Mittwoch, 18. Mai 2016

Zwei schwächere Bücher von bekannten Buddhisten

Ich möchte heute auf zwei Titel eingehen, die mir letztlich einen etwas unergiebigen Eindruck machten. Der erste heißt Training in Compassion (Shambala 2013) und besteht aus Reflektionen des Zen-Lehrers Norman Fischer zu der Praxis des Lojong. Fischers Zenreden sind mir eher angenehm aufgefallen, schon öfter hat er den Dialog mit anderen religiösen Überlieferungen gesucht. In diesen Kommentaren tritt mir jedoch ein etwas verwirrter Autor entgegen, der zum Beispiel meint, mit 50 Jahren habe man das Gefühl, 95 Prozent seiner Lebenszeit bereits hinter sich zu haben, denn die Zeit würde sich subjektiv beschleunigen. Diese Aussage von einem bestätigten Lehrer in der Tradition Shunryu Suzukis befremdet mich. Ich kann aus eigener Erfahrung mit 51 Jahren sagen, dass dem ganz und gar nicht so ist. Die Erfahrung der "Unendlichkeit" von Zeit (und Raum - was wissenschaftlich fragwürdig ist), wie sie von vielen Zenübenden und anderen spirituellen Menschen gemacht wird, führt meines Erachtens in der Folge zu einem solch starken Bewusstsein der Gegenwart, dass Fischers Annahme nicht dadurch gedeckt ist.
   In der Folge macht Fischer dann den üblichen Fehler, sich in einer Art Zensprech zu ergehen, der keinen echten Sinn ergibt. So meint er etwa, da alles vergehe, sei auch jedes noch so schwierige Problem bereits gelöst, selbst wenn es gerade erst im Entstehen begriffen ist. Wir alle wissen doch, dass dies für einige Probleme nicht gilt (nehmen wir zum Beispiel eine Krebswucherung) und nicht gelten sollte, und dass der Grund für einen solch billigen Trost, der alle Schwierigkeiten im Leben gleichschaltet, sogar in obiger falscher Auffassung der Zeit liegen könnte - denn wenn sie schneller verginge, wäre ja auch bald jedes Problem - gewissermaßen von selbst, per Vergänglichkeit - erledigt. Ich habe zwar nichts gegen einen gewissen Zynismus, aber hier fehlt es ja an jedwedem Humor, so dass man Fischer unterstellen muss, er meine das ernst. Genau wie die Plattitüde, wir könnten attraktive Objekte nicht (er)halten und unerwünschte Objekte nicht meiden. Tatsächlich tun wir jeden Tag genau das, wenn wir etwa unseren schönen Partner umgarnen und unsere Partnerschaft pflegen und das nicht essen, was uns nicht schmeckt. Meines Erachtens gelingt das vielen Menschen recht gut und bedarf nicht mal einer besonderen spirituellen Übung. Aber wenn man sein Augenmerk weniger auf die Gegenwart richtet als auf den Tod, wie Fischer, kommt man auf andere Prioritäten: "Obwohl wir spirituelle Praxis während unseres Lebens und für unser Leben betreiben, tun wir dies, weil wir sterben, und um Tod, Trauer und Verlust verstehen und bewältigen zu können." 
   Dieser Satz wäre noch nicht gar so übertrieben (geht er doch von der falschen Rangfolge aus, nämlich dass die Bewältigung des Todesphänomens wichtiger sei als die des Lebens, womit er im Übrigen auch Dôgen in die Quere kommt, der die einzelnen Zustände im Shôbôgenzô voneinander trennte), würde ihm nicht schon bald das abgedroschene "Es gibt keine Dinge wie 'Leben' und 'Tod'" folgen. Nun ja, möchte man da folgerichtig erwidern, wozu dann also das ganze Getue um deren Bewältigung, wo sie doch gar nicht existieren? Die Antwort findet Fischer natürlich wieder im Sammelsurium buddhistischer Phrasen: "Nutze die zwecklose Aktivität nicht für den Zweck, deinen Geist von deinem Leiden und dem der Welt abzulenken." Auch hier ist er ein Gefangener des modernen Sôtô-Zen-Duktus, der schlicht nicht sagen will: Wenn du dich ganz zweckhaft und zielgerichtet deinem Leiden und dem Leiden anderer stellst, wirst du es begreifen und lindern können. Dass Norman Fischer in all diese rhetorischen Fallen tappt, hat mich doch ein wenig überrascht.

Charles S. Prebish ist vielen als Buddhologe bekannt ("two Buddhism theory") und hat schätzenswerte Arbeit geleistet. Kaum in Rente, fühlte er sich zu einer Autobiographie namens An American Buddhist Life. Memoirs of a Modern Dharma Pioneer (Sumeru Press Inc. 2011) bemüßigt. Der Titel deutet schon an, dass Prebish nicht nur Akademiker, sondern auch praktizierender Buddhist ("scholar-practitioner") ist: "Zu den Gelübden zu werden war eine Erfahrung von 24 Stunden pro Tag. Mit anderen Worten, ich machte nur zwischendurch Sitzmeditation, wenn es nötig war, arbeitete aber eifrig daran, Lügen, Stehlen, Töten, das Verneben meines Geistes durch Rauschmittel und sexuelle Fehltritte zu meiden". Er lernte von Bope Vinita, bekam von "Schwester Palmö" seinen Bodhisattva-Namen und berichtet u.a. von einem eher banalen Erlebnis bei Chögyam Trungpa, der, als er einen Raum betritt, beim darin befindlichen Prebish einen plötzlichen Brechreiz auslöst, der genauso schnell wieder verschwindet, als Trungpa den Raum verlässt - was den Autor jedoch verwirrte.
   Ein Foto von Prebishs gerade fünf Minuten altem Sohn Rob habe diesen wie einen kleinen Tibeter mit schwarzem Haar und langen Ohrläppchen gezeigt, der seine Hände zu einem Mudra geformt hatte; als man aber den Prebishs ihren Neugeborenen dann mit nach Hause gab, wären Haarfarbe und Ohrläppchen drastisch verändert gewesen. Später freilich hätte sich dem Kind bei Spaziergängen furchtlos Rotwild genähert und eine einbeinige Ente sei aus dem Wasser gekommen und ihm in den Schoß gehüpft. Auch Trungpa ahnte beim Anblick eines Photos des Kleinen, dass es sich bei ihm um einen Tulku handeln könne. Rob wurde später freilich ein erfolgreicher Ringer. Obwohl ich Prebish für seine Kritik etwa an Thich Nhat Hanh und Helen Tworkov (der Gründerin des buddhistischen Magazins Tricycle), vor allem aber für sein "Journal of Buddhist Ethics" (das er 1994 mit Damien Keown begründete) schätze, deutet sich hier eine esoterische Neigung in ihm an, die ich bei Akademikern nicht gutheißen kann.
   Am Ende seiner Autobiografie empfiehlt Prebish noch, einige jüngere Akademiker und Buddhisten im Auge zu behalten, z.B. Brooke Schedneck und Danny Fisher. An einer Stelle dieses Werkes, das sich trotz aller Demut zu wichtig nimmt, greift Prebish seinem aktuellen Buch vor (mehr dazu im untenstehenden Clip). Er korrigiert da die alte Zenlehrerin Jiyu-Kennett und deutet an, dass ein Hundeleben dem Buddhisten als Vorbild taugen könnte: "Die alte Rôshi war verrückt. Sie verstand gar nichts vom Buddhismus. Lebendig zu sein bedeutete genau dies: wie ein alter Hund zu leben, der in der Sonne liegt. Wenn du durstig bist, hol dir was zu trinken. Wenn du hungrig bist, hol dir einen Happen zu essen. Wenn du kacken musst, geh aufs Klo. Und wenn du ein bisschen Aufmerksamkeit brauchst, kuschel dich einfach an deine Partnerin."


Kommentare:

  1. Hi Guido,

    finde es sehr erstaunlich, wie man immer ganze Bücher über Zen (et cetera) schreiben kann. Ich wüsste gar nicht, wie ich die ganzen Seiten voll kriegen sollte.

    Das Shobogenzo hat für mich diese gleiche Faszination: nach über 1000 Seiten Dogens teils klaren, teils eher wirren Geschwurbel habe ich Zen noch immer nicht verstanden. Und Dogen glaub' ich auch nicht. Haha!

    Du schreibst "..womit er im Übrigen auch Dôgen in die Quere kommt, der die einzelnen Zustände im Shôbôgenzô voneinander trennte" - kannst du das genauer erklären? (verstehe ich nicht so genau.. meinst du Tod ist Tod, Leben ist Leben, und sonst weiter nüschte?)

    Und, Guido, was mich auch noch interessiert:

    - Praktizierst du denn noch klassisches, tägliches Zazen?
    - Hast du dich mal mit Figuren wie Matsuo Bashō oder Kobayashi Issa beschäftigt? Als Freund des Hanfes kam ich zu ihren Haikus, gewisse Parallelen zu Ikkyu (der hat dich tiefer inspiriert als Dogen, nicht wahr?) fallen mir auf.

    Gassho und danke für deine Arbeit hier,
    wie immer sehr erfrischend.

    AntwortenLöschen
  2. Was einzelne Schriften für sich genommen angeht, bin ich auch der Meinung, dass es bessere und wichtigere gibt als das Shobogenzo, z.B. das Plattformsutra, das Linji Yulu, den überlieferten Text von/um Huang-po und einige, die ich hoffentlich noch übersetzen kann in den kommenden Jahren. Das Shobogenzo ist in sich zu widersprüchlich. Das kann man sogar bei dem Thema so sehen, dass Du anfragst.

    Im Kapitel Zenki werden Leben und Tod als weder identisch noch verschieden bezeichnet. Im Kapitel Shoji heißt es - nach der auch von anderswo bekannten Formel "es gibt kein Leben und Tod" - (ich zitiere aus Muhos Übersetzung): "Zu glauben, dass Leben in Tod übergeht, ist ein Irrtum. Leben ist die Weise einer Zeit, es hat bereits ein Vorher und ein Nachher. Deshalb heißt es in der Buddhalehre, dass Leben (Geburt) Nicht-Leben (ungeboren) ist. Auch Vergehen hat als die Weise einer Zeit ein Vorher und Nachher. Deshalb heißt Vergehen unvergänglich. Wenn man Leben sagt, dann gibt es nichts außer dem Leben, wenn man Sterben sagt, dann gibt es nichts außer dem Sterben. Wenn daher Leben kommt, begegne ihm durch Leben, und wenn Tod kommt, begegne ihm durch Sterben. Verabscheue nicht, noch sehne dich danach."

    In diesem Sinne steht jeder Zustand für sich.

    Ich neige ja dazu, solche Widersprüche derart zu lösen, dass ich das Brauchbare nehme und das Unbrauchbare ignoriere oder lächerlich mache. Wenn man Schüler lehrt und vor Fallen bewahren will, sagt man halt einerseits: Leben und Tod sind nicht verschieden - damit kein Dualismus entsteht; dann sagt man: Leben und Tod sind nicht eins - damit Unterscheidungskraft nicht verloren geht; und schließlich sagt man: (Eigentlich) gibt es kein Leben und keinen Tod, weil das ja nur Konzepte deines Hirns sind, die mit Vorstellungen behaftet sind.

    Der wichtigste Satz ist meines Erachtens der von mir hier als Kritik gegen Fischer angebrachte, da er den Schüler darauf verweist, in der Gegenwart zu bleiben. In dieser Gegenwart wird folglich Leben als Leben präsent sein, und erst wenn sich dieser Zustand signifikant ändert und zu Sterben wird, sich die Erfahrung als Sterben aufdrängt, ist die Gegenwart eine andere. Eigentlich ist auch das eine Binsenweisheit, aber ich meine, auf die Details bei Dôgen sollte man achten, weil uns sonst vor allem ein Wirrkopf vor Augen tritt (man denke nur an seine Arroganz, mit der er alte chinesische Meister runterputzte, das Shobogenzo pries und diese widerliche Karmalehre aufrecht erhielt, nach der jemand, dem es heute trotz besten ethischen Verhaltens mies geht, eben in einem früheren Leben Scheiße gebaut haben muss).

    Dieses Detail bedeutet nämlich bei genauer Betrachtung, dass die oft gehörten Deutungen - die man auch bei Dôgen selbst häufig findet - das Leben sei kurz, der Tod nahe und man müsse sich darauf gleichmütig einstellen, keinen großen Sinn machen. Selbst die Metaphern des "Sterbens auf dem Zafu-Sitzkissen" kommen ja nicht an das Sterben mit Aussicht Tod heran. Und dieser Zustand ist eben erst dann da, wenn man stirbt. Im Leben kümmert einen das Leben. Zazen im Hinblick auf eine Sterbevorbereitung zu betreiben, halte ich also für ein Missvertändnis zumindest im Abgleich mit diesem Shobogenzo-Kapitel. An den anderen Stellen fällt Dôgen meines Erachtens auf die in seiner Zeit längst geschehene hagiographische Selbststilisierung von Meistern herein, zu der auch gehört, sich mit gleichmütigen Sterbegedichten zu verabschieden.

    Wirklich hilfreich ist einem Zenschüler also m.E. nicht, wenn er meint, er könne sich auf etwas vorbereiten, was er nur einmal erleben wird und nicht vorwegnehmen kann. Sondern wenn er sich im Leben ganz aufs Leben konzentriert. Wie sollte da Platz für Gedanken ans Sterben sein? Auch wenn letztlich "Leben und Tod nicht existieren", liefe das aufs Gleiche hinaus. Vorstellungen, man könne sich auf das Sterben adäquat vorbereiten, halte ich für eine Illusion. Und Norman Fischer sitzt ihr offenbar auf. Da ist also ein Dualismus, den er als authorisierter Meister idealerweise abgelegt haben müsste.

    AntwortenLöschen
  3. Zu den anderen persönlicheren Fragen: Ja, ich habe selbst mal in einer Lebensphase Haiku geschmiedet (einige finden sich in diesem Blog) und intensiv Issa, Basho und viele andere gelesen. Im Zuge dessen gab es sogar mal einen kleinen (2.) Preis einer großen japanischen Haiku-Zeitschrift. Mein erstes Kenshô hatte ich auch in Form eines Haiku festgehalten: "Der Roshi hält mich - nicht fest, sondern zum Narren - ... (die dritte Zeile fällt mir gerade migränebedingt nicht mehr ein), das ich auf meinem Kissen zurückließ (soweit ich mich erinnere oder die Angelegenheit verkläre).

    Da von Dôgen doch sehr viel mehr überliefert ist als von Ikkyu, kann ich gar nicht sagen, ob mich Letzterer mehr inspiriert hat. Ich sehe Dôgens Stärken eher im philosophischen Bereich, was auch schon die Antwort auf die andere Frage andeutet. Es ist für mich vollkommen falsch, das Klosterleben und eine Existenz in Robe als vorrangig gegenüber dem Laienleben anzusehen. Es ist auch für die Mehrheit der Menschen falsch, sich exzessiv auf Zazen zu konzentrieren. Neuerdings finden sich natürlich Deutungen, die meiner Lesart von Dôgen näher kommen, nämlich Shikantaza als Kôan auffassen (siehe das neueste Buch von Hg. Stephen Heine) und dies auch als Absicht Dôgens. Damit kämen wir weg von diesem ewigen Beharren darauf, dass Zazen nichts nutze und zwecklos sei, was sich durch Dôgen selbst natürlich auch widerlegen lässt.

    Wenn man Zazen so begreift und betrieben hat - nicht als pars pro toto - Zazen IST Erwachen -, weil das bloß eine Illusion wie jede andere wäre -, dann ist zazen ein upaya, ein geschicktes Mittel, oder: DAS geschickte Mittel schlechthin. Ich bringe demnächst ein neues Buch von Kodo Sawaki heraus, wo er übrigens das Gleiche sagt: "Wenn Zazen uns für unsere eigene Transparenz öffnet, werden alle Dinge – satori, die Lehren Buddhas, sogar Zazen – zu illusionären Gebilden." Aber das ist nur eine kleine Stelle, die eingebettet ist in den Lobgesang und die Notwendigkeit von Zazen. Dabei wird natürlich klar, dass - wenn Zazen einmal als geschicktes Mittel durchschaut und der "Durchbruch" gelungen ist - eine völlige Freiheit vom Zazen naheliegen dürfte. Und so handhabe ich das auch. Ich habe zuletzt kaum ein Bedürfnis danach gehabt. Das mag sich mal wieder ändern.

    Demnächst will ich dann auch noch die "Wette" einlösen und ein Filmchen einstellen, wo ich für geraume Zeit den vollen Lotussitz einnehme. In einem Forum gibt es einen Zweifler aus Antaiji (ich nenne ihn "Unrainer", er nennt sich "bel"), und an ihm habe ich dort zuweilen manifest werden lassen, wo das hinführen kann, wenn man Zazen zu ernst nimmt (wie er oder auch Uchiyama, einer von Sawakis Nachfolgern) - zur Vorstellung seiner Unabdingbarkeit, zu "Wettsitzen", fast schon zu einer Art Vergötterung.

    Zazen ist für mich keine Metapher - bzw. kein Einssein - mit Erwachen in Form einer eng definierten Körperhaltung, sondern Zazen ist eine Metapher für eine erwachte oder erwachende Geisteshaltung im Alltag. Ich bin da eben Huineng näher als Dôgen, der ihn aber zuweilen auch nicht verleugnen konnte.

    Irgendwann in den kommenden Monaten werde ich am Beispiel Uchiyama und einem im Netz aktiven Antaiji-Abkömmling aus Melbourne mal versuchen, den feinen Unterschied zu Sawaki zu benennen und wohin das führen kann. Alles natürlich durch meine Brille gefärbt - wie könnte es anders sein.

    AntwortenLöschen
  4. Guido,

    ich kann deinen Ausführungen zum Shobogenzo folgen. Du gehst in deiner Erklärung schon recht intellektuell ran, das muss ich sagen. Ich könnte die Dinge nicht derart logisch zerpflücken. Ich habe die Motivation dazu nicht, weil für mich die Sache mit den Logiken selbst schon irgendwie stinkt. Ja, der Wittgenstein, der wusste es, der Gödel auch. Weißt du, wer mein Meister ist? Die eigene Beschränktheit, und die Dummheit, die mir täglich ein Grinsen ins Gesicht zaubert.

    Dogen verrennt sich absichtlich. Das soll sein großes Lebens-Koan sein – niemals konkret werden und kleben bleiben. Das merke ich. Gehe ich völlig fehl, Guido? Wie auch immer, und wenn schon, mir kommt es nunmal so vor. Ja, das Leben ist freilich ein Widerspruch, und mir sind Menschen, die mit Paradoxien arbeiten immer lieber, als die Gurus mit Schnurri und Turban, die schweben, die die Welt erklären; ich hätte das von dir hier kritisierte Buch ob des Covers vermutlich nicht näher betrachtet. „Ich frage nicht um Erlaubnis, sondern um Verzeihung.“ - wie findest du diesen Spruch und hast du die Wahrheit in den Büchern finden können?

    Ich bin an das Shobogenzo intuitiv herangegangen. Natürlich ist es durch die Übersetzung stark gefärbt; die alte Sprache lässt da vermutlich auch sehr viele Freiheiten. Ich will meine Kritik mal spitzbübisch formulieren: ich reinige mit meiner Oral-B die Zähne um ein Vielfaches gründlicher als die schlauen Mönche nach Dogens Anleitung.

    Es sind einige elegante und sprachlich schöne Beweise darin enthalten. Die lyrischen, die rekursiven, die fraktalartigen Zeichnungen der Dharmas unserer Welt wissen zu beeindrucken. Was bleibt? Was zum Angeben im Bücherregal? Nee, schon ein wenig mehr. Aber unter die Haut ging mir der Sawaki mehr. Und den wollte ich verstehen, deshalb der Dogen. Ich denke, dass Dogen Sawaki eine ganze Menge Halt gab.

    Guido, ich bin heute Zug gefahren. Das deutsche Bahnnetz ist natürlich kein Shinkansen, das stinkt gewaltig ab, der ICE ist eine Bummelbahn. Heute gab es eine schöne Gleisstörung, es wurden fast zwei Stunden Gesamtverspätung. Ich bin 26 Jahre alt. Da gibt es Menschen, die sind wie du über 50 Jahre alt. Die werden dann ganz nervös, wenn der Zug nicht mehr fährt. Die wissen dann in der Enge oft nicht mehr, wohin sie noch gucken sollen. Ich habe mich in Zazen gesetzt, aber ohne Lotus und Schnickschnack. Ich habe einfach nichts gemacht und verweilt. Was hätte ich sonst tun sollen?

    Der ist passenderweise vom Sawaki: „Wenn du versuchst, durch Zazen zum Buddha zu werden, erinnert mich das an einen, der auf der Heimreise im Zug zu rennen anfängt – in der Hoffnung, noch schneller nach Hause zu kommen.“ (An Dich, S. 61)

    Wäre ich heute im Zug gerannt, dann wäre ich nicht eher angekommen, und die fette Verspätung, ja die hätte mich sogar noch weiter zurückkatapultiert.

    Ich respektiere deine Haltung zum Zazen. Natürlich hat Zazen etwas, aber das, was es hat, das ist nicht besser oder schlechter als ein guter Spaziergang. Wenn es anders wäre, dann wäre da was faul. Ich werde weiterhin sitzen.

    Ich bin gespannt auf dein neues Buch von ihm!

    Gute Zeit Dir
    Und Danke
    Die deutliche Darlegung
    Und deine Arbeit hier
    Die sind wertvoll für mich

    - Gassho

    AntwortenLöschen
  5. Danke für Deinen Beitrag. Ich empfinde es so:
    Ein bisschen Wahrheit - oder sagen wir: was Wahres - findet man m. E. tatsächlich in Büchern, und ein bisschen, wenn man sie zuklappt und nachsinnt (meditiert), und wieder ein bisschen im Alltag. Manche Wahrheit findet man nie, weil einem die Erfahrungen dafür fehlen.

    Die Bahn sollte Werbeclips mit dir drehen. Früher gab es ja das HB-Männchen ("Na, wer wird denn gleich in die Luft gehen?"). Mit Dir könnten das so aussehen: "Mal wieder Verspätung? Wir empfehlen Meditation. Die Deutsche Bahn."

    Du hast das schon richtig gemacht. Ich glaube auch, manche Menschen werden weniger aus Zeit- und Jobgründen nervös als aus Platzangst. Plötzlich fühlt man sich in einer Bahn oder einem anderen Fahrzeug wie in einem Metallsarg, aus dem man nicht rauskann. Jedenfalls erging mir das schon so. Dann sprach ich mal mit ein paar Leuten drüber, und es gab welche, die ähnliche Gefühle hatten. Was sich bewegt und plötzlich zu lange stillsteht, beunruhigt. Alles ein Anlass zur "Übung".

    AntwortenLöschen

Das Sichten und Freischalten der Kommentare kann dauern.