Mittwoch, 6. November 2013

Angeborene Moral und das, was uns glücklich macht

Vor sechs Jahren verfasste Peter Singer einen Artikel mit der Frage, ob wir unseren moralischen Ahnungen (moral intuitions) trauen sollten* und zitierte dabei die Versuche von Joshua Greene. Wenn auf einem Gleis ein Waggon heranrollt und man die Chance hat, durch Umstellen einer Weiche den Tod von fünf Menschen zu verhindern, die sonst vom Waggon getroffen würden, jedoch auf dem anderen Gleis ein Mensch zu Tode käme, entscheiden sich die meisten Probanden dafür, den einen zu opfern und die fünf anderen zu "retten". Anders, wenn es darum geht, einen Menschen, der neben einem sitzt, von der Brücke zu stoßen, um das Leben von fünf anderen auf dem Gleis zu retten, indem man so den Waggon blockiert - hier spielen die meisten Probanden nicht mehr mit. Bei der zweiten Entscheidung zeigte sich mehr Hirnaktivität in den Arealen, die für Emotionen zuständig sind. Singer zieht daraus den Schluss, dass wir unseren Intuitionen gegenüber skeptisch sein sollten, denn der Tod eines Menschen sei die kleinere Tragödie als der von fünf Personen, egal, wie dieser Tod zustande käme.
   Als ich damals den Test für mich nachvollzog, entschied ich mich gegen das Eingreifen auch im ersten Fall. Für mich sind Leben nicht in dieser Form quantifizierbar. Vielleicht besteht die Gruppe der fünf aus fünf Auftragsmördern, der eine auf dem Nebengleis jedoch ist ein Typ vom Schlage Buddhadasa Bhikkhus. Ich habe die Irrfahrt jenes Waggons jedenfalls nicht ausgelöst und bin darum nicht verpflichtet, sie so zu verändern, dass der Tod eines Menschen dann auf meine Kappe geht. Nach meinem Verständnis ist das einzelne Menschenleben als so kostbar anzusehen, dass es nicht allein per Mengenlehre geopfert werden kann. Diese Einstellung wage ich buddhistisch motiviert zu nennen - und zugleich "natürlich". 

In der aktuellen Ausgabe des Atlantic wird anhand der wissenschaftlichen Erkenntnisse von Greene** die Frage gestellt, warum wir uns so abmühen, wenn wir doch von Natur aus moralische Wesen sind? Greenes Erklärung lautet, dass wir als Jäger und Sammler auf kleine Gruppen programmiert waren und Moral nicht entstand, um im globalen Weltgefüge zu kooperieren. So seien es nicht etwa selbstsüchtige Eigeninteressen der anderen, sondern ihre anderen moralischen Standards, die uns trennten. Grundlegende moralische Einstellungen seien jedoch gleich (siehe hierzu ebenso Paul Bloom: Just Babies. The Origins of Good and Evil, Crown 2013) und angeboren, so etwa die Fähigkeit, zwischen freundlichen und grausamen Taten zu unterscheiden, Empathie und Mitleid zu zeigen und der Wunsch nach Gerechtigkeit, der Belohnung von "guten" und der Bestrafung von "schlechten" Taten. Greene hält demzufolge ein weltweit gültiges Wertesystem für die Lösung, Meinungverschiedenheiten der unterschiedlichen moralischen Gemeinschaften ("moral tribes") zu überwinden. Er sieht, utilitaristisch, das als moralisch an, was die allgemeine menschliche Zufriedenheit erhöht. Welche moralischen Vereinbarungen haben am meisten Glück zur Folge? Am Beispiel des Konfliktes zwischen Israel und Palästina argumentiert Greene, dass es nicht unterschiedliche Ansichten zum Grundbesitz, sondern unterschiedliche Versionen der Geschichte sind, aus denen die Gruppen ihre jeweiligen Ansprüche ableiten. Freilich müssten spontane Abwehrreaktionen (wie etwa gegen die Homosexualität, die daher rühren, dass einst der Bestand einer Gruppe dadurch gefährdet schien) durch den rationalen Überbau dieser Prüfung, ob bestimmte Handlungen nicht das Glück mancher Menschen erhöhen könnten, überwunden werden.  

Wenn Singer zum Nachdenken rät und Bloom vor unseren ebenfalls angeborenen üblen Neigungen ("ugly intentions") warnt, kann ich das nachvollziehen. Spricht das Zen jedoch vom Ungeborenen, in das man meditativ Einblick zu gewinnen vermag, dann ist damit eine "angeborene" Moral verbunden, die - nach meiner Erfahrung - sich weitgehend von ihrer evolutionären Verstrickung befreit hat. Greene und Singer neigen dazu, ihre Probanden in moralische Dilemmata verstrickt zu sehen, die eher aus dem monotheistischen Kulturkreis heraus verständlich werden (darum ist ihnen offenbar ein Nichteingreifen, wie es Asiaten naheliegender erscheint - ohne dass es Reue auslösen müsste-, auch keine gleichwertige Option). Es ist heute kein Problem mehr, möglicherweise angeborene Reflexe gegen die Homosexualität als evolutionär rückständig anzusehen. Um das Spektrum zu überwindender Tabus zu erweitern, könnte eine meditative Einsicht in unser Bedingtsein und unsere mentalen Irrtümer möglicherweise relevantere Folgen haben als die oben genannten wissenschaftlichen Ergebnisse, zumindest könnte sie die Forschungsgegenstände erweitern. Das könnte zu einer Skepsis gegenüber einem Hautpargument Singers führen, es sei deren Fähigkeit zum Empfinden, die unser Verhältnis zu anderen lebenden Organismen bestimmen sollte (und die er Bakterien und Algen zum Beispiel abspricht). Im Buddhismus misstraut man auch dem Sinnesapparat, der für Gefühle zuständig ist, und kann so vielleicht zu einer tieferen Einsicht in unsere Gemeinsamkeiten über die Spezies Mensch und Tier hinaus gelangen.

* in Peter Singer: The Complete Project Syndicate Archive, 2001-2012 (Project Syndicate 2012)
** Joshua Greene: Moral Tribes: Emotion, Reason and the Gap Between Us and Them (Penguin 2013)

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