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Wie man meditiert (II): Joshu Sasaki Roshis Ratschläge zum Zazen

 "Roshi geht es gut, wenn man die Umstände bedenkt. Eine überwältigende Menge an körperlichem Schmerz scheint der tägliche Zoll zu sein, den dieser 105 Jahre alte Mann zu zahlen hat, damit er am Leben bleibt. Warum bleibt er am Leben? Er hat noch keinen Nachfolger ernannt, der seinen Platz als Lehrer einnehmen soll. Also gibt es niemanden, der bereitsteht und mit den Hufen scharrt, um uns jungen Männern und Frauen zu zeigen, wie man einander liebt. Ich glaube ganz ehrlich, dass das der einfache Grund ist. Das und die Tatsache, dass er jede Menge nahrhaften Fisch und Seetang gegessen hat - und, wie er meint, in seinem Leben zu viele schlimme Sachen gemacht hat. 'Nun muss ich zur Strafe am Leben bleiben.' Diese letzte Aussage kommt der Wahrheit wohl am nächsten." (Shozan Jack Haubner: Zen Berserker. Aurum/Kamphausen 2014) *** "Es geht also nicht darum, dass der 'Marxismus' verwirklicht werden soll. Die Theorie wird durch die Not...

Kazuo Inamori - Manager-Mönch Maximen

"Als Anhänger Buddhas sollten wir uns an seine Lehre erinnern, zu erkennen, wann man genug hat." Kazuo Inamori (geb. 1932) wurde 1997 im Enpukuji zum Priester in der Myoshinji-Linie des Rinzai geweiht, nachdem er den Vorsitz des von ihm begründeten Keramikunternehmens Kyocera abgegeben hatte, das mehr als 60.000 Menschen beschäftigt. 1984 hatte er bereits eine nach ihm benannte Stiftung gegründet, die u.a. den Kyoto-Preis vergibt. Als er schon 77 Jahre alt war, drängte ihn die japanische Regierung noch, die angeschlagene Fluglinie Japan Airlines zu sanieren.  Ich möchte einige seiner Anschauungen und Arbeitsthesen wiedergeben. Inamori stellte die Fragen, was der Zweck des Lebens sein könne und wie man als Mensch auf die rechte Weise leben könne, in das Zentrum seiner Überlegungen. Er schlug zunächst vor, sich an den von den Eltern vermittelten ethischen Maßstäben zu orientieren, aufrichtig und ehrlich zu sein und Gier zu meiden. Als wichtigstes Ziel sah er die Vere...

Éric Ripert - Buddhist am Herd

Éric Ripert (geb. 1965) ist Koch und betreibt u.a. das mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnete und auf Fisch und Meeresfrüchte spezialisierte Restaurant Le Bernardin in New York. Er fiel mir in der TV-Serie Treme von David Simon ( The Wire, The Deuce ) auf, wo er einmal als "Buddhist" bezeichnet wurde. Tatsächlich steht er dem "City Harvest Food Council" vor, einer Hilfsorganisation ähnlich unserer "Tafel" (wenn auch wesentlich größer), die bis heute über 300 Millionen Kilo Nahrungsmittel rettete und an Bedürftige verteilte. Ripert veranstaltet auch mit anderen namhaften Köchen ein Benefizdinner als Hauptsponsor des Tibetan Aid Project , das 1969 von Tarthang Tulku begründet wurde und bis jetzt u.a. zwei Millionen buddhistischer Textausgaben vor allem an Bibliotheken in der Himalaya-Region verteilte.  Ripert war mit einem weiteren bekannten TV-Koch, Anthony Bourdain, in Frankreich unterwegs, als dieser im Juni 2018 überraschend Suizid beging, wov...

Lüge und Heuchelei im tibetischen Buddhismus und bei Thich Nhat Hanh

"(...) die Verwechslung zwischen dem Überbau als allgemeinem Phänomen, d.h. dass bestimmte Gedanken zu einem bestimmten Zeitpunkt notwendig sind, andere unmöglich, und der öffentlichen Lüge. Eine vernünftige Überbautheorie muss bei der Ideologie vollständige Aufrichtigkeit, höchste Anstrengungen und absolute Redlichkeit voraussetzen, bevor eventuell das Gegenteil bewiesen worden ist, Die Philosophen der Aufklärung sind bei Gott keine Heuchler.    Heuchelei, d.h. öffentliche Lüge, wird erst in dem Moment zu einer Ideologie, wo diese gestorben ist und mit künstlichen Mitteln aufrechterhalten werden muss. Dieser Zustand ist ein Sonderfall, und er fasziniert mich. Man stößt darauf in Gesellschaften, die ausgeprägte Harmonietheorien über sich selbst haben." (Lars Gustafsson, Jan Myrdal: Die unnötige Gegenwart. Hanser 1975) Kürzlich hatte ich eine Diskussion auf einem Blog, der sich mit vor allem sexuellem Missbrauch im Buddhismus beschäftigt und von Maß- und Stellungnah...

Eine Verbindung von Konfuzianismus und Zen

In seinem neuen Band mit Übersetzungen aus dem japanischen Konfuzianismus, Geisteswelt der Edo-Zeit , stellt Dr. Julian Braun einige Autoren vor, die sich auch mit dem Buddhismus auseinandersetzten, mal ablehnend, mal wohlwollend. Hayashi Razan etwa lernte bei Fujiwara Seika (1561-1619), der sich - vom Buddhismus enttäuscht - den Lehren des Konfuzius zugewandt hatte. Razan und seine Erben gelten als verantwortlich für die neokonfuzianische Doktrin des Tokugawa-Shogunats.     Auch Yamazaki Ansai kam vom Buddhismus und berief sich - wie Razan - vor allem auf die Lehren des chinesischen Neokonfuzianers Zhu Xi (1130-1200). Ansai verband sie mit dem Shintoismus zu Suika Shintô . Der Rônin Arai Hakuseki wurde zu einem einflussreichen Berater des Shoguns Ienobu, besonders in Wirtschafts- und Verfassungsangelegenheiten. Itô Togai hingegen übernahm von seinem Vater Itô Jinsai, der noch als Einsiedler den Buddhismus und Taoismus studiert hatte, die Kogigakku -Schule und die ...

Der unklare Blick auf den Meister: Dae Gak und Seung Sahn

Irgendwann schrieb ich hier einmal von Zen-Schülern, die sozusagen beim falschen Meister waren bzw. in meinen Augen gar keinen nötig hatten. Wie das die Betroffenen sehen, verstehe ich nicht gut genug. Immerhin lässt sich aus den wiederkehrenden Aussagen von solchen Schülern, deren Lehrer in Skandale verwickelt waren, herleiten, dass sie häufig dennoch in deren Gemeinschaft Wertvolles gelernt hätten und auch deren Schattenseiten auf eine gewisse Weise hilfreich gewesen seien. Als Außenstehender dachte ich mir oft, dass diese nachträgliche Sinngebung verständlich ist, weil man von der Ernüchterung oder Enttäuschung nicht übermannt werden will. Ob eine solche Ernüchterung auch bei Dae Gak (Robert Genthner) eintrat und er sich deshalb - wie sein Kollege Georg (Bomun) Bowman - von der Kwan Um-Linie Seung Sahns lossagte, in der er Dharma-Übertragung erhalten hatte, weiß ich auch nicht. In jedem Fall scheint mir der Einfluss Joshu Sasakis, bei dem beide ebenfalls übten, deutlichere Spuren...

Wie man meditiert (I): Das Tso-ch’an I von Ch’ang-lu Tsung-tse

Das Tso-ch’an I („Prinzipien der Sitzmeditation“) aus der Nördlichen Sung-Periode (960-1127) gilt als früheste Meditationsanleitung und beeinflusste viele der nachfolgenden Manuale. Ch’ang-lu Tsung-tse (Lebensdaten unbekannt) verfasste im Jahre 1103 den ältesten erhaltenen Mönchskodex, und obwohl das Tso-ch’an I sich ursprünglich nicht darin findet, wird es gerne dessen Autor zugeschrieben. Bei dieser Methode werden aufziehende Gedanken einfach beobachtet, bis sie von selbst verschwinden (das Vergehen von Gedanken und der darauf bezogenen Aufmerksamkeit war bereits bei Shen-hui als „Nicht-Denken“ bezeichnet worden). Nach dem Sitzen gelte es, die meditative Ruhe aufrechtzuerhalten und so jederzeit willentlich wieder in samâdhi eintreten zu können (ting-li). Die Meditation würde die oberflächlichen Wellen des Geistes glätten und so sich die darunter liegende befreiende Weisheit offenbaren können. In Meditationstexten der Südlichen Sung-Periode (1127-1279) muss Tsung-tses schlichter A...