. Er nähert sich ihm und zieht sich dann von ihm zurück. Diese beiden Stufen existieren. Zwischen ihnen ist nichts. Leere, völlige Amnesie. Im Augenblick X der Ekstase sind Heiliger und Trunkener gleich, sie befinden sich am selben Punkt. Sie verweilen im selben leeren, erschreckenden Paradies."        

"Was ist ihre Religion?"
   "Ich habe keine Religion. Ich bin nicht gegen das Prinzip von Religion, weil es der einzige Weg ist, religiöse Gefühle zu organisieren. Doch ich glaube, in der Mehrheit der Fälle hat die religiöse Gesinnung Priorität vor der religösen Organisation. Ich halte den Geist des reinen, wahrhaftigen Aufstiegs zu Gott für wesentlich, während der Bund, also ein Regelwerk, das eine Religion wie den Katholizismus begründet, bloß bedingt ist. Meine Vorbehalte gegenüber verschiedenen Religionen - und ich meine das Christentum genauso wie den Buddhismus - bestehen darin, dass dieser Korpus von Ritualen das Individuum daran hindert, sich vollkommen zu entwickeln in einem ihm persönlichen Gott. Dieser Ritualkorpus erzeugt Verbote, die er als Ethik aufrichtet, wo es doch ganz offensichtlich ist, dass Gott sich jenseits aller ethischen Erwägungen befindet."
   "Ist Gott nicht gut?" 
   "Nein, recht ausgedrückt ist Gott nicht gut - er ist. Gut und böse sind armselige Worte, die sich auf einen Regelsatz anwenden lassen, der ein paar Details unseres praktischen Lebens regelt. Warum sollte Gott sich um unsere dürftigen Worte und Werte scheren? Nein, Gott ist nicht gut. Er ist mehr als das. Er ist die reichste, vollkommenste, mächtigste Form des Daseins. Er macht sogar die Abstraktion des Seins zu etwas Konkretem. (...) Gott ist Schöpfung, also ist er unauslöschlich, ein ungerichtetes Prinzip, das Leben selbst." 

(aus J.M.G. Clézio: Fever. Penguin 2008. Übersetzung von mir.)

1 Kommentar:

  1. Der Artikel beginnt im Raum genialen Differenzierens, um dann im typischen Drama des Christentums zu verenden. Der "Gott" in Worten und Bildern vom Leben ist das Abbild verlorener Differenz, und daher exakt jene >Ästhetik als Droge<, die sich der Junkie ebenso gibt wie auch der Heilige. Der Autor irrt nicht grundsätzlich. Ein Leser jedoch, der in der Welt dieser Sprache des undifferenzierten "Gottes" hängen bleibt, wird niemals vordringen können zu Alltag versus Koan im Zen. Er bleibt an den Bildern vom Leben hängen, und >Leben - offene Weite, sonst nichts<, wie T. D. Suzuki das nennt, bleibt im Nebel unendlicher Ektasen verloren. >Worüber wir nicht reden können müssen wir schweigen< sagt Ludwig Wittgenstein. Innerhalb der Welt der Worte zu schweigen ist jedoch auch möglich. Das erlaubt die Differenz der Dialektik. >Leere ist Fülle< und wehe dem, der einen "Gott" in diese Leere setzt, und sei es auch Gott ohne Gänsefüßchen oder das "Nichts" der Transzendenz, denn auch dieses "Nichts" ist ja auch wieder ein Etwas nämlich ein Wort (Gerd Binnig, Physiker). Das Wort zerbricht die Kreise der Natur, und nur im Schweigen der Tat schließen sie sich wieder.
    ...............ist es eigentlich schlau, einem Verleger beibringen zu wollen, dass das Wort >die Falle der Genesis< sei?

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