Mittwoch, 7. Mai 2014

Die Zen-Erfahrung

In der Hoffnung, dass es einige Leser interessiert, will ich in den kommenden Wochen Lektüre aufarbeiten. Ich werde die für mich - gerade im Zusammenhang mit gängigen Klischees übers Zen - interessantesten Stellen übersetzen und mit Stichworten oder Überschriften versehen. Thomas Hoover hat in The Zen Experience (Neuauflage bei Penguin 2010, als ebook momentan kostenlos!) ein paar wichtige Zitate aus der Überlieferung zusammengetragen.

1. Was ist Sitzmeditation?

"Sitzen bedeutet nach außen überall ohne jedes Hindernis zu sein und nach innen keine Gedanken zu aktivieren. Meditation bedeutet innerlich die ursprüngliche Natur zu entdecken und nicht verwirrt zu werden."

Die von außen auftretenden Probleme werden also nicht als Hindernisse gesehen und innerlich keine anhaftenden Gedanken daran geknüpft. Dies ist eine andere Umschreibung von Gleichmut. Der Sinn der Meditation ist die tiefe Erkenntnis des eigenen Wesens, nicht verwirrt zu werden deutet an, dass man sich darauf gefasst machen sollte, dabei nicht nur angenehme Dinge zu entdecken.

2. Was ist plötzliches Erwachen?
[Zitat Saul Bellow: "Die Wahrheit kommt in Hieben." Paul Theroux: "Die Wahrheit ist zu kompliziert für Worte. Wahrheit ist Wasser."]

"Eine Sache, an die man sich erinnert, wird isoliert aus einem Ganzen, darum ist sie eine Illusion; dies gilt für alles, was dem nicht-unterscheidendem Kontinuum des Daseins nicht gerecht wird. Was geschieht nun bei dieser plötzlichen Veränderung, die wir spontanes Erwachen nennen? Die Sinnesorgane funktionieren wie gewöhnlich, doch es wird kein Verlangen entwickelt. Dazu bedarf es keiner Vorbereitungen oder dem Vollenden jedweder Stufen einer Entwicklung."

Diese Vorstellung führt bei einigen dazu, Leidenschaften eines Lehrers zu kritisieren. Jedoch:

3. Der Umgang mit Leidenschaften 
 ["Durchlebe alles, was du kannst." Aus: Die Gesandten von Henry James]

"Im Nirwana-Sutra heißt es: 'Die Leidenschaften loszuwerden ist nicht Nirwana, aber sie so anzusehen, als würden sie einen nichts angehen, das ist Nirwana."


Der Zenmensch darf leidenschaftlich sein, soll aber die Möglichkeit besitzen, sich jederzeit von diesen Leidenschaften als nichtig loszusagen. Während er Leidenschaft zeigt, kann er davon loslassen. Er ist nicht der Spielball seiner Gefühle, sondern spielt mit ihnen.

4. Was ist Nicht-Anhaften? (Der Zusammenhang von Weisheit und Versenkung)

"Ohne Anhaften sind wir friedlich und arglos. Dieser Zustand, der allen Gefühlen und Leidenschaften zugrundeliegt, heißt Samadhi. Wir erwerben darin eine natürliche Weisheit, die sich der ursprünglichen Friedfertigkeit und Arglosigkeit bewusst ist. Diese Weisheit nennt man Prajna. So sind Samadhi und Prajna miteinander verbunden. ... Wenn dein Geist nicht anhaftet, aber offen für Eindrücke bleibt, du dir also dabei bewusst bist, dass dein Geist nicht anhaftet, dann hast du den ursprünglichen Zustand der Leere und Friedlichkeit erlangt. Daraus entsteht ein Wissen, das die blauen, gelben, roten und weißen Dinge in dieser Welt klar unterscheidet. Dies ist Prajna. Dass aus diesem Unterscheiden keine Bedürfnisse mehr entstehen, das wiederum ist Samadhi."

5. Handeln oder Nicht-Handeln?

"Handeln und Nicht-Handeln sind beide legitim. Tung-shan zeigte dies, als er fragte: 'Wenn eine Schlange einen Frosch verschlingen will, solltet ihr dann den Frosch retten?' Er antwortete selbst: 'Den Frosch zu retten bedeutet blind zu sein [gegenüber dem letztgültigen Einssein, also zwischen Frosch und Schlange zu unterscheiden]. Den Frosch nicht zu retten bedeutet, Form und Schatten erscheinen zu lassen [d.h. die Phänome zu ignorieren].'"

Während einige die Zen-Ethik deshalb als "beliebig" ansehen, überlässt es der Meister hier den Schülern, ihre wie auch immer geartete "Freiheit" im Handeln individuell einzusetzen, ohne dass sie das Bewusstsein für die andere Möglichkeit aufgeben. Zen gesteht ein, dass es unlösbares Leid gibt.

6. Der Umgang mit dem Sterben

Als ein Meister sich zum Sterben hinsetzte, hieß er, einen Gong zu schlagen. Seine Schüler fingen jedoch an zu schluchzen und zu weinen, sodass er noch einmal seine Augen öffnete und sie tadelte: "Buddhisten sollten sich nicht an Äußerlichkeiten heften. Dies nennt man wahre Selbstkultivierung. Im Leben hart arbeiten, im Tod sich ausruhen. Wozu also trauern?"

***

Ein Mönch fragte: "Warum solltet ihr euch nicht auch selbst töten?" Der Meister erwiderte: "Da ist kein Ort, an den ich Hand anlegen könnte."  (Vorsicht, das Zitat ist doppeldeutig und spricht nicht einfach gegen die Selbsttötung!)

1 Kommentar:

  1. Namaste!

    Sehr interessante Anekdoten.

    Gerade mit "Punkt 5" wurde ich kurz vor der Veröffentlichung dieses Eintrags mal wieder konfrontiert.

    Situation: Ich gehe mit meinem Hund spazieren und sehe auf dem Gehweg einen Regenwurm, der sich gegen zwei Ameisen zur Wehr setzt.
    Handlung: Ich hebe den Wurm auf, puste die Ameisen weg uns setze ihn in eine einige Meter entfernte Wiese.
    Dann kam einige Meter weiter die "innerliche Frage" auf: "War das nun gut, schlecht oder mittel?"
    Antworten:
    Für die Ameisen und ihre Kolonie wohl schlecht, denn so habe ich ihnen eine wichtige Nahrungsquelle genommen.
    Für den Wurm auf den ersten Gedanken wohl gut, da sein Leben gerettet wurde.
    Ggf. aber auch schlecht, da er vielleicht schon so viel Ameisensäure und -Bisse abbekommen hat, dass er ohnehin noch stirbt (dann natürlich elendiger als im fortgesetzten Kampf).

    Die weitere Antwort, dass der Wurm mit seinem Tod und der daraus folgenden Ernährung der Ameisenkolonie gutes Karma angesammelt hätte und so ggf. eine bessere Wiedergeburt erlangt hätte, kam mir zu dem Zeitpunkt gar nicht in den Sinn.
    Sie entspricht eher weniger meiner Konzept- und Glaubenswelt und hätte auch keinen Einfluss auf mein Handeln gehabt.

    Im Nachhinein denke ich, dass das taoistische Prinzip Wu-wei hier am Besten gewesen wäre, also Nichthandeln und der Natur ihren Lauf lassen. Das trifft aus meiner Sicht auf viele natürlichen Phänomene mit zwei Parteien mit gegenläufigen Interessen zu.

    Ansonsten insgesamt sehr inspirierende Punkte.

    < gasshô >

    Benkei

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