Bei der Vorbereitung unseres neuen Buchs mit Sawaki-Sprüchen sagte uns ein Soto-Mönch, man sollte sie eigentlich nur noch mit Kommentaren publizieren. Im Folgenden deshalb ein paar Beispiele aus Zen ni kike („Frag das Zen“, hg. von Kushiya Shusoku, Daihorinkaku 1986/2015; eigene Formulierung, vgl.: „An Dich“, Übersetzung: Muho Nölke, Angkor Verlag 2017) mit Hinweisen zur kritischen Reflektion.
I. Zen-Phrasen
„Selbst ein Nichtsnutz
erkennt: ‚Alles ist eins‘, wenn er zu seiner wahren Natur erwacht.“
„Wenn du den Dingen auf den
Grund gehst, verschwindet die Grenze zwischen dir und dem Universum.“
Die Alleinheit, das Einssein mit dem Universum: Eine seltsame Vorstellung, wo wir doch den größten Teil davon nicht einmal kennen. Sind wir etwa auch mit dem Vakuum und der Strahlung eins? Warum wird immer wieder auf solche Bilder zurückgegriffen, statt konkret greifbare Analogien zu finden?
II. Mangelnde Erfahrung
„Alle reden von
Liebeshochzeiten, aber ist das nicht Sentimentalität? Geht es nicht nur um Schwanz
und Muschi? Warum sagt niemand, dass er in eine Muschi verliebt ist?“
„Betrachte einmal das
Antlitz eines Köters, der es gerade getrieben hat. Er schaut mit leeren Augen
um sich. So ist es auch beim Menschen …“
Sawakis eigene Liebesgeschichten
sind offensichtlich Mangelware. Obwohl diese Sprüche knackig sind, treffen sie
nur einen Teil der Wahrheit; ein anderer, wesentlicher, wird von Sawaki mangels
eigenen Erlebens übersehen, und man wünscht sich vielleicht, er hätte diese
Erfahrungen gemacht.
III. Konservative Werte
„Alle sind überzeugt,
dass ihr Leben einen Sinn hat, keiner blickt darüber hinaus. Aber es ist wie
bei den Schwalben: Die Männchen bringen die Nahrung, die Weibchen brüten.“
Wie stark Sawaki in alten
Rollenbildern verhaftet ist, zeigt sich hier. Schwalben betreiben tatsächlich
Teamarbeit bei der Futtersuche, und zeitweise brüten sogar Männchen die Eier
aus, die ansonsten für die Verteidigung des Nestes zuständig sind.
„Dogen Zenji [13. Jh.]
sagte: ‚Wenn du einen Weisen siehst, versuche, ihn nachzuahmen.“ Heute schauen
die Japaner lieber zu den amerikanischen Dummköpfen auf und eifern ihnen nach,
indem sie Hand in Hand auf der Straße herumlaufen.“
Das grenzt sogar an Rassismus,
zumindest ist es sexualkonservativ. Sawaki soll ohne Partnerin gelebt haben; er
machte freilich drei Frauen zu Dharma-Nachfolgerinnen in seiner Linie, die als
Kesa(Roben)-Näherinnen bekannt waren.
„Glaubst du etwa,
Zufriedensein bedeute, auf dem Sofa zu faulenzen oder in einem heißen Bad dahinzudösen?
Zufriedensein heißt, von Freude, Gelassenheit und Glücksgefühl bestimmt zu
sein.“
Bei vielen religiösen Lehrern, selbst im Zen, werden unnötige Dualismen erzeugt, die der gewöhnliche Leser kaum nachvollziehen wird, denn für ihn sind Dösen und Faulenzen vielleicht von Freude, Gelassenheit und Glücksgefühlen durchdrungen.
V. Biografische Vorbelastung
„Familie ist der Ort, an
dem Eltern und Kinder sich gegenseitig ins Unglück stürzen und Mann und Frau
gemeinsam verkümmern.“
Sawaki wurde im Wesentlichen von
einem Mann großgezogen, der im kriminellen Bereich tätig war; es fehlte ihm an
tröstlicher Familienerfahrung, seine Eltern und auch ein Adoptivonkel starben
früh.
„Zunächst werden gewöhnliche Menschen von ihren
Trieben geleitet. Schließlich wird ihnen klar, dass alles nichts
bringt, und sie kommen zum Zazen: Einfach tun, was nichts bringt!‘“
Wenn dem so wäre, hätten sie
natürlich keinen Grund, auch noch Zazen zu betreiben, weil es ja ebenfalls für
„nichts gut“ wäre, im Sinne dieses Bildes könnten sie also nach der Erkenntnis
der Nutzlosigkeit ihres Strebens auch mit ihren alten Tätigkeiten weitermachen,
nicht wahr?
„Die Welt dreht sich
immer um Gewinn oder Verlust, Vor- oder Nachteile. Aber beim Zazen geht es um
nichts. Es hat keinen Sinn. Deswegen handelt es sich um die größte und
umfassendste Angelegenheit, die existiert.“
Auch wenn es für Meditierende
wichtig sein kann, sich nicht mit weiteren Illusionen ins Zazen zu begeben, wie
einem Wunsch nach Erleuchtung, so ist allein die Tatsache, dass Sawaki immer
wieder Zazen machte und propagierte, der Beleg dafür, dass es ihm „etwas
brachte“. An anderen Stellen seiner Biografie spricht er sogar explizit davon,
dass es ihn aus seinen schwierigen Verhältnissen gerettet habe. Mehrfach
erzählt er die Anekdote, wie er als junger Mann beim Zazen von einer
Bediensteten überrascht wurde und diese beim Anblick seiner erhabenen
Zazen-Haltung vor Andächtigkeit ein Gebet anstimmte.
Natürlich lässt sich auch an
anderen Vertretern seiner Linie zeigen, dass es ihnen um etwas geht, und um was
genau. Diese Wendung ist also längst zu einer Falle geworden. Von Dogen Zenji
über Sawaki bis hin zu jüngeren Lehrern kristallisieren sich depressive
Zustände, häufig infolge frühen Verlustes der Mutter, als Motivation fürs Zazen
heraus.
„Zazen heißt, den
Gruppenzwang hinter sich zu lassen.“
Das Typische der Zazen-Übung ist
gerade, sich in Gruppen zur Meditation einzufinden, was regelmäßig dem Sitzen in
den eigenen vier Wänden vorzuziehen sei. Auch im Dojo, einer Übungsstätte, oder
in einem Kloster entsteht Gruppendynamik. Es wird also nur eine (Interessen-)Gemeinschaft
durch eine andere ausgetauscht.
„Kinder haben eine Maus
gefangen und werfen sie der Katze zum Fraß vor. Wäre ich anstelle der Maus,
würde ich ausrufen: ‚Verdammt, ihr werdet keinen Spaß an mir haben!‘ – und
einfach in Zazen-Meditation sitzen.“
Zazen wird als Allheilmittel angesehen, und obwohl es an anderen Stellen oft heißt, man solle es nicht zu einem Zweck betreiben, ist dies hier beinhaltet.
VII. Mangelnde Sachkenntnis
„Du kamst zur Welt, ohne
zu denken.“
Doch Neugeborene besitzen
bereits ein aktives Gehirn, das Sinneseindrücke verarbeitet und lebenswichtige
Funktionen steuert.
„Ihr Erwachsenen seid
komisch: Um ein einziges Wort macht ihr ein großes Aufheben. Probiert mal, ein
Baby zu kränken – es wird euch nicht möglich sein.“
Tatsächlich erkennen schon
Säuglinge feindselige Stimmlagen, Ablehnung oder Aggression, was ihre Bindung
und Psyche negativ belasten kann.
„Die Geburt eines
einzelnen Stalin entscheidet über das Leben und den Tod zahlloser Menschen.“
Sawaki übersieht, dass es nicht
allein die Geburt dieses Menschen ist, sondern seine Formung, Umgebung,
Gemeinschaft und Biografie, die darüber entscheidet, was aus ihm wird, und
schließlich auch die Sicht und Reaktion anderer auf ihn.
„Wenn du Buddha das Zazen
nachmachst, bist du selbst ein Buddha.“
Diese Vorstellung ist naiv, denn was der Buddha des Palikanon
machte, ob historisch oder nicht, war eine Mischung aus Stille in Versenkung (samatha)
und analytischer Einsicht (vipassana), d. h. er untersuchte dabei auch
buddhistische Lehrinhalte wie die vier Wahrheiten, Vergänglichkeit (anicca),
Leidhaftigkeit (ducca) und die Nicht-Existenz eines unveränderlichen
Selbst (anatta), bis er endlich den Durchbruch mit seiner Erleuchtung
erlebte. Dies war ein anderer Ansatz als das Zazen Sawakis, bei dem es „um
nichts“ gehen soll.
„Im Laufe des Ehekrachs bemerkst du nicht, dass
der Streit um Belangloses geht. Aber im Zazen wirst du dir deiner Täuschung
bewusst. Das Leben aus der Perspektive des Zazen zu betrachten, ist von
Bedeutung.“
Was hier vergessen wird, ist
„Sitzen im Geist“ als wesentliche Zen-Praxis. Es wäre doch wichtiger, schon während
eines Ehekraches dessen Belanglosigkeit zu erkennen und nicht erst in einem
davon getrennten Setting wie dem Zazen als ritualisiertem Sitzen. Die
„Perspektive des Zazen“ ist die des Loslassens von Meinungen, Ärger usw., und
dies praktiziert man am besten „on the spot“. Rechte Zen-Übung benötigt keinen
besonderen Ort oder besondere Vorbereitung oder Körperhaltung, sondern findet
im Alltag statt. Sawaki schafft es wie so viele Zen-Lehrer nicht, die Trennung –
von ritualisiertem Sitzen einerseits, zu einer stets möglichen Geistesübung als
Kern des Zen andererseits – hinreichend aufzuheben. Erst wenn die „Perspektive
des Zazen“ ein ungetrübter Blick außerhalb der Sitzmeditation ist, wird Zen
verwirklicht.
„Ein Vogel singt nicht,
um einen meditierenden Menschen mit seinem Lied zu imponieren. Die Blume blüht
nicht, damit der Mensch ihre Schönheit bewundern kann. In der Meditation sitzt
man ebenso wenig, um Erwachen (satori) zu erlangen.“
Nun übersieht Sawaki, dass Vögel
mit ihrem Gesang auf Partnersuche gehen und Blumen bestimmte Insekten anlocken.
Es ist eines seiner „schiefen“ Bilder, das man sogar als Argument benutzen
könnte, Meditation als zielgerichtet zu sehen.
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