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Vor der Ehe noch schnell mal Mönch werden (103 kg)

"Tini erwiderte mit Entschiedenheit: 'Weil er ... seine Liebe heißt für mich Angst, Zweifel, Erstarrung; sie stürzt mich in Wirrnis und noch größere Leere ... ich habe doch nichts, was ich ihm geben kann außer bloßem Sand, einer ganzen Sandwüste ... ich habe keine Liebe, in die er sich flüchten kann - und gerade die braucht er! Liebe ... ich habe keine, bin ausgebrannt ...'" [Arminjn Pane: In Fesseln (Horlemann 1993)] Ich bin einst im "wahren Leben" einer solchen Frau begegnet. Es war beim letzten Mal, als ich verliebt war - und das erste Mal, dass ich mit klarem Blick da durch ging, und mir, sehenden Auges, nichts ersparen wollte. Im Nachhinein stellte sich wie immer die Frage, ob es nicht vielleicht besser ist, sich überhaupt nicht in die damit verbundenen Illusionen zu verstricken und ohne solch tiefe Gefühle für eine bestimmte Person durchs Leben zu gehen. Ich habe diese Frage für mich verneint. Aber ich suche nach nichts, warte, was das Leben an Üb...

Gedichte von Saigyô

 "Nun sind die Blüten überall, und ich kann hingehen,  wo ich nie zuvor gewesen bin." Saigyô (1118-1190) war ein  Wandermönch und -poet der Shingon-Schule. Viele seiner Verse wurden eingeleitet von Angaben zu Ort, Zeit und Anlass der Gedichte. Er schrieb gern über die Kluft zwischen Wirklichkeit und Erscheinung und über Handlungen und Ansichten, die die gewöhnliche Gesellschaft aufgrund ihres Hangs zu Illusionen nicht begreifen konnte. Saigyôs Ablehnung dieser Gesellschaft ging einher mit dem Wunsch nach Anerkennung für sein poetisches Talent. Er brachte sowohl sein Vergnügen als auch sein Leiden am Leben eines Einsiedlers zum Ausdruck. Saigyôs Verse tragen zuweilen metaphysische Züge, die in einer tiefen ekstatischen Erfahrung gründen. Die Form des waka -Gedichtes (das aus 5-7-5-7-7 Silben besteht) verstand er als eine Art buddhistisches Mantra. Natürliche Schönheit war für ihn ein Ausdruck der Erleuchtung, und von ihr beeinflusst zu werden bedeutete die Übung ...

Flüchtlinge (104 kg)

"Die Grundlage jeder Regierung ist das Recht und nicht das Mitleid." (Woodrow Wilson) "Es gibt Obergrenzen, wie viele Migranten ein Land integrieren kann. Eine offene Gesellschaft braucht Grenzen, um offen bleiben zu können in einem Umfeld voller Illiberalität." (Der niederländische Soziologe Paul Scheffer in der SZ vom 31.01.2016).  In den vergangenen Wochen machte mich die Polizei mehrfach stutzig. Ja, die Polizei. In einem Video über eine Auseinandersetzung von offensichtlichen Ausländern mit Deutschen in der Münchner U-Bahn sah sie keine Straftat, obwohl ein Fahrgast in den Schwitzkasten genommen wurde.* Und auf die Bemerkung einer AfD-Politikerin, an der Grenze solle die Polizei notfalls von der Schusswaffe Gebrauch machen, hörte man aus deren Gewerkschaftskreisen, dies sei nur bei einem Verbrechen und Flucht möglich. Offenbar geht es hier um Wortglauberei. Während die AfD-Vorsitzende sich auf einen illegalen Grenzübertritt bezog, ist tatsächlich - ...

Miet dir nen Mönch!

Dieser Tage ging durch die Presse, dass eine große buddhistische Organisation Japans gegen den Miet-Mönche Service protestierte, der über Amazon angeboten wurde. "Obo-san bin", so der Name des Dienstes vom Anbieter  Minrevi , blieb nämlich bei diversen Leistungen (ab 300 USD), etwa für Beerdigungen, um ein Vielfaches unter dem, was Tempel üblicherweise an horrenden Gebühren verlangen. Zudem fehlt vielen Japanern inzwischen jeder Bezug zu einem bestimmten Tempel.     Der Fall ist nicht nur interessant, weil sich hier der übliche Futterneid auf dem kapitalistischen Markt offenbart - ohne Rücksicht auf die sakralen Inhalte, die angeboten werden -, sondern auch, weil damit eine Chance vertan wird, das Religionsgewerbe als solches transparent zu machen. Ganz so deutlich wollen viele eben nicht aufs Brot geschmiert sehen, worum es meistens geht. Aus diesem Grund habe ich mir mal so meine eigenen Gedanken gemacht, welche Angebote denn für einen Miet-Mönch Sinn machen wür...

Die Tachikawa-ryu: Heilmittel gegen "Schwanzblocker"

Die  Tachikawa-ryu  sind eine Schule des esoterischen japanischen Shingon-Buddhismus, die der Mönch Ninkan (1057-1123) in Anlehnung an das indische Tantra begründete. Ihre Praktiken wurden als schwarze Magie bezeichnet, u.a. spielten auch Totenschädel dabei eine Rolle. Selbst im Shingon selbst machte sich diese Schule Feinde, wurde bekämpft und soll schließlich Ende des 17. Jahrhunderts ausgestorben sein. Anderer Meinung ist - zurecht - John Stevens in seiner kurzen Fiktion " Tantra of the Tachikawa Ryu . Secret Teachings of the Buddha" (Berkeley 2010), in die er freilich tatsächliche Geschehnisse und Lehren einwebt. Dieser Text ist interessant, weil er von einer Art der (buddhistisch motivierten) sexuellen Vereinigung spricht, die so erlebt wird wie eine Erleuchtungserfahrung. Es ist eine Form von Sexualität, die vielen Menschen verschlossen bleibt, wie ich in Gesprächen wiederholt feststellte. In ihr entsprechen sich Einsicht in die eigene Natur und Einsicht in die Natur ...

Peter Matthiessen über Eido Shimano Roshi ...
und Selbstentlarvendes von Bernie Glassman

Zunächst: Ich habe Bernie Tetsugen Glassman wieder in die Liste der kritisierten Lehrer am rechten Bildrand der Startseite aufgenommen* [auf diese Listen verzichte ich seit einiger Zeit, Januar 2019]. Da ich von einigen Schüler(inne)n, die sich auf ihn berufen, kürzlich ganz Brauchbares las, war er von dort zeitweise verschwunden. In Peter Matthiessens "Am Fluss des neunköpfigen Drachen " (München 1989) wird Glassman jedoch zitiert, wie er sein Erwachen nach dem Lösen des Kôan Mu beschreibt: "... als ich anschließend ins Freie ging - also, da war ein Baum, und als ich ihn ansah, da war ich nicht einfach der Baum, es ging tiefer. Ich spürte den Wind in meinen Zweigen, ich spürte die Vögel auf mir, aller Unterschied war vollständig ausgelöscht." (S. 134) Nach dieser Beschreibung zu urteilen offensichtlich nicht - denn Vogel und Baum sind noch getrennt, die Identifikation ist selektiv (hier mit einem Baum). Auch den Dôgen versteht Bernie Glassman nicht recht: ...

Die fragwürdige Selbstdarstellung Sheng-yens

Grundlage für diesen Beitrag ist ein kritischer Aufsatz von Stuart Lachs. In einem Forum wurde behauptet, Sheng Yen sei "sauber" gewesen. Sheng Yen war Soldat. Das ist im klassischen buddhistischen Sinn schon nicht mehr sauber (auch wenn dies nicht meine Meinung ist). Sheng Yen hat in seiner (Auto)Biografie gelogen. Das ist nicht sauber. Sheng Yens Dharma Drum Tempel ist ein Megafinanzprojekt (100 Mio. USD Spendengelder stecken da drin, siehe Fußnote 76 im o.g. Essay). Auch das ist nicht "sauber". Das ist Status. Als Alternative wurde vorgeschlagen, ihn als sauber "bezüglich sexueller Verfehlungen" zu verstehen. 1) Woher wollen wir das wissen? Ich kenne eine Wissenschaftlerin, die gerade untersucht, warum einige Geistliche an den Pranger gestellt werden und andere nicht. Das ist ein interessantes Thema. Auch, warum einige überhaupt auffliegen und andere nicht. Zeiten, die in einer Biografie nur als "solitary retreat" (bei Shen...

Klosterregeln im Chan
(Essay von T. Griffith Foulk)

In jüngerer Zeit waren in einem Forum Fragen nach der Bedeutung des Vinaya im Zen aufgekommen. Aus diesem Anlass fasse ich Kapitel VII über die „institutionelle Geschichte des frühen Ch’an“ aus der Dissertation von T. Griffith Foulk zusammen, die den Titel trägt: The Ch’an School and its Place in the Buddhist Monastic Tradition (University of Michigan 1987). Der Einfachheit halber verzichte ich auf den durchgängigen Konjunktiv, auch wenn ich Foulks Erkenntnisse wiedergebe. Die Forschung zu Klöstern des Chan in der Tang-Zeit (618-907) konzentrierte sich auf drei Punkte: 1) die Frage nach frühen Klosterregeln (ch’ing-kuei) , besonders dem so genannten „Pai-chang Kodex“ (Pai-chang ch’ing-kuei) ; 2) die Frage nach dem institutionellen Umfeld der Chan-Mönche vor der Zeit Pai-changs; 3) die Frage nach gemeinschaftlicher körperlicher Arbeit (p’u-ch’ing tso-wu) im frühen Kloster-Chan und der behaupteten ökonomischen Unabhängigkeit der Chan-Schule von traditionellem Gönnertum. Foul...

Samadhi im frühen Chan
(Essay von Bernard Faure)

Ich fasse zusammen den Essay „The Concept of One-Practice Samadhi in Early Ch’an“ von Bernard Faure (aus: Studies in East Asian Buddhism 4 , Honolulu 1986, S. 99-128). Wer sich für Feinheiten interessiert, kann wahrscheinlich auch Englisch und findet das Original über die Google-Suche. Ich habe das letzte Kapitel (III. „Über den Hintergrund der Sekten …“ zur Nord- und Südschule im achten Jhd. etc.) vernachlässigt. Als Motivation für die Vorstellung gerade dieses Essays könnte dieser Satz stehen: “ This ambiguity is most clearly evident in the Leng-ch'ieh shih-tzu chi and its use of the one-practice samadhi—understood sometimes as one simple practice, but more often, or more fundamentally, as the one absolute or "sudden" practice, that is, no practice whatsoever, or pure spontaneity.” „Diese Zweideutigkeit ist am offensichtlichsten im Leng-ch’ieh shih-tzu chi [Anm.: einem Werk, in dem Gunabadhra als der erste Chan-Patriarch gilt, nicht Bodhidharma] und se...