Mittwoch, 20. Januar 2016

Peter Matthiessen über Eido Shimano Roshi ...
und Selbstentlarvendes von Bernie Glassman

Zunächst: Ich habe Bernie Tetsugen Glassman wieder in die Liste der kritisierten Lehrer am rechten Bildrand der Startseite aufgenommen*. Da ich von einigen Schüler(inne)n, die sich auf ihn berufen, kürzlich ganz Brauchbares las, war er von dort zeitweise verschwunden. In Peter Matthiessens "Am Fluss des neunköpfigen Drachen" (München 1989) wird Glassman jedoch zitiert, wie er sein Erwachen nach dem Lösen des Kôan Mu beschreibt: "... als ich anschließend ins Freie ging - also, da war ein Baum, und als ich ihn ansah, da war ich nicht einfach der Baum, es ging tiefer. Ich spürte den Wind in meinen Zweigen, ich spürte die Vögel auf mir, aller Unterschied war vollständig ausgelöscht." (S. 134)

Nach dieser Beschreibung zu urteilen offensichtlich nicht - denn Vogel und Baum sind noch getrennt, die Identifikation ist selektiv (hier mit einem Baum). Auch den Dôgen versteht Bernie Glassman nicht recht: "Dôgens große Leistung war die Einsicht, daß gesammelt gelebter Alltag und Erleuchtung ein und dasselbe sind - und mit seinem eigenen Leben setzte er dafür ein Beispiel." (S. 197) Ein Beispiel für wen? Dôgens aufs Kloster fixierte Leben konnte lediglich ein Beispiel für andere im Kloster Lebende sein. Dies wird von Dôgen-Anhängern immer wieder übersehen. Wer vom Leben außerhalb des Klosters nicht mehr genug mitbekommt, der kann auch kein Beispiel für die außerhalb Lebenden sein. Dôgens Existenz drehte sich im Kreis, sein Alltag war exklusiver Kloster-Alltag, mit wenig Übereinstimmung zum Alltagsleben eines Normalbürgers.

Zurück zu Peter Matthiessen. Er saß zunächst im Dôjô von Eido Shimano. Er streift in seinem Zen-Tagebuch auch einen Zwischenfall, der Shimanos Sangha verstört, und wie er sich schließlich selbst von diesem Lehrer lossagt; die Details würden freilich den Rahmen seines Buches sprengen. Es bleiben einige interessante Anekdoten und Beschreibungen, die auch Matthiessens eigene Entwicklung charakterisieren:

"Als ich Tai-san [Shimano] von dieser Geistesgegenwart und Kraft erzählte und eine Art Verzückungszustand eingestand, sagte er leise: 'Sie haben transzendiert.'" (S. 35)

"... am 14. Dezember stellte die örtliche Klinik metastasierenden Krebs [bei Matthiessens Frau Deborah] fest. Als ich Tai-san zwei Tage später davon unterrichtete, blieben wir einige Minuten stumm zusammen sitzen. Dann sagte er leise: 'O Peter', und gab mir seinen wunderschönen roten Fächer als Geschenk für Deborah. Die Kalligrafie auf dem Fächer, von Sôen [Nakagawa] Rôshi ausgeführt, bedeutet 'Heimgehen'." (S. 36)

"Nachdem er das Sesshin Hôkô [Deborah] gewidmet hatte, schwieg er lange. Dann fuhr er leise fort: 'Im letzten Monat, während des Rôhatsu-Sesshin, starb Suzuki Rôshi an Krebs. In diesem Monat stirbt Deborah Matthiessen an Krebs.' Wieder schwieg er endlose, spannungsgeladene Sekunden. 'Wer von Euch ... wird der nächste sein? Und jetzt ... sitzt!' Die Worte nächste und sitzt kamen mit schneidender Schärfe; sie klangen nach wie Peitschenhiebe ..." (S. 39)

"Am Nachmittag gingen wir Muscheln suchen. Nie zuvor oder seither habe ich Tai-san so entspannt und fröhlich gesehen wie an jenem Tag, als er mit seinen Brudermönchen vom Ryûtaku-ji Muscheln ausbuddelte. Später in jenem Jahr sollte er von seinem Lehrer Inka, 'das Siegel der Bestätigung', erhalten, und Sôen Rôshi nannte ihn bereits Eido-shi, was die Kurzform von Eido Rôshi ist." (S. 42)

"... ich erinnerte ihn daran, was er uns im Teishô über seinen eigenen Status als Rôshi gesagt hatte, der ihm, so fand er, wegen seiner Stellung als Abt und Zen-Lehrer hier in New York von Sôen Rôshi frühzeitig aufgenötigt wurde. Zwar hatte er die Kôan-Schulung schon Jahre zuvor abgeschlossen, aber er fühlte sich noch nicht reif für Inka, das Siegel der Bestätigung, das ihn zu einem 'alten Meister' machte. Während Nyôgen Senzaki ein 'wa-a-ahrer Meister' gewesen sei, ohne jemals von einem bestätigten Meister Inka erhalten zu haben, betrachtete er sich noch als 'technischen Rôshi', als 'gelbgrüner-Apfel-Rôshi', der eines Tages reif zu werden hoffte." (S. 50)

"Bei einem späteren Teishô wirkte er blaß, fiebrig, beharrte darauf, daß Dankbarkeit gegenüber dem Meister wichtiger sei als Kenshô. Mein Herz war mit ihm in seiner ganzen Schwäche, auch wenn kein Zweifel daran bestand, daß er nicht loyale Freundschaft wollte, sondern bedingungslose Unterwerfung. Die Forderung seiner amerikanischen Schüler nach offener Diskussion seines Handelns faßte er offenbar als Anarchie und Gesichtsverlust auf ..." (S. 77)

"Der stärkste Eindruck war jedoch Sôen Rôshis Fehlen, dass Eido Rôshi als 'schweigende Unterweisung' bezeichnete." (S. 79)

[* Dieser Beitrag wurde, incl. des folgenden Videos, vor Bekanntwerden der Nachricht verfasst, dass Glassman am 12.1. einen Schlaganfall erlitten hat.]

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