Dienstag, 19. November 2013

Höchstlohn und Spendenfreudigkeit


 Abszess-Einschnitt in einer der Privatkliniken Poi Pets
 
Geben gilt in Weltreligionen als Tugend. Manche sehen den "Zehnten", also 10 Prozent des eigenen Einkommens, als angemessen an. Andere treiben es - zumindest scheinbar - noch weiter, so etwa Millardäre wie Warren Buffett und Bill Gates, die sich in einer seltsamen Aktion namens "The Giving Pledge" verpflichteten, mindestens die Hälfte ihres Vermögens für "gute Zwecke" auszugeben. Es bleibt ihnen allerdings freigestellt, ob sie dies schon zu ihren Lebzeiten tun wollen. 
   Als ich kürzlich ein Probe-Exemplar der amerikanischen FORBES-Ausgabe bekam, fanden sich darin die 400 reichsten Milliardäre der USA. Bei genauerem Hinschauen hatte Warren Buffett im letzten Jahr mit seinem Hedge Fund offenbar gut 12 Milliarden USD eingespielt und 20 gespendet. Besitzen tut er offensichtlich noch das Dreifache. Ich amüsierte mich tagelang fürstlich über die Details und Anekdoten, die FORBES rund um die reichen Erben oder Selfmade-Milliardäre zu berichten hatte. Eine Pointe ist etwa, dass ich selbst mit meinem winzigen Börsendepot 10 Prozent mehr Gewinn machte als Buffett (allerdings habe ich darin nur die paar Tausend Euro investiert, die ich nach meiner Rückkehr aus dem Ausland für ein neues Zimmer inclusive Kaution und bescheidener Einrichtung brauche).
 
 

Eine ihr Baby stillende Mutter versucht in einem durchs Hochwasser entstandenen Mülltümpel einen Fisch zu angeln
 
Die Vorstellung, dass jemand meint, er müsse Milliardär bleiben, wenn er sich auf einen Pfad der Gebefreudigkeit begibt, erscheint mir absurd. Warum sollte so einer nicht völlig schmerzfrei 60 Milliarden hergeben und als Noch-Millionär für den Rest des Lebens "ausgesorgt" haben? Die genannte Spendenaktion, die sich auf die wissenschaftliche Erkenntnis berufen kann, dass es effektiver ist, Gutes zu tun und darüber zu reden (statt "die rechte Hand nicht wissen zu lassen, was die linke tut", also den Deckmantel der Bescheidenheit darüber zu legen), erweist sich als Marketingstrategie mit dem Beigeschmack der Abbitte. Ein Software-Guru, der sein Informationsmonopol, seine Kunden, nicht hinreichend vor der NSA schützt, Börsenspekulanten, die Währungen in den Keller treiben, damit es ihnen selbst gut geht (ich habe selbst nach einer solchen Aktion von Soros mal den billigsten Urlaub in Thailand verbracht und mir die Klagen der Landbevölkerung angehört, der Ärmeren, die unter den Gewinnsucht vieler Milliardäre zu leiden haben) ... Wer Milliarden besitzen muss, weiß zumindest nicht, was Spenden (dana) im buddhistischen Sinn bedeutet und wie weit es zu gehen hat. Natürlich gilt das auch für weniger bemittelte Buddhisten, die mehrheitlich nach meiner Erkenntnis nicht mal einen Organspendeausweis besitzen. Es gibt immer was, das man hergeben kann.

Nun mache ich mir mal obiges Motto zu eigen und erzähle, was ich mit meinem schmalen Geldbeutel, ohne dass ich mich einschränken musste (und während mir meine Auslands-Krankenversicherung noch knapp 1000 Euro für eine Behandlung schuldet) in den letzten zwölf Monaten bei meinen Aufenthalten in Südostasien dahingab. Geiz macht eben nicht geil, und ich kann versichern, dass an allen Orten, wo ich war, die Armen weder von Gates noch von Buffet gehört hatten. 

- Junge, der sich auf der Straße herumtrieb (Vater im Knast, Mutter in einer löchrigen Hütte auf unbewohntem Grund untergekommen und in Teilzeit arbeitend) 4 faule Zähne ziehen lassen (20 USD, laut Zahnarzt normalerweise doppelt so teuer)
- Ultraschalluntersuchung des aufgeblähten Bauches o.g. Mutter (6,5 USD) und teilweise Abszessbeseitigung in ihrem Gesicht (wg. Ängsten oder Bescheidenheit, aufgrund der zu erwartenden Gesamtkosten, von ihr abgebrochen), plus Antibiotikagabe (10 USD)
- Mädchen 2 Std. Englischunterricht pro Werktag bezahlt (incl. einer Mahlzeit täglich, Uniform und Lernmaterial 260 USD/Jahr), Vater ist Leergutsammler und Naturheiler
- demselben ein gebrauchtes jap. Fahrrad gekauft (60 USD), u.a. weil der Schulweg zu Fuß hin und zurück gut eine Stunde dauerte
- anderem Mädchen einen Computerkurs (30 USD) und Baumaterialen (Wellblech, Nägel) zur Neudeckung ihrer regennassen Unterkunft besorgt (60 USD)
- einer Halbwaisen in einem Dorf 2 Silberohrringe geschenkt (statt sie der Neffin mit nach Deutschland zu nehmen), als mir ihr Familiendilemma klar wurde (Schmuck wird gern als Sicherheit verwendet, statt Geld auf die Bank zu tun)
- zwei Taxis mit kranken Kindern und Angehörigen vollgestopft (man weiß erst, wie viele Menschen in ein Taxi passen, wenn man in Kambodscha war) und in ein zweieinhalb Stunden entferntes, aus dem Ausland gesponsertes Kinderhospital gebracht, weil sich auch die Einheimischen dort eine bessere Behandlung versprachen als an ihrem Heimatort (doch dazu bald mehr)
- bei jedem der zahlreichen Visaruns auf kambodschanischer Seite die bettelnden Kinder und teils auch Erwachsene zum Essen eingeladen, weitere Abszesse beseitigen, Krankheiten wie Durchfall und Bronchitis behandeln und einen Schneidezahn ersetzen lassen
- Stofftiere, Spielzeug und Snacks aus Thailand mitgebracht und ebenda verteilt
usw.

Die obigen Details werden noch von Interesse sein. Ich nehme sie als Einleitung, um in Kürze einen Bericht über meine Erfahrungen mit Hilfsorganisationen in Kambodscha folgen zu lassen, der mich zum Schluss brachte, keinen einzigen Cent mehr zu spenden, von dem ich nicht selbst direkt sehe, wo er hingeht. Natürlich kann nicht jeder in ein bedürftiges Land reisen, und prinzipiell ist auch dann die Frage, wieso man den dort in der Regel herrschenden Korrupten ihre Arbeit und Verantwortung abnehmen soll. Die Arbeit von Hilfsorganisationen erscheint mir inzwischen jedoch als oft zu ineffektiv. Im Grunde zwingt man ein Land erst dann in grundlegende Veränderungen, wenn man es zur Selbsthilfe drängt, statt es von eigener Güte abhängig zu machen.
 
 
 Hochwasser im Grenzort Poi Pet (das Wasser fließt nach Angaben der Khmer vor allem von thailändischer Seite ein)

Interessiert habe ich auch die Diskussion in der Schweiz (1:12 Initiative) zur Kenntnis genommen, die darauf abzielt, das Gehalt von Managern und dergleichen auf das Zwölffache des Durchschnittslohnes im Unternehmen zu deckeln. Über die Gehaltsvorstellungen mancher Entscheider habe ich mir Gedanken gemacht. Was sollte einer verdienen, der einen 16-Stunden-Tag hat? Zunächt das Doppelte von einem, der nur halb so viel arbeitet. Was einer, der Verantwortung trägt (wie ein Arzt)? Nun gut, das Dreifache. Was einer, der dafür besonders lange ausgebildet wurde? Schön, das Vierfache. Und was einer, der an exponierter Stelle besonderen Gesundheitsrisiken (Ansteckung, Entführung, Anschlägen) ausgesetzt  ist oder der sich z.B. durch besondere Originalität (wie Künstler, Sportler) hervortut? Das Fünffache. Warum sollte der Manager eines Unternehmens, dessen Fliessbandmonteure 3.000 Euro mit nach Hause nehmen, mehr als 15.000 Euro verdienen? Warum der Chirurg, der einem Klempner einen Bypass legt, mehr als das Fünffache dessen, der ihm die Armaturen im Bad in Ordnung bringt?
 

Einwohner aus den Armenvierteln Poi Pets haben sich unter einem Marktdach versammelt, weil ihre Hütten unter Wasser stehen. Der Muskulöse im Vordergrund schiebt beruflich einen Sackkarren mit Lasten über die Grenze, manchmal auch einfach Touristengepäck. Zwei seiner kleinen Kinder litten zu dieser Zeit unter hartnäckigem Durchfall und Fieber. Im Hintergrund eine Familie, die, als ich sie ein paar Monate vorher mit einem Besuch überraschte, gerade eine Ratte vor ihrer Hütte gegrillt hatte, als Abendessen.
 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Das Sichten und Freischalten der Kommentare kann dauern.