Mittwoch, 22. Mai 2013

Die Kalama Sutta oder: Wie man einem Kult beitritt

Die FWBO (Friends of Western Buddhist Order), die sich nun "Triratna Buddhist Community" nennen, waren mir frueher als vornehmlich homosexuelle buddhistische Laienbewegung erschienen. Kuerzlich stiess ich auf den Blog eines ihrer Mitglieder, die sich natuerlich auch neue Namen geben muessen, in diesem Fall Jayarava. Einige seiner Thesen erregten meine Neugier, so leitete er z.B. aus dem Wandel der Reinkarnationsvorstellungen im Palikanon ab, dass man einen solchen Wandel heutzutage womoeglich fortsetzen koenne und damit die Wiedergeburtslehre zur Debatte stuende. Vielleicht sollte ich dieses Buerschchen mal verlinken, dachte ich mir. Dann jedoch folgten zwei Kommentare meinerseits, und seine Antworten zeigten mir, dass sich hier mal wieder ein Theravada-Affiner um sich selbst dreht (auch wenn der Gruender des FWBO vom tibetischen Buddhismus herkam).

Jayarava geht es, mit Bezug auf die Kalama Sutta, zunaechst darum festzustellen, dass "westliche Buddhisten diesen Text schlicht missverstehen". In Verbindung mit dem seiner Meinung nach am zweithaeufigsten nach jener Sutta zitierten Text, dem Gleichnis vom Floß aus der Alagaddūpama Sutta (MN 22; M i.130), kommt er zu dem Schluss, dass es unter Beruecksichtung des uebrigen Palikanon nicht dahingehend gedeutet werden koenne, der Dharma sei beim Erreichen des "anderen Ufers" aufzugeben (und also nur ein "geschicktes Mittel" oder upaya, wie man es aus dem Zen sagen koennte). Jayaravas Meinung nach habe "keine erleuchtete Person der Geschichte dem Dharma entsagt". 

Zunaechst einmal haben nicht nur Westler ausgiebig die Kalama Sutta als Anregung zum kritischen Beleuchten von Heilslehren verstanden. Buddhadasa Bhikku fragt sogar, ob man irgendwo "groessere spirituelle Freiheit" faende als in der Kalama Sutta und schluesselt dessen kritischen Denkansatz in zehn Schritten (hier in Deutsch) auf. Es war darum naheliegend, das klassische Beispiel Ikkyu aus der Zen-Tradition in meinem Kommentar auf Jayaravas Blog zu erwaehnen. Ikkyu soff und hurte bekanntlich noch nach seinem Erwachen. Wie ich vermutete, verstand der Blogautor genau das, naemlich das Nichteinhalten der Regeln, als Ablegen des Dharma, und erklaerte Ikkyu in einem Zirkelschluss kurzerhand fuer unerleuchtet. Daraufhin erwaehnte ich Buddha Shakyamunis verbale Erniedrigung von Devadatta, die ja dann, gemaess anderer Vorstellungen im Palikanon von rechter Rede, ein Beleg fuer Buddhas fehlende Erleuchtung seien. Hier machte der Blogautor auf Unverstaendnis.

Das eigentliche Problem sehe ich jedoch in dem, was als Exegese, als Auslegung und Interpretation von Texten bezeichnet wird. Jayarava meinte auf meinen Einwurf, wie er denn darauf kaeme, dass diese Sutta ueberhaupt an ihn gerichtet sei, da er doch kein Kalama sei: Ich bin Buddhist, also richtet sich die Sutta an mich. Tatsaechlich sprach Buddha jedoch in diesem Fall zu Nicht-Buddhisten, die sich entweder an Brahmanen orientierten oder einfach durch all die vorbeiziehenden Prediger verunsichert waren. Der Buddha gibt ihnen nun ein Instrumentarium, mit dem sie kritisch feststellen koennen, was die Lehren der anderen taugen. Erst am Ende bezeichnen sich die Kalama als Anhaenger Buddhas, der danach nichts mehr zu sagen hat.

Man kann schlecht als Buddhist sich mit unglaeubigen Nicht-Buddhisten gleichsetzen. Der Leser dieser Sutta wird vielmehr darauf kommen, dass das genannte Instrumentarium kritischer Fragen, vom Buddha abgesegnet, nur dann Sinn macht, wenn er es auf ALLE Heilslehren anwendet, inclusive der des Palikanon. Es ist offensichtlich, dass dies im Sutta selbst nicht geschieht bzw. nicht geschehen kann, weil dem Buddha selbst noch kein Palikanon bekannt war. Tatsaechlich waere einer, der sich mit den Kalama gleichsetzt, damit ein Paradebeispiel fuer den Anhaenger eines Kultes, der alles in Zweifel zieht ausser der von ihm bevorzugten Heilslehre. In diesem Fall waere exegetisch die Kalama Sutta als Metapher fuer den Beitritt zu solch einem Kult zu sehen. Da waere einer, der sagt: Hinterfragt alles, nur mich nicht.

So funktioniert das nicht. Wie ich schon an anderer Stelle sagte, ist meine These die, dass die intellektuelle und spirituelle Kapazitaet derjenigen, die den Palikanon zusammenstellten (und behaupteten, Gehoertes und Gesehenes zu uebermitteln), sich von Person zu Person stark unterschieden hat. Es gibt also gewissermassen einen "Buddha fuer Dummies" neben einer "Lehre fuer Fortgeschrittene" im Palikanon zu finden. In der heutigen Zeit genuegt es, die fortgeschrittenen Buddhalehre zu vermitteln, denn der menschliche Horizont hat sich wesentlich erweitert und der Aberglaube der Menschen hat abgenommen. Dies herauszuschaelen (wie im Zen) ist natuerlich ein ebenso subjektiver Akt wie der Versuch einiger, die wahren Worte und Absichten des Buddha am Text klebend zu begreifen.

Kommentare:

  1. Deine These des letzten Absatzes kommt mir sehr bekannt vor. Es ist einer der Hauptlehrinhalte Ole Nydahls Diamantwegs, und darf in keinem Vortrag fehlen. Mit der Logik begründen sie ihren Überlegenheitsanspruch

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  2. Die Logik der Ueberlegenheit im Zen ist jedoch ethischer Natur. Wer nicht loslassen kann vom Glueckskonzept oder vom Geld (wie Nydahl), der kann auch nicht ueberlegen sein.

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