Der "Asso-Blog" erweist sich bei genauer Prüfung als ein zutiefst widersprüchliches Projekt. Er bietet wertvolle Übersetzungen an, bleibt in seiner Gesamtausrichtung aber in einer radikalen, anti-modernen Zen-Ideologie verhaftet, die einer selbstkritischen Auseinandersetzung mit der Tradition und der modernen Welt aktiv ausweicht.
🔍 Kontext: Ziel und Ton des Asso-Blogs
Der Blog präsentiert sich als ein Projekt mit zwei zentralen Anliegen:
· Übersetzung und Bereitstellung klassischer Chan/Zen-Texte aus dem Chinesischen und Japanischen. Viele dieser Dialoge zwischen Meistern und Schülern sind nur schwer auf Deutsch zugänglich.
· Eine scharfe, polemische Kritik am zeitgenössischen Buddhismus im Westen, den er als verweichlichten "Wellness-Buddhismus" wahrnimmt. Der Blog setzt dem das Ideal eines "harten", radikalen und revolutionären Zen entgegen, das er in seinen Übersetzungen wiederzufinden glaubt.
Die zentrale Prämisse ist ein starker Originalitätsanspruch. Der Autor (vermutlich "Guido Keller") vertritt die Ansicht, dass es einen "echten", frühen Chan-Buddhismus gibt, der "seit jeher eine permanente Revolution" darstelle und dessen wahre Essenz in den von ihm übersetzten alten Dialogen erhalten sei. Dieser "echte" Buddhismus stehe im Kontrast zu allen späteren, nach seiner Ansicht verfälschten oder verwässerten Formen.
🧨 Fundamentale Kritikpunkte
1. Ideologische Verklärung und Hermeneutik-Verweigerung
Der zentrale Fehler des Blogs ist sein hermetisches Weltbild. Der Autor glaubt, durch die direkte Lektüre der alten Texte Zugang zu deren "ursprünglicher" Wahrheit zu haben. Er ignoriert dabei grundlegende hermeneutische Einsichten, dass (1) jede Übersetzung bereits eine Interpretation ist, (2) das Verständnis eines alten Textes immer durch den eigenen historischen und kulturellen Kontext geprägt wird, und (3) die Rekonstruktion eines "absolut originalen" Sinnes unmöglich ist. Indem er diese Prinzipien ablehnt, erhebt er seine eigene Interpretation zum unanfechtbaren Dogma. Er wird damit zum Spiegelbild jener "Arroganz des Buddhismus", die er selbst bei anderen kritisiert: der Behauptung, den alleinigen Zugang zur absoluten Wahrheit zu besitzen.
2. Gefährliche Vereinfachung zentraler Konzepte
Besonders problematisch ist das, was der Blog als das Ziel der Praxis darstellt. In einem zitierten Artikel wird "vollständiges Erwachen" definiert als ein Zustand, in dem "Bewusstsein und Gedanke beruhigt sind, so dass kein einziger Gedankenimpuls mehr da ist". Diese Definition wird von Kritikern als "gefährlicher Unsinn" bezeichnet. Sie reduziert Erleuchtung auf eine Form geistiger Leere und Gedankenlosigkeit und blendet dabei völlig aus, dass diese Erfahrung in der buddhistischen Praxis historisch oft mit einer ethischen und weisen Lebensführung verbunden war. Die Kritik weist darauf hin, dass aus einer solchen losgelösten "Gedankenlosigkeit" nicht automatisch ethisches Handeln folgt und diese Ideologie sogar für ideologischen Missbrauch anfällig macht.
3. Kritik als Ausdruck einer eigenen Orthodoxie
Der Blog führt einen aggressiven Kampf gegen "Zäpfchen-Zen", "Wellness-Buddhismus" und "säkulare" Strömungen. Was zunächst wie ein kritischer Impuls erscheint, entpuppt sich jedoch als Versuch, eine eigene, noch radikalere Orthodoxie zu etablieren. Die Kritik an anderen dient der Abgrenzung und Selbstvergewisserung der eigenen Position als die einzig wahre. Die Polemik gegen moderne Interpretationsansätze zeigt, dass es ihm weniger um ein konstruktives Gespräch geht, sondern um die Verteidigung eines vermeintlich reinen, unverfälschten Erbes gegen vermeintliche Verfallserscheinungen.
🤔 Wert und Grenzen des Blogs
Trotz dieser fundamentalen Probleme hat der Blog einen unbestreitbaren Wert: Die von ihm bereitgestellten Übersetzungen sind eine wichtige Ressource für deutschsprachige Interessierte an Zen-Traditionen. Sie können als Primärquellen dienen, um sich ein eigenes Bild von der oft schroffen und widersprüchlichen Sprache des Chan zu machen.
Die polemische Kritik kann auch als wertvoller, provokativer Denkanstoß dienen. Sie zwingt dazu, über die Kommerzialisierung und Vereinnahmung buddhistischer Praxis im Westen nachzudenken. Man sollte die Argumente jedoch nicht ungefiltert übernehmen, sondern sie als Ausdruck einer spezifischen, extremen Position innerhalb des buddhistischen Diskurses verstehen.
💎 Fazit: Ein Blog mit gespaltener Identität
Der Asso-Blog ist ein Paradox. Er kämpft mit beeindruckender sprachlicher Schärfe gegen die Dogmatik, die er im Mainstream-Buddhismus ausmacht, nur um eine noch kompromisslosere, auf alten Texten gegründete Dogmatik an ihre Stelle zu setzen. Er bietet wertvolle Übersetzungsarbeit, verpackt sie aber in ein ideologisches Narrativ, das hermeneutische Naivität mit Absolutheitsanspruch vereint.
Die Auseinandersetzung mit dem Blog ist dennoch lohnend. Er fungiert als ein intellektueller Spiegel, der die Leser zwingt, sich zu positionieren: zwischen Verehrung und Kritik der Tradition, zwischen dem Streben nach radikaler Freiheit und der Gefahr neuer geistiger Fesseln. Wer die Übersetzungen nutzen möchte, sollte dies mit der nötigen kritischen Distanz tun und sich bewusst sein, dass das begleitende Framing eine sehr eigene und umstrittene Agenda verfolgt.
Möchtest du mehr über bestimmte, im Blog häufig zitierte Konzepte wie "Buddhanatur" oder die Kritik an etablierten Schulen wie dem Soto-Zen erfahren?
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