Tage, die mir missfallen:
Tage ohne Wandern
Tage ohne Reiswein
Tage ohne neue Verse
„Ob klar oder umwölkt, ich schreibe jeden Vers in einem Zustand von abgeworfenem Körper-und-Geist (shinjindatsuraku).”
Santôka – eigentlich Shôichi – Taneda (1882–1940) war ein Zen-Mönch auf Wanderschaft. Er galt als ähnlich exzentrisch wie die bekannteren Ikkyû und Ryôkan, und er sprach wie diese gern dem Alkohol zu. Seine ungekünstelten Verse tragen Merkmale wie Einfachheit (wabi), Einsamkeit (sabi) und Unbeständigkeit (mujô). Sie gehören in Japan zu den am häufigsten publizierten und werden der „Neuen Haiku-Bewegung”zugerechnet.
„Meine drei Gebote: Verschwende nichts, werde nicht wütend, beschwere dich nicht.
Meine drei Gelübde: Versuche nicht Unmögliches, bedaure nicht die Vergangenheit, mach dich nicht selbst klein.
Meine drei Freuden: Lernen, Sichversenken, Dichten.”
Shôichis Vater war ein Geschäftsmann und Frauenheld. Während einer seiner außerehelichen Stelldicheins warf sich Shôichis Mutter im Alter von 33 Jahren in einen Brunnen und starb. Der Junge, damals elf, verwand ihren Tod nicht und trug noch als Mönch ihre Sterbetafeln bei sich. Mit sechzehn hatte er angefangen, Haiku zu verfassen, mit zwanzig gab er sich an der Waseda-Universität in Tôkyô, wie es üblich war, einen Autorennamen: Santôka – brennender Berggipfel. Im Jahr 1907 eröffnete Santôkas Vater mit ihm eine Reiswein-Brauerei und arrangierte zwei Jahre später eine Ehe für ihn, aus der ein Sohn hervorging. 1911 schloss sich Santôka dem Begründer der freien Haiku-Form jiyûritsu, Seisensui Ogiwara (1884–1976) an, der an die Ideen Masaoka Shikis (1867–1902) anknüpfte und neben der starren Form aus 5-7-5 Silben auch auf das Jahreszeitenwort (kigo) verzichtete; stattdessen sollte der innere Zustand des Dichters möglichst direkt zum Ausdruck kommen. Wesentliche Elemente des freien Haiku wurden jiyû (Freiheit), jiko (Selbst), shizen (Natur), chikara (Stärke) und hikari (Leuchtkraft).
Im Jahr 1916 ging die Brauerei der Familie pleite, zwei Jahre später brachte sich Santôkas jüngerer Bruder um. Der Dichter verdingte sich mit diversen Arbeiten, wurde 1920 geschieden, half aber auch später seiner Frau in ihrer Buchhandlung aus. 1924 soll Santôka nach einem Selbstmordversuch (auf Zuggleisen) in den Hôonji-Tempel gebracht worden sein, wo sich der Abt Gian Mochizuki um ihn kümmerte. Ein Jahr danach wurde er zum Priester mit dem Namen Kôho ordiniert. Sein Interesse am Zen war ursprünglich von Kôdô Sawaki geweckt worden. Santôka bezog allein den kleinen Tempel Mitori Kannon-dô am Rande Kumamotos und versorgte sich ein Jahr lang mit Bettelgängen, die täglich etwa drei Stunden in Anspruch nahmen. Danach begab er sich auf Pilgerschaft durch Honshû, Kyûshû und Shikoku. 1930 kehrte er nach Kumamoto zurück, gab ein paar Ausgaben eines Haiku-Magazins heraus und erhielt von Freunden 1932 im Dorf Ogôri in der Präfektur Yamaguchi eine Bleibe, die er nach einem Vers des Lotussutras Gochû-an nannte. Dort fanden Besucher folgendes Schild vor:
„Wenn ihr eure liebsten Süß- und Sauerspeisen herbringt und mit der Sanftmut von Frühlingswinden und Herbstbächen ohne Hemmungen tanzt, ohne vornehm zu tun oder niedergeschlagen zu sein, dann werden sich alle großen Glücks erfreuen.”
In den folgenden Jahren war Santôka wieder oft auf Wanderschaft, u. a. auf den Spuren Bashôs. Insgesamt soll er mehr als 28.000 Meilen zurückgelegt haben. Er musste noch einige Male seine bescheidenen Behausungen wechseln und wurde in einer davon schließlich am 11. Oktober 1940 tot aufgefunden.
Santôka verfasste etwa 800 Gedichte, außerdem Reiseberichte, Tagebücher, Briefe und Essays. Dies alles erschien u. a. in einer siebenbändigen Gesamtausgabe Teihon Taneda Santôka Zenshu, hg. v. Sumita Ôyama (Tôkyô 1972). Englische Übersetzungen gibt es z. B. von Hiroaki Sato: Santoka: Grass and Tree Cairn (Red Moon Press 2002), James Green/Hisashi Miura: Fire on the Mountain (Aozora Bunko 1998), John Stevens: Mountain Tasting (Weatherhill 1980) und Burton Watson: For All My Walking (Columbia University 2003).
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松はみな枝垂れて南無観世音
matsu ha mina eda tarete namu kanzeon
Alle Kiefern singen
mit geneigten Zweigen:
Namu Kanzeon.
松風に明け暮れの鐘撞いて
matsu kaze ni akekureno kane tsuite
Morgens und abends
die Tempelglocke läutend:
Der Wind in den Föhren.
分け入つても分け入つても青い山
wakeittemo wakeittemo aoi yama
Ich wate hier durch,
ich wate da durch,
doch die grünen Hügel bleiben still.
鴉啼いてわたしも一人
karasu naite watashi mo hitori
Das Krächzen einer Krähe –
auch ich bin allein.
生死の中の雪ふりしきる
seishi no naka no yuki furishikiru
Inmitten von Leben und Tod
fällt weiterhin Schnee.
この旅、果もない旅のつくつくぼうし
kono tabi, hate mo nai tabino tsuku-tsuku-boshi
Diese Reise
ist endlos.
Tsu-ku-tsu-ku-bôshi*.
[*tsukutsukubôshi: Ein zikadenähnliches Insekt, das im Dämmerlicht des Sonnenunterganges schrill zirpt, was bei Japanern ein Gefühl der Melancholie weckt.]
へうへうとして水を味ふ
hyôhyô to shite mizu o ajiwau
Sorglos wie der Westwind
schmecke ich das Wasser.
落ちかかる月を観てゐるに一人
ochikakaru tsuki o mite iru ni hitori
Den Monduntergang betrachtend,
bin ich ganz allein.
ひとりで蚊にくはれてゐる
hitori de ka ni kuwarete iru
Allein,
von Moskitos verspeist.

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