Mittwoch, 10. September 2014

Achtsames Essen mit Jan Chozen Bays

"Ts'ao-shan ist frei, alles zu essen." 

(Ts'ao-shan Pen-chi, 840-901)

Kürzlich schrieb ich noch in einem Kommentar, mir würde langsam der Stoff für diesen Blog ausgehen, was gezielte Polemiken angeht, bzw. ich würde mich wiederholen. Auf der anderen Seite geschieht es immer wieder, dass ich, um Thesen zu überprüfen (z.B. bestimmte Lehrer brächten keine sie übertreffenden Schüler hervor [Peter Matthiessen hatte Bernie Glassman nicht nötig, sondern umgekehrt]), mich wal wieder an einigen "Roshis" entlang durchs Netz klicke.
   Was macht z. B. Jan Chozen Bays, die Kinderärztin, authorisiert vom verstorbenen Alkoholiker Maezumi Roshi, der mehrfach verheiratet war und mit dem sie eine Affäre gehabt haben soll? Sie lehrt achtsames Essen, und sie gilt auf dem Gebiet des sexuellen Missbrauchs als Expertin. Da steigt mir natürlich gleich ein diebisches Grinsen ins Gesicht, wird doch im Palikanon sexueller Missbrauch in erster Linie als Ehebruch verstanden.
   Achtsames Essen? Gerade habe ich von meinem Kardiologen die thailändische Aufschrift meines Glucerna-Pulvers, das ich fälschlicherweise für ein Diätprodukt im Sinne unseres Almaseds in Deutschland hielt, entziffert bekommen: "Das ist für Menschen, die nicht mehr normal essen können", sagte er, "zu viel Zucker und Kalorien. Kein Wunder, dass Sie wieder zugenommen haben ..." Ich Depp! Immerhin, ich habe gerade die magische 108 (kg) erreicht.
   Achtsames Essen, wie es moderne Zenlehrer erfinden (so viele sind ja auf dem Trip, sie müssten da was Kreatives raushauen: Achtsames Atmen, Achtsame Geistbasierte Stressreduktion - Achtung, möglicherweise Copyright-geschützt! etc. pp.)? Auf Jon Chozen Bays Infoblatt heißt es, dass jedem seine eigenen Gewohnheiten gelassen werden, es ginge um eine Erziehung zum bewussten Essen mit Gewahrsein der Folgen für die Umwelt. Da wird also versucht, dem klassischen Zen treu zu bleiben (Nicht-Werten), aber insgeheim ist klar, dass eine gewisse Position vonnöten ist.
   Ich habe mich kürzlich mal wieder seltsam an der eigenen Spucke verschluckt, ohne überhaupt gegessen zu haben, und kam dem "trockenen Ertrinken" nahe, als der Stimmritzenverschluss einsetzte. Na sowas, dachte ich, ganz ohne Essen, wäre das nicht ein wirklich köstlicher Witz, so zu verrecken? (Es war freilich gar nicht so witzig.) Ab und an gehe ich zum Burgerladen und esse achtsam und genussvoll den Fischmäc oder den McMuffin mit Speck. Dabei kann ich mir durchaus die ganze Herstellungskette vorstellen, da ich ja beim Töten von Tieren mit Bolzenschussgerät schon als Kind dabei war (wir lebten und arbeiteten auf einem Bauernhof). Nicht-wertend geschieht überhaupt nichts, außer dass mir der Burger mal wieder saugut oder rindsgut oder kabeljaugut schmeckt.
   Nun stellt sich die Frage nach der Empathie. Was, wenn ich mir vorstelle, wie das Tier starb? Ich denke, so möchte ich auch sterben, mit einem kurzen Dong und aus ist. Was ist mit dem Leben davor? Nehmen wir an, ich imaginiere das Huhn in einem engen Käfig, wo es sich mit anderen hackt. Meine Vorfahren haben noch Tiere in der Wildnis erlegt, die damit rechnen mussten, von anderen verletzt oder aufgefressen zu werden. Das Tierleben ist eben mal kein Zuckerschlecken (außer für die kleinen Ameisen in meiner Bude, die gerade über einen Krümel am Boden herfallen). Ich esse Wild wegen des intensiven Geschmacks lieber als Haustiere, aber die Tiere auf dem Burger gab es ja so in der Wildnis gar nicht, die wurden ja quasi für den Burger erfunden und gezüchtet. Im Grunde ist ihr Leben nicht viel tragischer als das in freier Natur. Isst einer z.B. eine Schildkrötensuppe, so ist die aus einem Tier gemacht, das eine minimale Überlebenschance hatte - die meisten frisch geschlüpften Schildkrötchen überleben die ersten Tage nicht, sondern landen in den Verdauungstrakten anderer Lebewesen. Es ist also schwer möglich, durch rationale Überlegungen auf das Mitempfinden zu kommen, das die Fleischkonsum-Gegner oft geltend machen. Es dürfte sich durch "Achtsamkeit" wenig an den Essgewohnheiten ändern, da hierdurch nur rationale Gedankengänge ausgelöst werden. Das Nicht-Wertende ist vorgeschoben, denn ohne Wertung wird man weder von den Chips noch von der Cola noch vom Burger lassen.
   Im Palikanon gibt es keine Grundlage für diese Dinge, sie haben also gar nichts mit Buddhismus zu tun. Auch damals hielt man schon Haustiere, die Tötungsarten dürften eher dem Schächten geähnelt haben, die Mönche bekamen Fleisch gespendet, Butter, Zucker und Honig wurden ausdrücklich als "Medizin" empfohlen, alles Dickmacher, und Theravada-Mönche werden noch heute nach Mittag damit in den Häusern verköstigt, in die sie eingeladen werden. Überall auf der Welt sieht man dicke Mönche, sicher auch, weil die buddhistischen Essensregeln nicht hinreichend mit modernen Erkenntnissen übereinstimmen.
   Neulich zitierte ich aus einem Roman, dass Tiere nur unsere Nähe suchten, wenn wir ihnen zu essen geben. Umgekehrt ist es nicht weiter verwunderlich, dass wir gerne auch von Tieren zu essen bekommen, und da keinem von uns, wie in einer Zen-Geschichte, die Vögel Nüsse beibringen, nehmen wir es uns von den Tieren selbst. Darin steckt eine gewisse Logik, zumal, wenn ich achtsam den Lauf der Natur betrachte. Würden wir keine Haustiere schlachten, dann gingen wir wieder hemmungslos auf die Jagd, und da das Wild nicht ausreichte, würden wir wieder Haustiere züchten. 
   Die Achtsamkeit wird manchmal durch sehr individuelle Tatsachen erzwungen. Ich vertrage seit einigen Jahren das geschätzte scharfe Essen nicht mehr (Reflux). Kürzlich lief ich zufällig in ein Gebäude, das hellstes Entzücken in mir auslöste, es war voller japanischer Restaurants (sogar eines im Maiko-Stil, wo junge Frauen in sexy Manga-Maid-Outfits bedienen und zu Fotoshootings gegen Entgelt bereits sind), es gibt da japanischen Melonenkuchen, Grüntee-Eis; Omu-Omeletts und sahnegefülltes Gebäck (Chou Cream). Meine Achtsamkeit gebot mir, von den meisten der fetten und scharfen Speisen Abstand zu nehmen, jedoch war ich mir auch meiner Sinnenlust gewahr und der Vergänglichkeit meines Lebens und habe genau deshalb (!) sogar mein Kimchi-Schälchen aufgefuttert. In der Nacht brauchte ich dann Galviscon, was es hier glücklicherweise zu kaufen gibt. Mein Tipp also: Gateway Ekamai in Bangkok, nahe der Bushaltestelle. Wieso sollte man, wenn man achtsam ist, seine Bedürfnisse ignorieren?
   Was "Achtsamkeit" (mindfulness) im Zen bedeutet, habe ich kürzlich durch Zitate aufgezeigt. Es ist ein weiterer Begriff aus der Tradition, den manche Zenlehrer einseitig für ihre persönlichen Überzeugungen und ihre Spendenbüchsen missbrauchen. Die von Chozen Bays geforderte "Freiheit von gewohnheitsmäßigem Verhalten und Denken" würde dann also auch umfassen, dass ich frei vom reflexartigen Verzicht auf Genussmittel bin. Das lässt sich alles in sein Gegenteil verkehren, weil es letztlich gar nicht wertfrei ist. Wer irgendwelche Zweifel hat, dass die übliche Essens-Ideologie sich hinter dem Konzept der Zenlehrerin verbirgt, kann ja mal in das folgende Video reinschauen (Motto: Chicken Nuggets können keine Medizin für unseren Körper sein - "dies ist keine Nahrung, dies ist etwas anderes" - ich hingegen wette einen Tausender, dass jemand sich ein Jahr von Chicken Nuggets und Cola ernähren kann, ohne zu krepieren).
   Wie sehr sich die Menschen der naheliegenden (nicht-verschwenderischen) Ernährung entfremdet haben, zeigt sich dann auch in den Anmerkungen eines Berichtes im Stern, wo die (vermutete) Verarbeitung von Hühnchenknochen und -füßen als eklig bezeichnet wird. Nicht nur habe ich schon als Kind gerne an den abgebissenen Enden von Hühnerknochen das Mark herausgesaugt, Hühnchenkrallen sind noch immer eine beliebte und schmackhafte Suppenbeigabe in Asien. Der Westen zeigt mal wieder allen seine Scheuklappen, und Jozen Bays, wo sie nicht loslassen will.
   Dies ist keine geistige Nahrung, dies ist etwas anderes ...
  


Wer Englisch versteht, kann sich hier an einer Studie zum achtsamen Essen beteiligen, damit auch diesen Leuten vielleicht ein Licht aufgeht. 


Kommentare:

  1. Namaste!

    Bei mir wurde meine fortwährende Fleischkonsum-Minderung - von täglich bei jeder Mahlzeit zu äußerst seltenen Gelegenheiten (Eingeladen, Restaurantbesuch, auf Reisen und Fortbildungen; nie zum Frühstück) - hauptsächlich von der von Dir angeführten "üblichen Essensideologie" ausgelöst (Treibhausgase, Umweltzerstörung, Nahrungsmitteleffizienz, Tierleid bei Massentierhaltung).

    Diese empfinde ich allerdings als global zu wichtig, als dass man sie einfach "hinwegwischen" sollte.

    Die buddhistischen Ideologien sind da aus meiner Sicht mehrdeutig und zurechtbiegbar.

    Der Fleischverzehr von gespendeten Tieren, "die nicht für einen getötet wurden", lässt sich natürlich leicht bewerkstelligen, wenn man verleugnet, dass das Vieh letztlich doch immer nur für den Endverbraucher getötet wurde. Das ist aus meiner Sicht deshalb heute absolut kein Argument mehr sondern ein antikes Überbleibsel einer längst vergangenen Zeit.

    Vor dem Veganismus, wie er teilweise in chinesischen und vietnamesischen Klöstern praktiziert wird, habe ich den größten Respekt.
    Dieser Respekt nimmt allerdings schnell ab, wenn man die "gutes Karma durch Tierbefreiungen-Praxis", die dort üblich ist genauer unter die Lupe nimmt. Da werden dann kleine Schildkröten und Goldfische aus Eimern "freigekauft" und in den viel zu engen und absolut überfüllten Tempelteich oder gar -Pool "freigelassen" - und das für gutes Karma....

    Während eines Klosteraufendhalts in Japan wurde ich vor der ersten Mahlzeit wie beiläufig gefragt, ob ich Vegetarier sei - was ich wahrheitsgemäß verneinte.

    Zwei Tage später brachte dann ein Fischer aus dem Dorf einen Teil seines Fangs beim Kloster vorbei und der Tenzo bereitete die Fische für die Nicht-Vegetarier zum Abendessen zu. (Ansonsten waren alle Mahlzeiten stets vegan und ein Mönch versicherte mir, dass das absolut selten vorkäme, dass es mal Fisch oder Fleisch im Kloster gäbe). Naja, jedenfalls wurde an dem Abend dann "achtsam" (heißt in Japan konzentriert aber zügig) versucht, soviel von dem Fisch zu verwerten, wie es geht (jeder hatten einen kleinen aber ganzen Fisch vor sich - mit Stäbchen viel Spass)! Das, was Unfähige wie ich über ließen (Köpfe, Gräten, Haut- und Fischfleischreste) bekamen die Klosterkatzen). Seither bin ich dann in Zen-Tempeln Vegetarierer und mir dabei bewusst, dass dies dann auch eine "wählerische Wahl" ist.

    Fazit: Für mich ist die "übliche Essenideologie" der Knackpunkt. Als Buddhist kann man sich da alles zurechtbiegen, wenn man will.
    Im übrigen sollte der Gast das essen, was der Gastgeber auf den Tisch kommen lässt.

    < gasshô >

    Benkei

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  2. Das erinnert mich an eine Art Date, das ich vor sehr langer Zeit mal mit einer Frau, , die ich bereit war zu heiraten, und deren Stiefeltern hatte. Man bestellte Fisch. Da konnte ich mich gleich mal auszeichnen. Ich habe überhaupt keine Lust, auch nur die kleinste Gräte in den Hals zu bekommen, insbesondere da ich in meinem Leben schon ein paar Mal Erstickungsanfälle erlebte. So saß ich also da und pulte, pulte, pulte und zerteilte, zog mir kleinste Gräten mit der Hand aus dem Mund oder versuchte sie diskret mit der Zunge in die Serviette zu bugsieren. Ich war der einzige am Tisch mit solchen Problemen - und betrachtete das Date als misslungen ... Von da an bestellte ich nur noch Fisch, wenn ich sicher sein konnte, dass es Filet ist.

    Ich möchte mich zwischen dem Wunsch (und häufigem Scheitern), mich gesund und global verträglich zu ernähren und einer Einstellung ansiedeln, wie sie kürzlich in einem Buch mit diesem humorvollen Titel aufschien: "Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg" (Piper 2014).

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