Mittwoch, 4. November 2015

Warum die erste Regel gegen das Töten
sich nicht auf Insekten bezieht

Gerade las ich wieder, wie selbstverständlich ein User die sila des Nicht-Tötens auf Tiere, in diesem Fall Insekten, anwendet. Dies betrachtet er als ethische Übung. Was aber steht überhaupt in dieser sila?

Die erste Sila lautet: Panatipata veramani sikkhapadam samadiyami 
Pana verweist z.B. nach Bhikkhu Bodhi offenbar auf jedes Wesen mit Atem und einem Bewusstsein. Eigentlich ist es der "Atem des Lebens". Pflanzen sollen nicht darunter gefasst werden. atipata ist Töten oder Verletzen. 

Das erste Problem deutet sich damit schon an: Nach dem aktuellen Stand der Hirnforschung gestehen wir Bewusstsein bestenfalls einigen Säugetieren zu. Insekten nicht. (https://www.dasgehirn.info/denken/bewus ... wusst-6082)

Desweiteren findet bei Pflanzen die Photosynthese statt, die wir heute als passive Atmung (Austausch von Gasen) bzw. "Respiration" begreifen können. Zu Buddhas Zeiten gab es dieses Wissen wohl nicht. Demnach müssten wir heute korrekterweise unter die erste sila auch Pflanzen fassen, wenn wir schon Lebewesen ohne Bewusstsein miteinbeziehen - und müssten dann bei Befolgen der sila verhungern.

Folglich sollte man verstehen, welchen Zweck die sila haben. Sie sollen Liebe, Respekt, Harmonie und Einheit erzeugen (siehe A.III,287; M.I.322, Ausgabe nach der Pali Text Society). Sich an diese sila zu halten wurde als Gabe (danani) gesehen, von der Gebender wie Empfangender profitieren würden, und zwar so: Wenn ein Edler die fünf sila praktiziert, dann verleiht er Freiheit von Furcht, Hass und bösem Willen an zahllose Lebewesen (nach A. IV, 246). An einer anderen Stelle nennt der Buddha dies förderlich für die Konzentration und Freiheit spendend. (A. III, 132).

Denken wir mal einen Moment darüber nach, ob diese Dinge zutreffen können, wenn mit den Lebewesen tatsächlich Tiere gemeint wären. Verlieren Tiere prinzipiell ihre Furcht, ihren Hass (und kennen sie diesen überhaupt?), wenn man sie nicht tötet, oder geht es hier doch nur um den Ausübenden der sila, den Menschen? Wird etwa einem Insekt Konzentration geschenkt, wenn man es nicht tötet? Hier wird also schon klar, dass die sila in Hinblick auf diese Effekte gar nicht dem Nutzen der Tiere dienen kann, sondern allein dem der Menschen. Die Aussage, dass diese Effekte bei "zahllosen Lebewesen" zuträfen, ist widerlegbar. Die Motivation für das Verschonen von tierischem Leben wäre demnach menschlicher Eigennutz - die Harmonie unter den Menschen. Aber auch diese Harmonie würde recht schnell in Hungersnöten schwinden, wenn Menschen der Genuss von Fleich verboten würde. Eine solche Situation dürfte zu Lebzeiten Shakyamunis hinreichend bekannt gewesen sein. Also kann es nicht ums Verschonen von Tieren gegangen sein.

Das Fazit ist: Die erste sila kann sich aufgrund weiterer Erläuterungen des Buddha nur auf das Nicht-Töten von Menschen beziehen (so man eine innere Logik des Palikanon sucht). Nach modernen Erkenntnissen wäre zu überlegen, ob man bestimmte hoch entwickelte Säugetiere darunter fasst (die Tiere, die wir gemeinhin zum Essen schlachten, gehören in der Regel nicht dazu). Insekten fallen gewiss nicht unter diese Regel. Wer die Regel allzu wörtlich auslegen will und den Zusammenhang mit den o.g. Textstellen leugnet, wird sich die Frage gefallen lassen müssen, warum er Pflanzen tötet.

Kommentare:

  1. Samanera (Novize) ... hat einen Kommentar verfasst, der einmal mehr die Deutung aus Mönchssicht auf die der Laien unzulässig übertrug und von den Wasserfiltern der Mönche etc. sprach. Ich unterstütze diese Verwirrung hier nicht. Wer ein Mönch sein und einen Wasserfilter benutzen will, um angeblich Insekten zu schützen, sich aber Fleischspeisen in den Bettelnapf geben lässt, der soll das mit sich ausmachen. Für Laien gelten auch im Buddhismus Laienregeln und nicht, was Mönchen angeraten oder vorgeschrieben wurde.

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  2. Bei den Laienregeln bezieht es sich meines Wissens nach tatsächlich nur auf das nicht Töten von Menschen.

    Das Töten als unheilsame Handlung verstehe ich gegenüber allen fühlenden Lebewesen. Genauer, Lebewesen, die angenehme, unangenehme und neutrale Bewustseinszustände haben können.

    Ich stecke nicht in einer Fliege, aber ich kann mir schon vorstellen, dass sie etwas unzufriedener ist, wenn sie auf einer Fliegenfalle klebt. Sind Bienen Insekten? Ich bin unsicher. Aber man sieht oft, wie sie Drohgebärden machen.

    Würmer snd kein Plan was, aber das Aufspießen auf den Angelhaken finden sie sehr sehr unangenehm.

    Man macht das alles zum einen für sich selbst, aber daraus gewöhnt man sich eine immer mehr friedvolle Haltung gegenüber Lebewesen an. Als Resultat vermeidet man negative HAndlungen und Gedanken und man stärkt das Vertrauen denen gegenüber, die im näheren Umfeld sind.

    Btw, es gibt einige MEnschen, die auch auf das Essen von Pflanzen verzichten... und ja, sie sterben. Aber auf die Art wird man sich Geistig nicht besonders gut weiterentwickeln können. Meine Meinung.

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