Donnerstag, 28. August 2014

Was der Dalai Lama angeblich so meint

Aus aktuellem Anlass verschiebe ich die "Weisheiten von Zen-Meistern" (Teil II) auf später und verliere ein paar Worte über den Disput zwischen Matthias Steingass und Tenzin Peljor beim Unbuddhisten. Ich sehe mich dazu veranlasst, da Tenzin den Duktus von Matthias offensichtlich mit meinem vergleicht (warum er mich nicht namentlich nennt, weiß ich nicht, das wäre am einfachsten). Zunächst einmal: Matthias' Anfrage an karmagläubige Buddhisten, die das Leid von Menschen allein in deren Verantwortung (und gegebenenfalls Vorleben) begründet sehen, ist berechtigt. Ähnlich wurde hier auch schon gelästert, und das gilt sicher ebenso im Hinblick auf den Dalai Lama, insofern auch Tenzins Unterstellung stimmt, Matthias und ich hätten da was gemeinsam. Wenn wir das Leiden von Menschen verringern wollen, müssen wir auch Machtunterschiede eliminieren, wir müssen die Strafverfolgung unterstützen usf. Nun geht es Matthias schwerpunktmäßig eher um eine Gesellschafts- und Kapitalismuskritik (das Selbst als Produkt u.a. der Geschichte und das Selbst als Gesellschaft). Ich greife hier mal aus buddhistischer Perspektive unter die Arme und zerlege das, was der den tibetischen Buddhismus studierende Tenzin dort zum Besten gibt.

1) Bei der Beurteilung dessen, was jemand nicht einfach und klar aussagen kann (Zitat Tenzin zu den jüngsten diesbzgl. Erläuterungen des DL: "einige waren mit der Präszision überfordert"), darf als ein Maßstab insbesondere bei einer Religion der "Praxis", also der Anwendung des Gelernten und Gelehrten gelten: Wie lebt denn der, der dies sagt? Wenn der Dalai Lama nicht an eine personale Wiedergeburt glaubte, dann müsste er sich als solcher sofort selbst "entmachten", er müsste entroben und dergleichen. Denn er kann nicht die Wiedergeburt eines soundso sein, sondern nur die sich fortsetzende "Zusammenschreibung von Aggregaten" (Tenzin). Man könnte sonst im Sinne rein buddhistischer Logik, da es auch Reinkarnationen in uns nicht sichtbaren Himmelswelten gibt, sogar behaupten, es handele sich bei dieser Reinkarnation nicht um die des Vorgänger-Dalai Lamas, sondern um die von Adolf Hitler (der sich inzwischen über Wiedergeburten zu einer moralisch angesehen Aggregatsakkumulation gemausert hätte). Aber so ist es ja nicht. Denn so funktioniert das Gelug-Herrschaftssystem nicht. Die Funktion des "Dalai Lama" ist die eines Kontinuums mit bestimmten Eigenschaften. Der Dalai Lama reist als solcher, als Projektion, durch die Welt, nicht als der, der er ist.

Stattdessen heißt es dann doch aus dem Munde des DL: "As a being who changes his clothes is still the same person, equally it is the same being even if it changes the body." Hier wird zunächst die "Person" mit dem inkarnierten Wesen analog gesetzt. Bei dieser Person handelt es sich jedoch um eine Einheit Körper-Geist. Es gibt dann ein Wesen ("being"), das seinen Körper ändert - also nicht mehr diese Einheit darstellt. Folglich ist die Analogie unbrauchbar, einem Literaten würde man eine solche um die Ohren schlagen. 

Zudem sagt der DL im gleichen Text: "There is no independent self apart from the body." Wenn es kein unabhängiges Selbst ohne Körper gibt, dann kann auch kein Kontinuum in einen anderen Körper eingehen, da das Kontinuum - so überhaupt je vorhanden , auch in seiner bloßen Zuschreibung als "Selbst" - durch den Körperzerfall beendet wurde. Tenzin versucht das zu behaupten, indem er sagt, es gäbe keinen DL, der wiedergeboren würde; dann jedoch spricht er von "Existenz, die sich fortsetzt", und genau dieser Minimalkonsens, im Grunde eine Binsenweisheit (selbst ein Agnostiker mag sagen: "Er lebt in seinen Werken fort"), führt dazu, dass man eine beliebige, chaotische Fortsetzung des Ursache-Wirkungszusammenhanges erwarten darf, also dass sich Existenz quasi undurchschaubar, willkürlich, eben nicht selbst-zentriert, verwirklicht und man sich so bestenfalls darüber wundern darf, was aus diesem unkalkulierbaren Mischmasch an Ursachen für ein Individuum entsteht. 

Laut der Buddhalehre gibt es das sowieso nicht, denn die Aggregate, die sind nicht das Selbst. Sie besitzen keine inhärente Kontinuität. Es ist von daher nicht möglich, a) zu lehren, dass wir NICHT DIE AGGREGATE SIND, b) zu behaupten, dass es ein solches (Aggregats-)Selbst als Kontinuum gäbe. Es gibt lediglich den Irrtum darüber, der im Buddhismus auch Unwissenheit genannt wird. Man kann also nicht den Kern einer Lehre dadurch glaubhaft vermitteln, dass man ihrer Grundaussage widerspricht, nur um damit die Grundlage des tibetischen Gesellschaftsvertrages zu legitimieren.

Der Hinweis auf eine "sehr subtile" (d.h. den Massen unverständliche) Sichtweise des tibetischen Buddhismus begründet natürlich den Herrschaftsanspruch einer Elite. Buddhismus ist jedoch ganz einfach. Wer es nicht einfach erklären kann, hat den Menschen nichts zu sagen. In meinen Augen wird die Subtilität des tibetischen Buddhismus sowieso zum einen aus strategischen Gründen nur behauptet, zum anderen ist sie ein Missverständnis von eher schlicht gestrickten Gesellen. Mir ist noch nichts im tibetischen Buddhismus untergekommen, was schwer verständlich wäre, aber allerhand Aberglaube und Folklore.

2) Natürlich: Wenn der Buddha des Palikanon meint, er sei in einem früheren Leben Karawanenführer gewesen, dann müssen wir ihn genauso dafür kritisieren wie den DL. Oder wir müssen die Autoren des Palikanon kritisieren, wenn sie frühere Existenzen als Massenmörder und dergleichen auslassen. In diesen Blog geschieht das, denn hier wird der Ursache-Wirkungszusammenhang der Denke von buddhistischen Lehrern mit ihrer Schriftgläubigkeit in Verbindung gebracht. Oder mit ihrer mangelnden Fähigkeit zu eigenständigem Denken. Oder mit ihrem mangelhaften Intellekt. Oder mit den Scheuklappen ihres jeweiligen ideologischen Denkens.

3) In einem Absatz meint Tenzin als Beispiel, wenn "Anna vergewaltigt wird", dann wären es andere Wesen gewesen, die dafür durch ihre Ignoranz den Grundstein legten. Nur ein paar Sätze weiter argumentiert er jedoch: "Einsicht in Karma soll zudem helfen, ein ethisches Leben zu führen; dass man anderen nicht schadet, so dass man selbst später keinen Schaden erfahren muss." Aus der Logik des ersten Teiles folgt jedoch, dass "man selbst" auch Schaden erfahren könnte, wenn man einsichtig und umsichtig handelt, da ja andere Ignorante den Grundstein dafür legten, genau wie im Falle Anna. Nach dieser Logik bräche das Unheil über Menschen herein, egal wie anständig sie sind, und tatsächlich haben wir dafür ja genug Beispiele aus der Geschichte und unseren Bekanntenkreisen. Dies klärt also keineswegs die Frage, wieso dann überhaupt jemand ethisch handeln soll, wenn doch nach einem solch (kruden) Karmaverständnis sowieso die Unethik der anderen einen treffen kann. Ergo ist ein solcher Karma-Begriff für unsere Welt untauglich. Aus diesem Grund hat dann sowohl das Strafrecht andere Maßstäbe gefunden als auch andere Kulturen, die z.B. die Blutrache pflegen. Es ist nicht möglich, unter Menschen einen Konsens zu finden, der das Leiden eines Individuums so begründet, dass darauf niemand mit instinktiver Wut reagiert, also einem der Gifte im buddhistischen Sinne. Dieser Wirkungszusammenhang selbst zeigt schon, dass diese seltsamen Erklärungsversuche für individuelles Leiden nichts taugen.

Hier in diesem Blog wurde eine der Hauptursachen hergeleitet: Die vier edlen Wahrheiten sind in dieser Form falsch, also Unwahrheiten. Mit dem Festhalten an diesen Grundaussagen als Kern der buddhistischen Glaubenszugehörigkeit wird die Ursache für das spätere Unvermögen gelegt, dem Leiden einen plausibleren Rang zuzuweisen. Um dies nochmal kurz zu machen, bitte ich Leser inständig in sich zu gehen mit der Frage, ob ihre Geburt tatsächlich leidhaft war und ob etwa der Genuss von Sex und Leckereien tatsächlich leidhaft ist, wenn man darüber keine Ideologie des Leidens legt. Hier in diesem Blog wird die Tradition des Zen gepflegt, weil sie erkannt hat, dass der Leidbegriff mit einer falschen Vorstellung von Zeit einhergeht: Wer im gegenwärtigen Augenblick nicht vom Geschehen selbst entzweit ist, der leidet tatsächlich nur dann, wenn er leidet (psychisch-körperlich), nicht aber, wenn Vergänglichkeit an sich geschieht (worauf die vier edlen Wahrheiten gründen). Denn bei der Vergänglichkeit handelt es sich um ein Konzept, das sich auflöst, wenn man es versteht, widerspruchsfrei im gegenwärtigen Moment zu existieren.

Schauen wir auch hier wieder genau hin, wie der DL lebt, um zu erwartenden Einwänden vorzubeugen, ein moralisch ansprechendes Leben würde aber doch den Einfluss der Untaten und der Ignoranz anderer mindern: Der Dalai Lama glaubt nicht daran. Entweder führt er ein solches Leben privat gar nicht, oder aber er tut es (was wir glauben können), fährt jedoch in gepanzerten Fahrzeugen und hält sich Leibwächter. Damit hätte er - so er überhaupt Tenzins Ansicht teilt - seine Botschaft ad absurdum geführt. Um etwa die Ankündigung, er würde 90 Jahre alt, wahr zu machen, schützt sich der DL ganz profan wie andere Menschen auch, die ihr Leben in Gefahr sehen. Da ist kein mystischer Einfluss eines Kontinuums, da wird einfach eins und eins zusammengezählt, die Mystik besteht einzig in der Selbsttäuschung, wissen zu können, wie lange man lebt.

4) Buddhologisch betrachtet ist die Aussage des DL, es gäbe kein unabhängiges Selbst, falsch. Das mag seine Sicht sein, aber hier wurde mehrfach auf die Tathagatagarbha-Sutren (die der DL im Übrigen kennt) hingewiesen, nach denen der Buddha einen atman lehrte, also ein Selbst, das rein und ewig sei. Der DL hat sich für eine Interpretation entschieden, die die wenigsten Widersprüche mit seinen anderen Lehren gewährleistet. Rein akademisch kann man dem (Mahayana-) Buddhismus auch eine atman-Lehre nachweisen, allerdings ist diese in den besagten Quellen nicht mit einer Reinkarnationsvorstellung der Tibeter identisch, da sie nicht zwingend einen Körper zu benötigen scheint.

(Foto: Keller/Bangkok)

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