Mittwoch, 19. Juni 2013

Das Praktizieren der vier Tugenden (brahmavihara)

Brahmavihara sind im Buddhismus "vier unermessliche Geisteszustaende", naemlich Guete (metta), Mitempfinden (karuna), Mitfreude (mudita) und Gleichmut (upekkha). Zu den Gemeinplaetzen von Buddhisten gehoert, dass diese Eigenschaften meditativ zu erlangen seien. Auf einer Webseite von Buddhanet wird erklaert, wie das geht. Die Seite wird vom australischen Theravada-Moench Pannyavaro verantwortet, der vor allem beim Burmesen Sayadaw U Janaka in die Lehre ging. 

"One should cultivate the wish to be happy." Vom Zen-Standpunkt ist sowohl das Konzept von Gluecklichsein zu hinterfragen (worunter ja jeder etwas anderes verstehen mag) als auch das Konstruieren eines Wunsches, also einer Anhaftung. Letzteres zumindest muesste auch einem Theravadin als Widerspruch auffallen. 

Im Folgenden soll diese Art des Wohlwollens natuerlich auf Freund und Feind, also alle Menschen ausgedehnt werden. Wie ist es moeglich, dass ein solches Wohlwollen Dikatoren wie Assad effektiv ausschaltet oder Kriegsverbrecher wie Kissinger verfolgt? Inwiefern kann also das Gluecksgefuehl einer Mehrheit moeglich werden, wenn man den Unheilsbringern einer Minderheit das gleiche Wohlwollen angedeien laesst? Dieser ethische Unterscheidensmangel ist tatsaechlich die Abwesenheit eines brauchbaren Wertesystems. Die Meditation fuehrt hier dazu, ein dem Menschen immanentes Gerechtigkeitsbeduerfnis zu ersetzen durch etwas, das mit hoher Wahrscheinlichkeit weder die Strafverfolgung noch die Beendigung von Unrecht erleichtert. 

Der Fehler liegt hier schon am Anfang, in der Konzentration auf etwas Egozentrisches (Gluecksbeduerfnis), das dem anderen ebenfalls unterstellt wird. Dass es manche Menschen gluecklich macht, andere ungluecklich zu machen, wird von diesem Meditationskonzept nicht erfasst. Es erzeugt damit auch solche Menschen, die von den genannten Scharlatanen einfach zunichte gemacht werden koennten, da es ihnen an Wehrhaftigkeit mangeln duerfte. Wer glaubt, die zweite Tugend des Mitempfindens koenne dies ausgleichen, sieht sich gleich eines Besseren belehrt, denn auch dieses ist gleichermassen auf Freund und Feind auszudehnen. Wer nun von so viel gepredigter Selbstlosigkeit beruehrt ist, schaue sich einfach mal in der Praxis an, wie sich etwa die Tibeter eben doch gewaltsam gegen chinesisches Militaer wehrten. In der Tat scheitern diese Ideale an der Wirklichkeit.

Im letzten Absatz der genannten Meditationsanweisungen heisst es entlarvend, der so Uebende koenne sich derart von schlechten Absichten, Gemeinheit, Eifersucht und Begehren befreien und ein "groesseres Glueck" in Bezug auf sich selbst und seine Beziehungen zu anderen erfahren. Im Mittelpunkt steht also immer man selbst zuerst, statt der andere zuerst. Auch wenn diese Sichtweise typisch fuer den Theravada-Buddhismus ist, sind die Vorstellungen von Glueck und die Uebungsmethoden auch in Mahayana-Schulen verbreitet und werden insbesondere von Populaerbuddhisten wie dem Dalai Lama, Thich Nhat Hanh und Ole Nydahl immer wieder kolportiert. Deren Wurzeln liegen also tatsaechlich im Theravada-Buddhismus.

Schauen wir uns die Menschen an, so erkennen wir, dass tatsaechlich manche dieser Tugenden in ihnen frueh angelegt sind, ganz unabhaengig von spaeteren kuenstlichen Bemuehungen in Meditationsformen.So zeigen schon Babys Empathie und Mitfreude. Gleichmut hingegen entwickelt sich haeufig im Laufe eines Lebens aufgrund eigener Erfahrungen. Guete nutzt einem selbst wie dem anderen vor allem in taetigem Loslassen von  GUETErn, also in Verbindung mit Gebefreudigkeit (dana), die sich nach meinen Erfahrungen in Kambodscha, dem Land mit der hoechsten Dichte an Hilfsorganisationen, stets an einzelne Gegenueber direkt richten und nicht den Umweg ueber solche Dritte (NGOs) nehmen sollte.

Manche, denen durch eine "unglueckliche" oder traumatische fruehe Kindheit der Zugang zu den genannten Gefuehlen versperrt ist, moegen meditative Uebungen als therapeutisch sinnvoll ansehen. Wer den Lauf der Dinge und die natuerliche Entwicklung seiner Gleichmut nicht abwarten kann (und mit dieser Ungeduld wiederum eine andere Tugend der Paramita vernachlaessigen wuerde), der mag ebenfalls gedanklich darauf hinarbeiten, sich nicht mehr aus der Ruhe bringen zu lassen. Auch hier koennte jedoch ein ganz anderes Uebungsprogramm nutzen, naemlich das Achten auf Alltagssituationen, in denen sich die Moeglichkeit zum angewandten Praktizieren von Guete, Mitempfinden, Mitfreude und Gleichmut ergibt. Hier gilt es einfach zu tun, was zu tun ist, statt vorher lange darueber nachzudenken. Nichts weiter als ein solches Nachdenken geschieht naemlich in den obigen Meditationsuebungen. Sie neigen also dazu, die Antwort auf eine konkrete Frage oder Problemstellung zu vertagen. 

Die rechte Form von Meditation legt in meinen Augen hingegen die urspruenglichen Faehigkeiten eines Menschen frei und macht sie unmittelbar anwendbar, indem sie die Hemmungen, die sie ueberlagern, aufloest. Diese Art der Meditation ist tiefer, da sie sich nicht an Gedankenkonstrukte bindet, sondern dem Unbewussten Entfaltungsraum gibt. Wer die genannten Tugenden also nicht sowieso schon praktiziert (wie so viele Menschen) und nicht in der Lage ist, sie umzusetzen, der sollte dennoch nicht zu drittklassigen Meditationsformen greifen, die ihm vorspiegeln, etwas erwerben zu muessen, was doch bereits von Anfang an da war.

Kommentare:

  1. Zitat:"Wie ist es moeglich, dass ein solches Wohlwollen Dikatoren wie Assad effektiv ausschaltet oder Kriegsverbrecher wie Kissinger verfolgt?"

    Basiert das vermeintliche Dilemma in obiger Situation nicht auf dualistisches Denken in selbst vs nicht-selbst, meine Interessen vs deine Interessen usw? Wenn man akzeptiert, dass "Assad" nicht-selbst ist und bedingt entsteht, warum sollte es nicht möglich sein mit Wohlwollen diese Bedingungen zu ändern?

    AntwortenLöschen
  2. Eine andere Art von "Wohlwollen" kann natürlich auch Kriegsverbrecher zur Strecke bringen.

    AntwortenLöschen

Das Sichten und Freischalten der Kommentare kann dauern.