Mittwoch, 14. August 2013

Veggie-Day oder: Warum Peter Singer Tiere missversteht

Vor ein paar Jahren stellte ich in einem buddhistischen Forum fest, dass einige Buddhisten ihren Vegetarismus auch auf Thesen des Philosophen Peter Singer ("Animal Liberation") gründeten. Ich möchte kurz herleiten, warum sie nicht mit meinem Zenverständnis vereinbar sind. Eine Einschränkung des Fleichkonsums aus gesundheitlichen und ökologischen Gründen halte ich durchaus für angebracht. Hier stellen sich jedoch andere Fragen der Ethik. Betrachten wir uns Singers Thesen.

1) Interessenutilitarismus: Die Interessen der von einer Handlung betroffenen empfindungsfähigen Wesen sind gleichberechtigt zu berücksichtigen.

2) Nur empfindungsfähige Wesen haben einen solchen Anspruch auf moralische Rücksicht.

3) Tiere gehören dazu, sie können "Leiden und Freude" empfinden.

4) Tiere wollen nicht Teil eines Nahrungsmittelprozesses sein, die Massenhaltung widerspricht ihrem Interesse.

5) Menschen benötigen kein Fleisch zum Überleben.

Peter Singer sucht zunächst, wie Religionen, nach universal gültigen, objektiven Ethikkonzepten. Es gibt ein schönes Beispiel vom untergehenden Schiff, auf dem eine Frau aus Angst vor dem Ertrinken aufgrund ihrer Fähigkeit, sich geistig in die Zukunft zu versetzen, ein grösseres Recht als ein Hund haben soll, in ein Rettungsboot zu steigen. Ein gelassener Mensch jedoch besässe dieses Recht nicht allein aufgrund seines Selbstbewusstseins. An dieser Interpretation lässt sich bereits festmachen, dass Singer mit diversen Prämissen arbeitet.

a) Die Interessen eines Tieres zu überleben sind unseren zwar ähnlich, nicht jedoch seine Fähigkeit zum moralischen Handeln. Auch wenn Tiere gewöhnlich andere nur töten, um zu überleben, ist keinesfalls zu erkennen, dass sie deren Interessen ihrerseits als gleichberechtig wahrnähmen. Eine hungrige Raubkatze, die  etwa auch eine Gazelle jagen könnte, wurde z.B. einen Menschen fressen, wenn er ihr zuerst vor die Füsse läuft und sie gerade hungrig ist. 

Ich beobachte hier in Thailand immer wieder, wie streunende Hunde sich an Menschen halten, die sie füttern - jedoch meist mit wenig fleischhaltigen Essensresten. Im Westen soll es gar Hundefutterläden, die rein vegetarische Nahrung für die Tiere anbieten. Tatsächlich kann es einem passieren, dass das industriell hergestellte, ausbalancierte Hundefutter aus Tüten und Dosen von Strassenhunden verschmäht wird. Es gibt also Tiere, die ebenfalls kein Fleisch (oder wenig davon) zum Überleben benötigen, diese Wahl jedoch nicht unbedingt treffen. Ein "gleichberechtigtes Interesse" ist hier nicht zu erkennen, weil es den Tieren an Reflektionsfähigkeit fehlt.

b) Wir wissen inzwischen, dass auch Pflanzen empfindungsfähig sind. Singers Logik folgend könnten sie dann nicht mehr Teil unserer Nahrungsmittelproduktion sein. "Pflanzen, Bäume und das ganze Land erlangen allesamt die Buddhaschaft." (Ekomon)

c) Dies leitet zum entscheidenden Missverständnis über, das Buddhisten eigentlich durchschauen könnten. Es ist nicht die Tatsache, dass ein Hund mit dem Schwanz wedelt oder unter Schmerzen aufheult oder die Kakerlake vorm Turnschuh flieht, der auf sie niedersaust, was sie in Freud und Leid dem Menschen gleichstellt. Vielmehr ist aus heutiger Sicht anzunehmen, dass es sich hier um Überlebensinstinkte handelt und das Tier nur Leid ist, nicht aber am Leiden leidet, da ihm der konzeptionelle Überbau zur Empfindung "Schmerz" fehlt. Es ist deshalb darauf zu achten, dass bei Haltungs- und Tötungsprozessen von Tieren deren Schmerzempfinden vermieden wird, es kann jedoch nicht gleichgestellt werden mit dem (fehlgeleiteten) Empfindungsspektrum von Menschen, das zu durchschauen der Buddhismus ja angetreten ist.

Im Übrigen gibt es Möglichkeiten, Tiere so zu töten, dass sie keine Zeit haben, darunter zu leiden bzw. Schmerz zu empfinden. Schliesslich kann man nach wie vor auch Wildtiere schiessen, die oft ebenso überraschend sterben. Was den Geschmack des Fleisches angeht, so haben Experten jedoch herausgefunden, dass ein Adrenalinausstoss vor dem Tod diesen häufig verbessert. Hier könnte sich der Mensch fragen, ob seine Sinnenfreudigkeit in einem moralisch anständigen Verhältnis zum Interesse des Tieres steht. 

d) Ob Tiere Teil einer Nahrungsmittelkette sein wollen oder nicht, sie sind es in der Natur. Bei den Tieren, die zum Zwecke des Konsums durch Menschen erzeugt und gehalten werden, wäre ohne diese Funktion ihre Existenz überflüssig, es gäbe sie also gar nicht. Natürlich sollten Tiere in Würde gehalten werden, und das sollte uns etwas wert sein.

e) Dass Menschen kein Fleisch zum Überleben benötigen ist eine ethnozentrisch-falsche Sichtweise. Es kommt ganz darauf an, wo man lebt - und auch, wann man lebte. Überlegungen wie die von Singer wären noch vor Jahrhunderten weitaus abwegiger gewesen und können auch von daher nicht als objektiv und univeral gültig durchgehen.

So bleibt schliesslich auch der Vorschlag eines allgemein verbindlichen Veggie-Days nichts weiter als der Ausdruck eines engen geistigen Horizontes.

Was aber unser Eingangsbeispiel angeht, so ist nicht nur aus evolutionsbiologischer Sicht, sondern auch aus der des Zen das Überleben der verängstigten Frau keineswegs zu bevorzugen. Eher würde der Hund ins Rettungsboot dürfen, da er sich wenigstens nicht über die Zukunft täuscht. Doch wie man es auch wendet, der Mensch ist sich selbst und seiner Art am nächsten, und so ist es halt auch mit den Tieren.

Kommentare:

  1. Buddhimus und Ernährung
    In Ruhe lesen, oder besser nicht.

    metta & mudita

    AntwortenLöschen
  2. Schöner Artikel; das alte Teaching, das im Text immer wieder durchkommt,ist doch so viel weiter, als die ganzen Nasen, die mit gutem Gewissen essen möchten. Habe übrigens gerade 'nen vegetarisches Eis mei McDo gegessen, und dass ist pures Blut. Nicht weniger als ein Steak. Jonas

    AntwortenLöschen

Das Sichten und Freischalten der Kommentare kann dauern.