Mittwoch, 7. September 2016

Brad Warner-Bullshit: Wiedergeburt

果報を求めたり間違うた理屈を言うている者は皆外道である。ヤレ死んでも 未来 ないとか、ヤレあるとか、卑しくも独断の混じった学理を唱える者はみな外道である
"Wer nach Belohnung sucht oder von irregeleiteten Theorien spricht, ist ein gedo (Nicht-Buddhist). Besteht er darauf, auch nur auf geringste Weise theoretische Lehren mit persönlichem Dogmatismus zu vermischen, zum Beispiel mit der Behauptung, dass es nach dem Tod zukünftiges Leben gäbe oder nicht gäbe (!), ist er ein Nicht-Buddhist." 

Das ist von Kôdô Sawaki und stammt aus seinen Kommentaren zum Shôdôka. Ich habe die Stelle im Buch anders übersetzt, hier ist sie etwas wörtlicher, wie sie mir Okumura Shohaku freundlicherweise vorlegte. In meiner englischen Vorlage war die Stelle "oder nicht" in Klammern, und ich wollte sicher gehen, dass sie von Sawaki stammt. Interessanterweise hat Okumura nämlich diese Ansicht übernommen, es gäbe hinsichtlich eines Lebens nach dem Tode weder eine bejahende noch verneinende Antwort. Und nun fand ich diese Ansicht auch bei Brad Warner. Also gehen wir's an, und schauen wir, warum Brad falsch liegt, wenn er behauptet, sowohl der Buddha als auch Dôgen hätten nicht an Wiedergeburt geglaubt.

Die Ansicht, dass der Buddha das Thema "Leben nach dem Tod" mit Schweigen beantwortete oder für unpassend hielt, wird immer wieder in Foren oder Blogs vertreten. Tatsächlich ist der Palikanon hier - wie so oft - widersprüchlich, in der Gesamtheit der Aussagen muss man diese Ansicht m. E. jedoch verwerfen. Zwar meint der Buddha, die Wirkungen des Karma genau auszutüfteln würde einen verrückt machen (ummada, A. II, 80, alle folgenden Referenzen beziehen sich auf die Ausgabe der Pali Text Society, mein Dank geht an Bhante Dhammika). Andererseits bestätigt er, dass Erwachte kurz vor ihrem Erwachen Kenntnis ihrer früherer Leben erlangen könnten (pubbe nivasanussati, D.I,81). Buddha erklärt auch, dass gandhabba, der Zustand eines Bewusstseins zwischen Leben und Tod, die Voraussetzung für die Empfängnis sei (M.I,265). Dies geschähe für die meisten Menschen unbewusst (asampajana), für einige spirituell Hochentwickelte bewusst (D.III,103). Jedenfalls trenne sich das Bewusstsein beim Tod vom Körper (acetana, M.I,296), bis es ins befruchtete Ei eindringe (D.III,103; S.V,370), wo es einen Ruheort (patiññthà) fände (D.II,63).

Es gibt nach dem Buddha einen Zustand, "wo man gestorben (den Körper abgelegt hat), aber noch nicht wiedergeboren ist" (S.IV,400), außer für den, der Nirwana erlangt hat (S.IV,73): Für einen Erwachten existiert demnach "kein hier, kein dort, kein dazwischen". Mit anderen Worten, für den Erwachten gibt es auch kein Leben nach dem Tod, und wer erwacht ist, kann ganz im Sinne Buddhas die Frage nach einem Leben nach dem Tode verneinen. Genauer könnte er sagen, dass es für den Erwachten keines gäbe, sondern nur für den Unerwachten, und für diesen wie oben die Zwischenstadien beschreiben und die Möglichkeit, selbst im "Zwischenzustand" noch Erleuchtung erlangen zu können (antaraparinibbayi, S.V,69). 

Um das Problem zu umgehen, dass bei einer Lehre des Nicht-Selbst nichts wiedergeboren werden kann, wurde häufig das Billardspiel als Analogie herangezogen. Eine Kugel stößt an eine weitere, und während die erste zum Liegen kommt, setzt sich ihre Energie in der zweiten fort. Es muss dabei jedoch eingeräumt werden, dass dies in etwa den Vorstellungen entspricht, die sich selbst völlig Ungläubige noch vom "Weiterleben" eines Menschen im Diesseits machen, indem sie nämlich feststellen, dass die Gedanken und Werke einer Person über seinen Tod hinaus Wirkungen entfalten können. Im Grunde taugt eine solche vereinfachte Vorstellung jedenfalls nicht mehr dazu, irgendwelche Folgen schlechten Handelns "selbst" bei einer Wiedergeburt (punabbhava, D.II,15) erleben zu müssen. Das gerade kann ja nach der Nicht-Selbst-Lehre nicht sein. Was also da "von Schoß zu Schoß" (Sn.278) geht, aber besser nicht mehr weiterwirken sollte, ist einer recht schizophrenen Sicht aufs Leben geschuldet. Zum einen soll das Menschenleben nämlich ein großes Glück sein, da es die Möglichkeit bietet, Buddhas Lehre kennen zu lernen und zu erwachen, zum anderen ist dieses Leben offenbar so scheiße, dass man alles dransetzen soll, kein neues auszulösen oder irgendwie daran beteiligt zu sein. (Das Bodhisattva-Ideal, nach dem man sein Nirwana hintanstellen soll, bis alle Menschen "gerettet" sind, lasse ich hier mal außen vor, weil es die Dinge noch mehr kompliziert - wenn jemand dies wörtlich nähme, könnte er ja gar nicht anders, als an irgendeine zumindest billardmäßige Wiedergeburt zu glauben). Im siebten Buch des Khuddaka Nikaya, dem Petavatthu, geht diese Sache noch weiter: Unmoralisches Treiben lässt Menschen als Geister wiederkehren. Es ist kein Wunder, dass auch Dôgen darauf hereinfiel, und dass sich sogar Kôdô Sawaki einer Unentschiedenheit zur Frage des Lebens nach dem Tode anschloss ...

Der dritte Abschnitt karmischer Vergeltung ist der nach zwei aufeinander folgenden Leben. Er mag drei, vier oder sogar hunderttausend Jahre auftauchen, nachdem das Karma eingeleitet wurde. Bodhisattvas empfangen Vergeltung [für ihre Übung] in ihrem dritten Leben. (...)

Der Ehrwürdige Shishibodai und der Patriarch Eka waren ohne Zweifel die Opfer von Morden durch die Hände böser Menschen. Weil sie aber weder in ihrem endgültigen Körper waren noch davon abgehalten wurden, die Periode des Chû-in zu betreten [durch eine der fünf falschen Handlungen], gibt es keinen Grund anzunehmen, dass sie in ihrem nächsten Leben keine karmische Vergeltung empfingen. (...)
  
Chôsa fuhr mit den folgenden Versen fort:

„In Wirklichkeit existiert keine zeitbedingte Existenz,
es existiert keine zeitbedingte Nicht-Existenz,
Erleuchtung und karmische Vergeltung haben nur eine wahre Natur.“

Chôsa war einer von Nansen Fugans[1] langjährigen und herausragenden Schülern. Obwohl sein Verständnis vieler Aspekte des Dharma fraglos fehlerfrei war, zeigte seine Erklärung Kogetsu gegenüber, dass er den Sinn bösen Karmas nicht verstanden hatte.

Das sind Ausschnitte aus Dôgens Shôbôgenzô-Kapitel "Sanjigô" (Karmische Vergeltung in drei Zeitabschnitten). Sie deuten an, worin das Widerstreben vieler Sôtô-Anhänger gegen klare Aussagen zum Nachtodlichen seine Ursache haben könnte. Es wäre besser, man würde Dôgens mangelndes Verständnis in diesem Kapitel hinterfragen. Oder seiner Wiedergeburt, wo auch immer sie sei, erklären, inwiefern Chôsa den Geist des alten Chan begriff, der Dôgen hier offenbar entschlüpfte ;-)

                             



   [1] Nan-ch’uan P’u-yuan (748–835).

Kommentare:

  1. Wer weiss schon wieviel, wie mit was, mit wem, warum verbunden, beeinflusst, getan, erlebt, gelebt wird?
    Wenn man nur als Menschen-Wesen "erwachen" kann?, dann ist gegen eine Wiedergeburt als Mensch nicht ein zu wenden.
    Es kann nur noch "besser" werden......

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  2. mal wieder einer dieser Blogeinträge wegen derer ich mich über jeden Mittwoch freue. danke herr keller

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    1. Brad Warner, der ja auch hierzulande eine gewisse Anhängerschaft hat, zeigt immer mehr sein wahres Gesicht. In einem Beitrag zu Brock Turner (http://hardcorezen.info/it-is-never-your-job-to-provide-suffering/4787) bezichtigt er ihn der Vergewaltigung, obwohl diese Anklagepunkte nach DNA-Analysen fallen gelassen wurden und der Student schließlich wegen Einführens seiner Finger in die Scheide einer Betrunkenen und Bewusstlosen verurteilt wurde (und wegen der "Absicht der Vergewaltigung" - wobei ich mich frage, wie sich diese festmachen lässt). Brad, der sich dann zurecht gegen den Mob wendet und auf die übliche etabliert-buddhistische Weise über den Hass räsoniert, erweist sich dennoch als der Ultraspießer, den ich schon desöfteren hinter seinem Punkgehabe entdeckte. Er spricht seinem eigenen Beitrag Hohn, indem er einen Verurteilten, dem nun auch seine Schwimmkarriere und der Zugang zu Stanford vermasselt sind, dessen Bild in den Medien war und der nun offiziell als Sexstraftäter geführt wird, noch in Worten Taten andichtet, die juristisch keinen Bestand hatten: "The swimmer guy who was convicted of rape ..." Da gehen die Gäule mit Brad Warner durch, und falls er dafür nicht selbst ein Verfahren kassiert, frage ich mich, ob nicht wenigstens einer in seinem Umfeld in der Lage ist, mal Klartext mit ihm zu reden.

      Er ist nicht der einzige offizielle "Zen-Lehrer", bei dem sich die Dinge immer mehr zur Eigenbrötlerei entwickeln. Keine Ernennung durch einen Roshi kann davor schützen.

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  3. So, nun hab ich ihn per email gefragt, ob er "man enough" ist, seinen Fehler zu korrigieren.

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  4. Das ging ja schnell ... Der Rest in Brads Beitrag ist Ansichtssache. Ich denke, je früher jemand nach einer solchen Tat frei kommt, desto größer die Gefahr des Stalkings. Diese Strafe ist möglicherweise schlimmer als eine längere Haft. Ich kann dem Richter also im Gegensatz zu Brad nicht vorwerfen, er habe seinen Job nicht gemacht. Einem Richter dürfte klar sein, dass die eigentliche Strafe in der sozialen Ächtung besteht, die bei Männern nicht selten eine verkappte Form von Eifersucht ist.

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  5. Dogen ist wohl ein Illustrator, der gerne dekorierend ausschmückt. Ich kann mit seiner Argumentation da auch wenig anfangen (was ist gutes und böses Karma?!)...

    Mir scheint, bei der Wiedergeburt ist irgendwie am meisten Diskussionsbedarf in der spirituellen bzw. buddhistischen Szene.

    Ich sehe es so:

    Ein 'Ich' braucht Zeit. Unsere Physik braucht sie aber nicht: wir leben in einem immutablen Universum. Ich kann es also nicht verändern. Zeit als Unterscheidungsmerkmal ist redundant, denn der Raum wiederholt sich nie. Ich bekomme jeden Moment eine neue, frische Instanz des Raumes. Ich kann ihn also nicht verändern. Jede Veränderung ist die Aneinanderreihung dieser unendlichen, immutablen, sich verändernden Instanzen, nicht aber DER veränderte Raum. Wozu brauche ich also Zeit? Naja, sie ist aber auch nicht 'falsch'. Sie ist einfach nur der räumliche Teil in unserem Hirn, der uns zu einigen interessanten Dingen motiviert. Zb: scheiße, gleich macht der Bioladen zu. Ich sollte jetzt los gehen.

    Damit kann ich die Wiedergeburt verneinen. Damit kann ich sie allerdings auch bestätigen - während der Erleuchtete daraufhin die Unvollkommenheit in mir sieht, bin ich einfach nur der Raum, der irgendwas bestätigt hat - was soll die Aufregung?

    Guido: brillanter Beitrag, mit schöner Argumentation. Siehst du, sowas würde ich nicht hinkriegen. Im Buch bin in jetzt bei 1/4. Momentan die Gute-Nacht-Lektüre, da macht man nicht so viele Seiten am Tag. Bisher muss ich sagen, dass Sawaki oft schlüssig argumentiert, manchmal fällt es mir aber schwer ihm zu folgen (z. B. auf S.56 "Das ist der Beweis, dass Shakyamuni einzigartig bleibt." Verstehe ich nicht. Er motiviert doch nur einen anderen Fortschritt, nämlich die Abkehr davon? Oder er meint wieder das 'Nichts'. Mal sehen. Macht Spaß zu lesen, denn durch deine Texte hier ist mir der Stil vertraut.)

    Gruß
    Funktor

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  6. "Das ist der Beweis, dass Shakyamuni einzigartig bleibt" (plus Dogen,Bodhidharma) bezieht sich auf die Aussage dass die (unsere)menschliche Natur so wenig (spirituelle-Satori) Fortschritte gemacht hat. Selbst Sawaki zählt sich zu den unbedeutenden Typen...

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    1. Vor mir ein leeres, weißes Blatt Papier.
      Es ist das Universum, es eint alles.
      Jetzt setze ich den schwarzen Pinsel auf!
      Willkürlich erscheint der Unterschied.

      Wenn der Kreis gänzlich geschlossen ist, dann
      habe ich ein inneres und ein äußeres Universum.
      Zwei weiße Flächen, unterschieden von einem
      Kreis - der weder Anfang noch Ende haben könnte.

      Welchen Fortschritt meinst du?
      Ich verstehe immer weniger davon.

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  7. Geburt und Tod ist keine absolute Wahrheit. Das lehrte Buddha. Die Befreiung aus dieser Illusion von Geburt und Tod führt in das erwachen. Du kannst nur jetzt erwachen und auch der Tod existiert nur im Jetzt. Das Leben aber ist das jetzt und somit ist das Leben ewig auch noch wenn du den Tod im Jetzt erlebst. Aber das verstehen keine schlafende Trump Jünger, denn die Glauben nicht an das ewige jetzt sondern aus der Angst heraus an die Illusion des Todes.

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