Mittwoch, 11. September 2013

Die Debatte um Grüne und Pädophilie

Immer wieder habe ich bei den in diesem Blog am meisten gelesenen Beiträgen zu sexuellem Fehlverhalten von Mönchen darauf hingewiesen, dass es mir um die spezielle Verantwortung innerhalb eines religiösen und erzieherischen Kontextes geht. Aufs allgemeine Niveau zur "Missbrauchsdebatte" will ich hingegen nicht abstürzen. Denn ich trete aufgrund der so genannten Akzeleration (der immer früher eintretenden Geschlechtsreife und dem wachsenden Informationsstand von Kindern) und der wissenschaftlichen Erkenntnisse (siehe Rind-Studie) u.a. für eine Senkung der gesetzlichen Schutzaltersgrenzen ein. Ich denke, dass jemand - ob er nun buddhistische Achtsamkeit und rechte Rede (das heisst, unerschrocken "Wahres" zu sagen) übt oder seine Ethik als Agnostiker entwickelt - sich durch die Ausgrenzung sexueller Minderheiten und das Pflegen von diesbezüglichen Ekelgefühlen seinem eigenen Reifeprozess verweigert. Der Grund liegt meist in der Verdrängung der eigenen kindlichen Sexualität.

Jüngst hatte irgendjemand den wohl strategisch durchaus geschickten Einfall, ein paar olle Kamellen auszupacken, die die Grünen bei der nächsten Bundestagswahl das eine oder andere Prozent Wählerstimmen kosten könnten. Das eine, weil die Mehrheit der Bevölkerung gerne ihren Hass auf alle Befürworter intergenerationellen Sexes projeziert, das andere, weil diejenigen, die in der Pädophilie eine schon im Mutterleib angelegte oder zumindest frühkindliche Veranlagung sehen wie die Homosexualität, diese Heuchelei nicht verzeihen. Zwar haben gewiss in den 80ern pädophile (vor allem päderastische, also auf Jungen bezogene und damit "auch" homosexuelle) Aktivisten die Schwulenbewegung genutzt, um auch ihren Ansprüchen Gehör zu verschaffen. Doch umgekehrt waren sie jenen Homosexuellen, die ausschliesslich auf Erwachsene stehen, ebenso willkommen, um den Druck auf die Gesellschaft massiger erscheinen zu lassen. Als jene Homosexuellen ihr Ziel erreicht hatten, wurde die wesentlich kleinere (bekennende) Minderheit fallengelassen. Diese Beliebigkeit, die Unfähigkeit eine angemessene Form zu finden, einer weiteren sexuellen Minderheit gerecht zu werden, lässt heute das mangelnde Rückgrat einiger prominenter wie unbekannter Politiker deutlich werden. Warum etwa muss eine erwachsene Frau ihre Kandidatur zurückziehen, weil sie es als 19-Jährige für richtig hielt, ihrer damaligen Ansicht zur Beseitigung von Schutzaltersgrenzen Ausdruck zu verleihen? Soll ich etwa keine Kirche mehr betreten oder aus der Bibel zitieren dürfen, weil ich mich mit 19 noch zum Christentum bekannte und heute dem Zen verbunden bin? 

Die öffentliche Diskussion wird nicht nur von solchen Angsthäschen bestimmt, und nicht nur in den Reihen der Grünen finden sich Komplettignoranten, die ihren Wissensdurst bezüglich sexueller Orientierung bei Selbsthilfegruppen und konservativen kirchlichen Organisationen stillen statt in der Sexualwissenschaft (wobei auch dort wie in der Psychologie nicht selten von leidenden Patienten auf Erfahrungen derjenigen geschlossen wird, die niemals einer Behandlung bedürfen). Nach den auch in meinen Augen schmierigen Äusserungen ihres Daniel Cohn-Bendit zu seinen Erfahrungen mit ihm anvertrauten Kindergartenkindern war der Aufschrei in den eigenen Reihen kaum hörbar. In der aktuellen paranoiden Selbstverteidigung trat jedoch kürzlich im FOCUS (Nr. 33/2013) die Grüne Marieluise Beck hervor. Bei aller Empathie für die Opfer sexueller Übergriffe (ich habe im Laufe meines Lebens mit etlichen gesprochen und bin an mindestens einer Beziehung zu einer Frau, die solche Übergriffe erlebte, gescheitert) ist es völlig unzulässig, die von Beck gar nicht näher benannten Übergriffe des Vaters einer Gast gebenden Familie auf sie als 15-Jährige (!) und ihre bedauerliche Sprach- und Wehrlosigkeit zu verallgemeinern. Man sollte dafür plädieren, genau dies, eine Sprach- und Wehrhaftigkeit schon in kleinen Kindern zu schaffen. Beck flüchtet sich jedoch in Parolen und Platitüden ("Die Trennlinie zwischen Tätern und Opfern ist inzwischen ganz klar") und vermengt dann, wie üblich, Minderjährige mit Kindern (dabei kann es auch in Deutschland schon 14-Jährigen erlaubt sein, mit Erwachsenen Sex zu haben, was Beck wissen müsste). Die Übergriffe auf ihre Schwestern ("sowohl von Seiten eines Schulleiters als auch im kirchlichen Umfeld") trennt sie nicht sauber von Beziehungen ausserhalb eines erzieherisch-organisatorischen Gefälles. 

Wenn die katholische Kirche Recht hat, dass es in ihren Reihen keine signifikant erhöhte Anzahl Pädosexueller im Vergleich zur Restbevölkerung gibt, dann ist dies ein weiterer Hinweis darauf, dass offensichtlich ausserhalb von Schule, Kirche und ähnlichen Institutionen (wie in der Rind-Studie aufgezeigt) sexuelle Beziehungen von Erwachsenen und Kindern weitaus weniger tragisch verlaufen - es sei denn, sie werden innerhalb von Familien vertuscht, was wiederum für die Mehrheit der Fälle gilt. Wir haben es hier also mit verschiedenen Phänomenen zu tun, auf der einen Seite mit dem Missbrauch durch Vertrauenspersonen, die oft gar nicht ausschliesslich pädosexuell veranlagt sind, auf der anderen Seite mit dem Wunsch nach sexueller Selbstverwirklichung von (überwiegend dezidiert so veranlagten) Pädophilen, die - sofern selbstreflektiert und "strukturiert" - jene Art von Missbrauch an Kindern möglicherweise schärfer verurteilen als die Durchschnittsbevölkerung. Man darf annehmen, dass unter denjenigen, die sich nun laut von den Vorfällen der 80er distanzieren, rein statistisch betrachtet irgendeiner ist, der es mit Kindern aus der eigenen Verwandtschaft treibt. Diese Heuchelei gilt es ebenso aufzudröseln, denn die so genannte "Dunkelziffer" und der innerfamiliäre Missbrauch sind nicht möglich, wenn nicht ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung in der Lage ist, sich sexuell von Kindern anregen zu lassen (also pädosexuelle Anlagen hat, so wie es latente Homosexualität in vielen von uns gibt).

Eine der verlogensten Ätzgestalten, die sich seit Jahrzehnten publizistisch und öffentlichkeitswirksam betatetigt, ist die Feministin Alice Schwarzer, die in ihrem Blog (Eintrag vom 12.8.) .Heterosexuelle als Päderasten bezeichnet, oder gar Woody Allen, obwohl nie verurteilt, eben mal als Missbraucher seiner eigenen Kinder (da er einer meiner Lieblingskomiker ist, habe ich mir erlaubt, seinen Agenten darauf aufmerksam zu machen). Auf diesem Niveau wird leider die Debatte geführt. Und natürlich soll dabei die Kindheit bis auf 18 Jahre ausgedehnt werden. Etliche Journalisten haben längst diese Denke übernommen. Immer wieder wird ein "Machtgefälle" als Argument gegen intergenerationelle Beziehungen angeführt, doch es macht keinen Sinn, da ja dann einem körperlich und geistig Behinderten jeder Sex mit Nicht-Behinderten wegen der ungleichen "Machtverteilung" zu verweigern wäre und etliche Partnerschaften und Ehen, die z.B. auf einem finanziellen Ungleichgewicht beruhen, keinen Bestand haben dürften. Tatsächlich sollten in den 80ern im Wesentlichen jene Gesetze abgeschafft werden, die die Sexualität von Menschen einschränken, und nicht diejenigen, die die Schwächeren schützen sollen (etwa vor Vergewaltigung). Hätte man die über das Ziel hinausschiessenden Forderungen (etwa die Aufweichung des Schutzes von Schutzbefohlenen) relativiert, wäre bereits vor 30 Jahren Deutschland zum Vorbild sexueller Freiheit gereift. Stattdessen werden noch heute Menschen, die nackt durch die Strasse laufen, festgenommen.

Noch pikanter ist der Fall eines (ehemaligen?) Mitglieds der Republikaner, die sich gern mit radikalen Parolen wie "Todesstrafe für Kinderschänder" schmücken. Der 53-Jährige floh jüngst mit seiner 13-Jährigen Geliebten nach Polen, liess alles zurück, sogar seinen geschätzten Schäferhund. Nun jagen ihn Polizei und Privatdetektiv, und doch ist anzunehmen, dass hier einmal Gefühle über jeden politischen Dumpfsinn triumphieren konnten. Am Ende wird er wahrscheinlich im Knast landen, wie der 51-jährige Tourist, den das FBI verhaftete, weil er sich zum Sex mit einem Kind in Mexiko verabredet haben soll. Dieses Kind gab es jedoch gar nicht, weil ihm das FBI alles nur vorspielte, um ihn in eine Falle zu locken. Dennoch droht diesem deutschen Lehrer u.U. in den USA eine höhere Haftstrafe. als jenem Erstgenannten, der tatsächlich eine Beziehung zu einem Kind hat. So pervers sieht die Rechtslage in den USA aus. 

(verfasst am 30.08.2013)

Nachtrag aus der Geschichte der Unterdrückung sexueller Minderheiten

"Niemand ist nur ein halber Mann."

Letzte Woche las ich die Briefe und Tagebücher eines meiner Lieblingsautoren, John Cheever. Er war bisexuell und haderte damit, dies vor seiner Familie und der Öffentlichkeit lange verborgen zu haben. In seinen Journals (Vintage, London 2010) schreibt er:


"Es scheint als könnten wir unsere sexuelle Natur nicht umgestalten. Und es gibt einen Punkt wo Verleugnen zur reinen Heuchelei wird, mit ihrem Gefolge an zermürbenden und dummen Ängsten. Man muss aus einem freien Herzen handeln - es darf nichts Verborgenes geben - und nach den besten Wegen suchen, sich innerhalb unserer gegebenen Lebensumstände auszudrücken. Beim Aufwachen denke ich, wie eng und ängstlich mein Leben doch ist. Wo sind die Berge und grünen Felder, die ausgedehnten Landschaften?" (S. 85)


"Ich bin nicht besser oder schlechter als die anderen Mitglieder der Versammlung." (S. 88)


"Hat er es getan? Wollte er es tun? Hat er je? Was ich sagen will ist, wie lächerlich so was ist. Schuldige Menschen mag es geben, doch nur auf absurde Weise unterdrückte Menschen würden solche Fragen stellen." (S. 117)


"Ich höre in diesen Worten eine verachtenswerte Prüderie, die mir schlimmer und als ein grösseres Hindernis vorkommt als das Vergehen dieses Jungen." (S. 127, in Bezug auf einen Richterspruch)


"Es war eher wie ein improvisierter Kontaktsport, bei dem man durch Ejakulationen punktet." (S. 277, in Bezug auf eine homosexuelle Affäre)

"Ich kann die vereinfachte Moral nicht akzeptieren, dass sexuelle Taboos zu brechen jemanden zum Freiwild für jede andere Art von Anschuldigung macht." (S. 316)

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