Mittwoch, 26. Juni 2013

Buddhismus 7.0 oder:

Was ueber Stephen Batchelor hinausgeht

Die Thesen von Stephen Batchelors "Buddhismus 2.0" oder "saekularem Buddhismus", wie kuerzlich in Buddhismus Aktuell (02/13) zusammengefasst, halte ich fuer wenig fortschrittlich, ja sogar reaktionaer. Batchelor sieht seine Gedanken als Antwort auf unsere Zeit und als Gegenentwurf zur Religion. Tatsaechlich laesst sich aufzeigen, dass sie in Antworten vergangener Zeiten gefangen sind und sich dabei ganz auf Religion verlassen, denn diese bedeutet im Wortsinne eine Sorgfalt und ein Achtgeben auf Vorzeichen und Vorschriften.

Zunaechst beruft sich Batchelor ausgerechnet in erster Linie auf den Pali-Kanon, also nicht etwa auf juengere buddhistische Ueberlieferung der Mahayana-Schule. Er trachte danach, die vierte der Edlen Wahrheiten zu verwirklichen, also durch den Achtfachen Pfad Leiden auszuloeschen. Bei der Lektuere des Pali-Kanon liesse er sich vom Gedanken leiten, was daran spezifisch buddhistisch sei und nicht aus der indischen Kultur abgeleitet werden koenne.

Im Mahayana-Buddhismus hingegen ist die dritte der Edlen Wahrheiten, das Erloeschen des Leidens, von zentraler Bedeutung. Wir lesen im Shrimala-Sutra - das von einer Koenigin dem Buddha gesprochen und von diesem bestaetigt sei - von dieser "Einen Wahrheit", die bestaendig, wahr und eine Zuflucht sei, waehrend die anderen drei unbestaendigen Charakter haetten. Woertlich heisst es da: "Die Edlen Wahrheiten des Leidens, der Ursachen des Leidens und des Weges zu seiner Aufloesung sind tatsaechlich unwahr, unbestaendig und keine Zuflucht." (Uebersetzung nach Wayward) Mit anderen Worten wird hier bereits aufgezeigt, wie eine moderne Auslegung des Buddhismus aussehen koennte: Statt sich an einen vordefinierten Pfad zu halten, dessen anfaengliches Wissen - laut diesem Sutra - nur provisorischer Natur ist, gilt es, aus einem tieferen Wissen, der Einsicht in die Leere der Phaenome zu handeln. 

Heutzutage sollte es selbstverstaendlich sein, auch einmal den Inhalt und die Aussagen der Vier Edlen Wahrheiten auf den Pruefstein zu stellen. Schon in der Erlaeuterung "Geburt, Altern, Krankheit und Tod" seien leidhaft, findet sich eine perspektivische Verzerrung, da ja nur die letztgenannten drei von einer Person mit Ich-Bewusstsein erfahren werden, die Geburt also vom in die Welt kommenden Menschen gar nicht als leidhaft erfahren wird. Aus Mahayana- oder inbesondere aus Zen-Sicht bindet sich jemand unnoetig an Worte, wenn er die Vier Edlen Wahrheiten und den Achtfachen Pfad fuer den Kern des Buddhismus haelt. Wie kann z.B. fuer den einen "rechter Lebensunterhalt" sein, nur von anderer Haende Erntearbeit oder Tierschlaechterei zu leben (wie Theravada-Moenche, die ja auch Fleischspenden annehmen), waehrend andere wiederum gerade dafuer ein Feld bestellen muessen und sich die Haende mit Blut besudeln? Da auch der Handel mit Giften untersagt ist, koennte kein Buddhist Apotheker werden. Die entscheidende Frage ist also, ob man tatsaechlich noch daran glauben will, dass das Einhalten des Achtfachen Pfades zur Weisheit als hoechster buddhistischer Tugend fuehrt, oder ob nicht vielmehr die Weisheit am Anfang stehen muss und moeglicherweise zur Erkenntnis fuehrt, dass es keines x-fachen Pfades bedarf. 

Es hilft nicht, wenn Batchelor es vorzieht, von "Vier Edlen Aufgaben" (Punkt 2 seiner "Schluesselgedanken") zu sprechen. Schliesslich ist weder Krankheit noch Altern und Tod fuer einen vernuenftigen Menschen eine Aufgabe, und er kann sie auch nicht "aufgeben", da sie ihm widerfahren. Wenn der Uebende hier etwas aufgibt, dann laesst er von seinem Leiden an diesen Konzepten los. Dieser Schritt des Loslassens von Konzepten sollte freilich auch in Bezug auf die Uebereinkuenfte der Edlen Wahrheiten und des Achtfachen Pfades erfolgen.

Batchelor meint weiter (Punkt 3 seiner "Schluesselgedanken"), zu Buddhas Zeit habe konzentrative Meditation sich auf atman, das Selbst gerichtet, der Buddha jedoch "die Aufmerksamkeit zuallererst auf den Koerper, den Atem, Seelenzustaende und schliesslich auf die Fuenf Daseinsfaktoren gelenkt". Aber Herr Batchelor, das ist doch nichts anderes als atman! Shakyamuni hat vielmehr aufgezeigt, dass wir eben nicht diese Daseinsfaktoren sind. Sollten sich also seine Zeitgenossen tatsaechlich in die Meditation auf ein Selbst vertieft haben, muessten sie eigentlich an die gleiche Grenze gestossen sein, die andere erleben, wenn sie buddhistisch meditieren und dabei die Aufloesung ihres Selbst erfahren. Waere dies nicht der Fall, dann kaeme es also bei der Meditation auf eine gedankliche Praemisse an und nicht auf die Tiefe der Uebung und die Dichte der Sammlung selbst; dann haetten die Brahmanen nichts weiter als atman erkannt, weil sie an nichts weiter glaubten, und der Buddhist wuerde etwas anderes erfahren, weil er es sich vorgenommen hat. 

Die Einsichten Shakyamunis sind tatsaechlich so einmalig nicht, da ganz aehnliche (kein Selbst ohne Nicht-Selbst) dem legendaeren Laotse im 6. Jhd. v. Chr. zugeschrieben werden. Konzepte zur Kausalitaet (Punkt 1 der "Schluesselgedanken") haben zeitnah auch griechische Philosophen wie Demokrit (5. Jhd. v. Chr.) entwickelt. Es laesst sich hernach nicht erkennen, warum einer, der nicht an die Substanzhaftigkeit eines Selbst, aber an einen Kausalnexus glaubt, dem Buddhismus anhaengig werden solle. Und wenn man mit dem "Sich-auf-sich-selbst-verlassen" (Punkt 4) ernst machte, wieso dann den Buddha als "Guru" akzeptieren? Aus diesem Grund gibt es im Zen die Redewendung "Wenn du den Buddha triffst, toete ihn." Das gilt ebenso fuer Schriften wie den Palikanon. Nur so entsteht Unabhaengigkeit.

Im Grunde hat Stephen Batchelor mit dem Verweis auf Buddhas Wiedererrichten einer Ruinenstadt am Ende eines ueberwucherten Pfades (den der Buddha mit dem achtfachen vergleicht) das treffende Bild fuer seinen "Buddhismus 2.0" gemalt: Der achtfache Pfad fuehrt also zu Ruinen (des Palikanon), ja nicht einmal zu neueren Sutren und Schulen, die mit der Wissensentwicklung des Menschen den Buddhismus bereits fortenwickelten. Darum auch nenne ich Batchelor reaktionaer. Es reicht nicht hin, Reinkarnation und Karma "hoeflich beiseite" zu legen, vielmehr muessen die Praemissen selbst, wie sie sich auch im Glaubensbekenntnis der DBU finden, auf den Pruefstand gestellt werden.


(in gekuerzter und leicht veraenderter Form auch als Leserbrief an "Buddhismus Aktuell gesandt)

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