Mittwoch, 15. Mai 2013

Warum auch die Y-BUDDHISTEN gern meditieren

Sam Harris, Thomas Metzinger, Glenn Wallis, um nur ein paar zu nennen, hinterfragen alle kritisch die Dogmen, Sprache, Behauptungen von Buddhisten. Wallis fuehrte fuer diese den Ausdruck "X-Buddhisten" ein und benutzte ihn fortan wie ein Stigma. Interessant ist, dass alle Genannten an der buddhistischen Meditation festhalten. Sie unterscheiden sich in dem Ausmass, in dem sie transzendente Erfahrungen ("Erwachen") fuer moeglich halten bzw. wollen diese wissenschaftlich auf den Pruefstand stellen. 

Kuerzlich fiel mir in einem Blog der Y-Buddhisten, wie ich diese nun nennen moechte, auf (englisch ausgesprochen klingt Y ja wie "Why?", und genau diese Frage stelle ich gleich: Warum eigentlich meditieren diese Y-Buddhisten?), dass sie manchmal zu den gleichen Schluessen kommen wie die von ihnen kritisierten X-Buddhisten. Z.B. was die Ueberfluessigkeit (bzw. Unmoeglichkeit) von "Jhanas" angeht, Erfahrungen etwa der Raum- und Bewusstseinsunendlichkeit, die in vielen buddhistischen Schulen als unabdingbares Kennzeichen des  Erwachens betrachtet werden. Der Y-Buddhist hat dann ein Problem, wenn jemand aus Schriften selbst oder der historischen Tradition einer buddhistischen Schule nachweist, dass seine eigenen Vorurteile nicht auf den X-Buddhisten zutreffen. 

Was geht also in einem Y-Buddhisten vor, der nicht von der Meditation lassen kann, jedoch behauptet oder den Eindruck erweckt zu glauben, dass jedwede mystische Erfahrung eines Erwachens nicht im Verlaufe der Meditation eintreten werde? Die erste Vermutung ist, dass Y-Buddhisten klammheimlich darauf hoffen, dass sie jene Erfahrung auf dem Umweg der intellektuellen Dekonstruktion des buddhistischen Bromboriums doch noch machen koennten. Diese Hoffnung ist fuer Zenuebende verstaendlich, weil etwa die Koanpraxis ebenfalls auf einer Dekonstruktion beruht, letztlich jedoch auch auf der der eigenen Praemissen (hier hinken die Y-Buddhisten etwas hinterher). Die zweite Vermutung ist psychologischer Art: Weil die Y-Buddhisten keine Transzendenz erfahren oder diese so benennen moegen, sprechen sie aus Neid auch anderen diese Moeglichkeit ab. Die dritte ist die wahrscheinlichste: Diese Wissenschaftler finden einfach innerhalb ihrer Denksysteme keine Beweise fuer jene Transzendenz. Egal, wie die Antwort ausfaellt, es fragt sich noch immer: Warum meditieren sie dann weiter?

In buddhistischen Kreisen wird gerne kritisiert, wenn Uebende sich nur der Meditation zuwenden, um sich besser zu fuehlen, zu entspannen oder danach besser konzentrieren zu koennen. Tatsaechlich kann man im Palikanon nachlesen, dass Meditation uns in Verbindung mit dem achtfachen Pfad zu besseren Menschen machen soll. Hier in diesem Blog wird seit jeher die Ansicht vertreten, dass es genau dafuer keine hinreichenden Belege gibt, und die zahlreichen Wissenschaftler, die keinen Pfifferling auf Meditation geben und dennoch einfuehlsam, ruecksichtsvoll und gelassen in ihrem Leben handeln (wie auch immer ihr Hirnscan dabei aussehen mag), zeigen uns, dass dies auch ohne Meditation funktioniert (selbst wenn man Religion zum Gegenstand der eigenen Forschung gemacht hat). 

In der Tat ist im Chan oder Zen die Versenkung (ob sitzend oder nicht) zu einer Meditationsform geworden, die vorgeblich zu einem transzendenten Schluesselerlebnis fuehren kann oder soll. Selbst das Dogma der Soto-Schule Dogens, Zazen sei (als eine bestimmte Koerper- und Geisteshaltung) schon das Erwachen ("Uebung und Erwachen koennen nicht getrennt werden"), untermauert nur die unabdingbare Verbindung von Versenkung und personaler Veraenderung. Da der altruistische bodhicitta-Geist in der Mahayana-Schule des Buddhismus, zu der Zen zaehlt, als Kennzeichen eines (erwachten) Bodhisattva sich an andere richtet, wird schnell deutlich, wie sehr sich die Innenschau zu einer Aussenwirkung manifestieren muss, wenn von einem Erwachen die Rede sein soll. Der kritische Y-Buddhist mag dem Erwachten zwar einen gedanklichen Selbstbetrug bei der eigenen Erklaerung seiner Erfahrung nachsagen, jedoch kann er sehr wohl feststellen, ob sich im Handeln eines so genannten Erwachten signifikante Unterschiede etwa zu seinem eigenen oder den nicht-meditierenden Forschern zeigen. Der Y-Buddhist misst freilich dieses Handeln oft an den engen Massstaeben seiner eigenen Vorstellung von Ethik. Dass er also einen (evolutionaeren?) "Vorteil"  eines persoenlichkeitsveraendernden Erwachens nicht wahrhaben will, kann einerseits daran liegen, dass er das Verhalten des (X-)Buddhisten ablehnt oder daran, dass ihm das Instrumentarium zum Ermessen fehlt und er sich notgedrungen bei religioesen Vorlaeufern selbst bedient, um mit ueberkommenen moralischen Massstaeben dem (X-)Buddhisten beizukommen. Im Blog von Wallis finden sich darum auch die ueblichen Flamewars, Unterstellungen und Scheuklappen.

Versuche zu entschluesseln, was mindestens einen Buddhisten ausmacht, gibt es viele. Ein Dachverband deutscher Buddhisten zaehlt - ebenso wie ein faelschlich als Reformer angesehener Stephen Batchelor - noch immer die "Vier Edlen Wahrheiten" inklusive des "Achtfachen Pfades" dazu. Anhaenger von Dogen Zenji halten stur an Zazen fest. Tatsaechlich ist schon rein logisch anzunehmen, dass im Falle, es gaebe ein "Erwachen", selbst das Festhalten an Sitzmeditation sich aufloesen wird. Ein persoenlichkeitsveraenderndes Schluesselerlebnis wird auch noch nach Jahrzehnten von den meisten Menschen als solches eingeschaetzt. Man muss es nicht wiederholen, um die Folgen zu spueren und nachvollziehen zu koennen. 

Ich komme daher zum Schluss, dass wieder einmal mehr Parallelen zwischen den X-Buddhisten und den Y-Buddhisten bestehen, als diese wahrhaben wollen. Batchelor wie Harris meditieren immer weiter. Es ist die menschliche Hoffnung auf etwas "Besseres", das sie antreibt. Um von der Meditation aber lassen zu koennen, also das zu erleben, was mit Erwachen gemeint ist, naemlich eine Befreiung von gedanklichen Zwaengen und Illusionen wie von aeusseren Abhaengigkeiten, um wirklich eine Wahl haben zu koennen (wie unfrei sich diese auch immer aus dem Unter- und Unbewussten konstituieren mag), muessten X- wie Y-Buddhisten ihrem gemeinsamen Irrtum entsagen, Meditation sei von entscheidender Bedeutung. Der Buddhismus lehrt eine Veraenderung der geistigen Einstellung. Was im Scanner als farbliche oder raeumliche Veraenderung von Hirnregionen waehrend der Meditation erkennbar ist, koennte genau das sein, worum es nicht geht. Man wird dies von wissenschaftlicher Seite erst verstehen, sobald man genau in den Momenten einen Probanden scannt, wenn er oder sie "erwacht".

Auf die Gefahr hin, hier ungerecht zu sein, nehme ich an, dass weder Harris, Metzinger, Wallis noch Batchelor ein Leben in relativer Armut fuehren. Ich moechte sie fragen, ob sie von geliebten Menschen lassen koennen, wenn es soweit ist. Ich will sie auch fragen, von welchen Praemissen sie nicht lassen wollen. Im Zen geht es um all diese nachvollziehbaren Kennzeichen eines erwachten Lebens, die eben nicht Folge einer ethischen Uebung oder einer bestimmten Meditationsform sind, sondern einer erschuetternden und "befreienden" Erkenntnis, also eines gedanklich-sinnlichen (Er-) Klaerungsvorgangs fuer etwas Ungeheuerliches. Jeder, der eine solche Erfahrung kennt, weiss, dass sie nicht an Meditation gebunden ist.

Das Bewusstsein darueber, dass unsere Gedanken die Welt erschaffen, macht uns ohnmaechtig und maechtig zugleich. Das Ausmass der Faehigkeit im so genannten Loslassen, auch von gedanklichen Konzepten, gibt Aufschluss ueber die Tiefe einer Erfahrung, die man gerne irgendwann in genaue wissenschaftliche Termini fassen mag und die sich darin von anderen Schluesselerlbenissen der Menschheit unterscheidet. 

Kommentare:

  1. „Im Zen geht es um all diese nachvollziehbaren Kennzeichen eines erwachten Lebens, (…)Folge (…) eines gedanklich-sinnlichen (Er-) Klaerungsvorgangs fuer etwas Ungeheuerliches.

    Danke für diese (Er-) Klärung, lieber X-, Y- und Z(en)-Buddhist.
    Schön, dass du aus der „ruhenden Weile“ wieder erwacht bist.

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  2. Schön das du wieder online bist!

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