Mittwoch, 12. Juni 2013

Buddhistische Orgasmen

Kuerzlich ist mal wieder ein Link von meiner kleinen Empfehlungsliste rechts verschwunden. Er fuehrte zu einer vom verstorbenen Hsu Yun inspirierten Gruppe, deren Lehrerin in China authorisiert wurde. Vor wenigen Wochen hatte mich noch jemand aus einer davon abgespaltenen Fraktion ueber die wahreren Nachfolger des Meisters in Kenntnis setzen wollen, das Uebliche also, was man in Zenkreisen so an Grabenkaempfen erlebt. Die Splittergruppe hatte sich von der anderen distanziert, als diese den Krieg im Irak unterstuetzte. Tatsaechlich hat mich an deren Website beeindruckt, dass man dort Soldaten zu Wort kommen liess und nicht ausgrenzte oder unsichtbar machte, wie es bei so vielen anderen Buddhisten geschieht. 

Nun aber publizierte "Dr. Sex" Zernickow die deutsche Uebersetzung eines Zenwerkes von Hsu Yun (offenbar nicht ohne ihr ein Foto von sich beizugeben, wie ich las) und dankte dafuer jenem Hsu Yun-"Haupt"ableger in den USA. Das machte mich stutzig. Schnell stellte sich heraus, dass die dortige Lehrerin weder ueber diese Publikationsdetails noch ueber die Kritik an Zernickow Bescheid wusste. Es sieht so aus, als sei der freudige Hinweis auf die deutsche Uebersetzung inzwischen von der amerikanischen Website verschwunden.

Was dann geschah, war der Austausch von laengeren emails mit der zoelibataer lebenden Lehrerin, die gerade eine Mastektomie hinter sich hatte. Wie man an ihren geistreichen Artikeln erahnt, waren die emails gespickt mit Inspirationen, Humor und Sachwissen. Durch ein kleines Missverstaendnis (fuer den Fall eines eigenen Publikationswunsches) wurde ich auf Texte der Lehrerin und ihres Ordens hingewiesen. Daraufhin kuendigte ich harsche Kritik an mehreren dort geaeusserten Auffassungen an, insbesondere der Anmassung von zoelibataer Lebenden, ausgerechnet zur Sexualitaet von Menschen Ratschlaege erteilen zu wollen. 

Was folgte, war eine ausgiebige Beschreibung sexueller Ekstasen, die ohne Beteiligung eines anderen Menschen moeglich seien ("samadhi ... orgasmic ecstasy"). An diesem Punkt verwies ich auf eine moegliche Form der "Zen-Krankheit" (sie selbst meinte sogar: "What a kick that is. You won't shut up for three days talking about it. [We call it Zen disease.]").und stellte die Kommunikation bald darauf ein. Ich kann meines Erachtens die Zustaende mystischer wie sexueller Ekstase vergleichen und wuerde niemals behaupten, dass die eine die andere ersetzen koenne, oder den Eindruck erwecken, eine von beiden sei hinreichend oder "besser". Natuerlich benutzte die Lehrerin noch einen Trick, um ihre Beschreibung  gewissermassen nicht nachvollziehbar zu machen. Sie behauptete, man sei waehrend jener orgasmischen Erfahrung "the opposite sex" und die hoechste Stufe dieser Ekstase sei nur Frauen zugaenglich. (Ich fragte, ohne eine Antwort zu bekommen, sofort nach, welches denn das gegenteilige Geschlecht eines Transsexuellen sei.)

Da unser email-Austausch persoenlicher Natur war, zoegerte ich zunaechst, einen Blogbeitrag daraus zu machen. Darum verzichte ich auch auf Namensnennung, wer will, findet schon heraus, wen ich meine. Andererseits liegt hier auch ein Paradebeispiel typischer Manipulationsversuche von Lehrern vor (wobei ich natuerlich nicht weiss, wer tatsaechlich die emails verfasste). Es ging damit los, dem Empfaenger, also mir, eine Persoenlichkeitsspaltung zu unterstellen - ohne mir je begegnet zu sein. Das klingt dann so:

"First ... there are two worlds ... two Guidos. There is the external Guido of the material world, and there is the internal Guido Buddha of the Spiritual World. To a mystic, the Spiritual World is the Real World."

Wer hier die eigentliche Geistesstoerung vermutet, duerfte richtig liegen. Fuer einen Mystiker des Zen wird tatsaechlich die materielle Welt zu einer spirituellen Welt, das heisst die Trennung zwischen beiden schwindet. Es ist geradezu frappierend, wie jemand nach jahrzehntelangem Kontakt mit der Zenlehre es schafft, in der meditativen Uebung zu einem entgegengesetzten Schluss zu kommen. Aus diesem Grund bleibe ich stets vorsichtig, wenn sich esoterischer Buddhismus und Zen (wie so oft in China und Japan) vermischen. 

In der Folge geht es weiter mit Ferndiagnosen, da wird der Empfaenger der email dann so verortet, dass er als Uneinsichtiger belehrt werden kann: "I can see from the many conclusions you've reached that you need instruction into the nature of the Real World." Argumentieren wird aber sogleich abgelehnt: "Just don't try match wits with me ... Don't argue with me." Hatte ich gar nicht vor, die Sache war klar. Ich halte es mit James Salter (All There Is) und weiss, dass es ebenso angebracht ist, "in a kind of nirvana not based on freedom from desires but on attainment" zu leben. Der Witz ist ja, dass das eine das andere nicht ausschliesst. Diesen Witz scheint jedoch im Buddhismus nur das Zen zu kennen und weiterzuerzaehlen.

In Thailand kam die Tage mal wieder so ein Sikh-Schleimer mit einem Spruch auf mich zu. Ich musste nun erst in Internetforen lesen, was dem wohl gefolgt waere (gegen Geld die Zukunft lesen, ohne dass man merkt, wie es immer kostspieliger wird), weil ich solche Scharlatane in der Regel meilenweit gegen den Wind rieche und sofort entsprechend reagiere. Der Sikh meinte also: "You are a lucky guy ..." Und ich antwortete: "You are not. Piss off!" 

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