Mittwoch, 5. März 2014

Was bedeutet Ethik im Zen (II)?


Harada Daiun Sogaku Roshi (1871-1961)




Wonyo: Regelbruch als Regeleinhalten

Der Koreaner Wonyo (617-686) steht für die Tradition der verrückten Mönche. Wie der Laie Vimalakirti brach er Regeln, zeugte als Mönch mit einer Prinzessin einen Sohn (der ihn später als angesehener Gelehrter in Ehren hielt), wurde entrobt und zog singend und predigend durch die Lande - und das, obwohl von ihm mehrere Schriften überliefert sind, in denen er das Einhalten der Gebote betont (siehe etwa Palsim suhaeng jang). Dies kann man als Widerspruch der Hagiographie sehen, oder - wie hier in diesem Blog empfohlen - als die Möglichkeit zu einer tieferen Einsicht, die alle großen Zenlehrer ihren Schülern neben ihrer traditionellen Schriftauslegung exemplarisch aufzeigten. Regeln sind für Wonyo vorübergehender Natur, letztgültige gibt es nicht, sie zeichnen sich vielmehr durch bedingtes Entstehen und Leere aus. Dies heiße jedoch nicht, dass es keine Gebote gäbe, jedoch würde einer, der diesen Aspekt übersieht und nur auf ihr Befolgen Wert lege, tatsächlich die Gebote verletzen. Individuelle Einheiten des Daseins seien vom Ganzen (Indras "Netz") nicht zu trennen und stünden miteinander in nicht-hierarchischer Beziehung. Einen speziellen Weg zum "Ursprung" könne es deshalb nicht geben. Wonyo scheint einen konsequentalistischen Standpunkt einzunehmen, da er die Resultate einer Tat für moralisch relevant hält (im Gegensatz zur Deontologie), doch eigentlich sei seine Ansicht "nicht-substantialistisch", denn bei der Beachtung der Bodhisattva-Gebote gäbe es drei Stufen: zunächst werde das Leichte und Schwere von Vergehen erkannt, dann das oberflächliche und tiefe Einhalten und Verletzen der Regeln, schließlich das "letztgültige Beachten und Verletzen" der Gebote (kugyong chibom). 

Dôgen: Ethik als natürlicher Ausdruck des Erwachens

Dôgen (1200-1253) lehnte den transzendenten Beiklang eines "noch nicht" ab und stellte Bodhisattvas und Buddhas auf eine Stufe. Erwachen verwirkliche sich im gegenwärtigen Moment als Buddhaschaft. Buddha-Natur sei nicht als Samen und Potential in Wesen vorhanden, sondern als das ganze Sein umfassend (shitsû busshô) die gegenseitige Abhängigkeit allen Seins in jedem Augenblick: Soheit (tathâta). Erwachen sei das Erkennen der bewussten Geistestätigkeit als solche. In jeder Situation bestehe eine ethische Chance, jede würde für sich eine ethische Antwort erbringen können, ohne dass man sich an ein Regelwerk halten müsse. Ethisches Handeln wird zum natürlichen Ausdruck des Erwachens (siehe Kap. "Shoaku Makusa" im Shôbôgenzô).


[Die für den 5. März angekündigte Replik auf den "Unbuddhisten" wurde wegen Entgleisungen desselbigen im Forum Buddhaland - und "Ichlastigkeit" der Replik - auf den 2. April verschoben.]

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