Mittwoch, 4. September 2013

Antisemitismus, Kissinger-Professur und Giftgase

Dies soll keine Werbung für eine bestimmte Partei werden. In der letzten Zeit, wo ich mal wieder Tageszeitungen probeabonniert habe (diesmal auf meinem Kindle), komme ich aus dem Staunen nicht heraus, in welchem Ausmass es möglich ist, meine Intelligenz zu beleidigen. Glücklicherweise hat sich schon ein Protestbündnis gegen die Henry Kissinger-Professur (zu verantworten massgeblich von Lothar de Maiziere und Guido Westerwelle)  formiert. Wer als Namenspaten für eine Professur einen der grössten noch frei herumlaufenden Kriegsverbrecher wählt (der Journalist Christopher Hitchens hat einst Kissingers Verbrechen dokumentiert, neben der bekannten völkerrechtswidrigen Bombardierung Kambodschas und Laos vor allem dessen Depeschen rund um den Völkermord in Osttimor), dem fehlt mehr als ein Zacken in der Krone. 
   Befremden muss auch, wenn Opfer von Gewaltverbrechen oder Drohungen ihre persönlichen Erfahrungen zu einer Art Weltsicht in der Presse ausbauen dürfen (dazu später noch mehr zum Thema Pädophilie bei den Grünen). Der vor einem Jahr - so zunächst gemeldet - von Jugendlichen verprügelte Rabbiner Daniel Alter aus Berlin hatte vor zunehmendem Antisemitismus in Berlin gewarnt und einige Bezirke zu Tabuzonen für Juden erklärt. Der Angriff auf den Rabbiner ging jedoch von arabischen Jugendlichen aus - also von Semiten. Auch hier liegt der Teufel im Detail, und man wünschte den Beteiligten eine achtsamere Wortwahl. Wer "Antisemitismus" einseitig für seine Volksgruppe reklamiert, der sollte die Rechte anderer Semiten nicht mit Füssen treten: die Siedlungspolitik in Israel zuungunsten der Palästinenser sollte dann ebenfalls als antisemitisch bezeichnet werden.
    Vollends perplex machen muss einen das zunehmende Verstummen der Giftgas-Experten in den Medien, die bereits darauf hinwiesen, dass behandelnde Ärzte die syrischen Opfer nicht schadlos ohne eigene Schutzvorkehrungen hätten berühren können. Der Mangel an Rebellenopfern und der eher unprofessionelle Einsatz des Giftgases sowie die anzunehmende Strategie etwa von Al-Kaida bzw. ihnen Nahestehenden, auf eine Flugverbotszone hinzuarbeiten, um selbst an den Drücker zu kommen, verlangen danach, dass die angeblich von Mossad und US-Geheimdienst abgehörten Gespräche von Angehörigen des syrischen Militärs rund um den Giftgaseinsatz veröffentlicht statt nur behauptet werden. Es ist grotesk, dass die US-Regierung ein gutes Jahrzehnt die Ausrottung Al-Kaidas anstrebt und ihr jetzt erneut direkt in die Hände spielt. Als ehemaliger Student der Filmwissenschaft erlaube ich mir zu warnen, irgendwelchen Bildern solcher Art glauben zu schenken, das galt schon bei der Inszenierung des Mordes an "Bin Laden", zu der wir damals ja sogar die Gesichter von Clinton und Obama vor ihren Bildschirmen mit Liveschaltung geliefert bekamen. Heute wissen wir, dass "Bin Laden" (der natürlich ganz diskret im Meer entsorgt wurde ...) unbewaffnet war. Längst hat sich die US-Regierung das jüdische "Auge um Auge, Zahn um Zahn" zum moralischen Leitfaden gemacht, sie tötet per Drohnen und ohne weitere Gerichtsverhandlung nicht nur Terroristen, sondern auch deren Angehörige, sie knastet Verdächtige unter unmenschlichen Bedingungen in Guantanamo ein und bespitzelt die Welt nach Belieben. Einen Kissinger würde sie nie ausliefern, verlangt aber einen Snowden zurück. Ich habe Bedenken, hier noch von einem Rechtsstaat zu sprechen. Wenn man ein Argument für einen Angriff auf Syrien gebraucht hat, bedurfte es dazu sicher nicht erst eines Giftgaseinsatzes. Ein Friedensnobelpreis macht noch keinen ethisch klaren Menschen.
   Was unsere Kultur angeht, so fusst sie auf der Ethik des Neuen Testamentes, das einst auch jene Engländer bewegt haben sollte, die sich aufmachten, Amerika zu besiedeln. Es ist an der Zeit, dem allgemeinen Werteverfall jener Politiker etwas entgegenzusetzen, was sich ebenso aus dem Buddhismus motivieren liesse. Es ist das beiden Religionen gemeinsame "Ich bin du, du bist ich" - die Fähigkeit, sich konsequent in die Lage eines anderen zu versetzen, um so auch die Folgen abschätzen zu können, die neben dem nötigen Indieschrankenverweisen der unnötige Verrat an den eigenen Grundwerten haben wird. Da die meisten Buddhisten hierzulande nicht mal zur Organspende bereit sind, liegt die Hoffnung aber tatsächlich nicht in der Religion, sondern in dem Wenigen, was diese - unnötig kompliziert und in Geboten verklausuliert - als instinktive Natur des Menschen und als sein eigentliches Potential erahnt hat: den Sinn für Humanismus.

(verfasst am 30.08.2013)

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