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Boshan I (Wuyi Yuanlai, 1575-1630)

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Warnung an Anfänger in der Meditation

Meditation erfordert einen festen Entschluss, Geburt und Tod zu durchdringen, die Welt zu durchschauen, Körper und Geist als bedingtund ohne wirkliche Autonomie zu erkennen. Wenn du das große Prinzip in dir nicht entdeckst, wird der ständig geborene und sterbende Geist ununterbrochen so weiterfunktionieren und der Dämon der Unbeständigkeit nicht einen Augenblick zur Ruhe kommen.

Nutze diesen einen Gedanken wie einen Ziegel, mit dem du an eine Tür klopfst. Sitze wie in einem Feuer, aus dem du entkommen willst. Du sollst an nichts anderes denken und keine Hilfe von anderen erwarten. Sorge dich nicht um das Feuer oder um dich selbst, vertage diese Aufgabe nicht auf später. 

Beim Meditieren ist es wichtig, einen fragenden Geist zu entwickeln. Wenn du zum Beispiel überlegst, woher du bei deiner Geburt kamst, kannst du dich darüber nur wundern. Du weisst auch nicht, wohin du nach deinem Tod gehst, auch das gibt dir Rätsel auf.

Solange du nicht durch die Grenze von Geburt und Tod schreiten kannst, entsteht sogleich dieses Erstauntsein. Wenn du eines Tages plötzlich dieses Erstauntsein durchdringst, werden Geburt und Tod zu nutzlosen Möbelstücken. Ein alter Weiser sagte dazu: "Wundere dich nur viel, dann wird dein Erwachen groß sein; bist du aber nur wenig erstaunt, wird dein Erwachen klein sein. Und wenn du dir überhaupt keine Fragen stellst, wirst du nie erwachen."

Bei der Meditation schreibe das Wort "Tod" auf deine Stirn, betrachte dein Fleisch und Blut, deinen Körper und Geist als tot und halte nur den Gedanken aufrecht, Erleuchtung zu finden. Dieser Gedanke ist wie ein langes Schwert, das in der Luft baumelt: Wenn du seine Klinge berühren willst, kann es doch nicht erfasst werden; beseitigst du aber Hindernisse und schärfst das Stumpfe, ist das Schwert schon lange verloren. 

Sei besonders vor dem Zustand der Stille gewarnt, denn er lässt Menschen in leblosem Schweigen verharren, in dem sie sich der Dinge nicht bewusst sind und sie nicht unterscheiden können. Menschen werden der Aktivitäten müde, aber nicht der Stille. Reisende scheinen mir meist an belebten Orten zu verweilen, darum ist die Erfahrung von Stille für sie so wie Honig zu essen. Es ist wie bei müden Menschen, die schlafen wollen. Doch wie könnten sie sich so selbst erkennen? (...)

Wir  begeben uns manchmal in die Stille, doch nur um Verständnis für das gegenwärtige Ereignis des Daseins zu erwecken. Dies funktioniert nur, wenn du dir nicht bewusst bist, in einem Stadium der Stille zu sein. Wenn du nach einer ähnlichen Stille im gegenwärtigen Ereignis des Daseins suchst, kannst du sie nicht finden. Dies ist Erlangen. 

Beim Meditieren musst du zentriert und stark genug sein, dich von der gewöhnlichen menschlichen Verfassung zu lösen. Du darfst nicht emotional werden, sonst folgst du am Ende nur einem gewöhnlichen Prediger. 

Beim Meditieren siehst du den Himmel nicht, wenn du aufblickst, und die Erde nicht, wenn du den Blick senkst. Wenn du Berge anschaust, sind es keine Berge, wenn du Flüsse siehst, sind es keine Flüsse. Beim Gehen weißt du nicht, dass du gehst, beim Sitzen nicht, dass du sitzt. Inmitten einer Menschenmenge siehst du keine einzelne Person. Dein ganzes Sein, innen wie außen, ist eine einzige Masse des Staunens [oder: Zweifels/siehe Jeff Shore, Boshan: Great Doubt]. 

Dies kann man als "Homogenisieren" der Welt bezeichnen. Der Schlüssel zur Meditation ist die Verpflichtung, nicht aufzuhören, ehe die Masse des Staunens zerbricht. Das stets vorhandene universale Prinzip, das in Stille absorbiert war, wurde nie aufgestöbert. Doch der Meditierende muss den Geist erwecken, so dass Himmel und Erde sich umwenden, und er muss in sich selbst die Fähigkeit entdecken, Wellen zu erzeugen.

Fürchte dich beim Meditieren nicht vorm Sterben oder davor, nicht wieder zum Leben zu erwachen. Fürchte dich davor, zu leben, ohne in der Lage zu sein, zu sterben.

Wenn du den Zustand des Staunens aufrecht erhalten kannst, wird die Aufregung spontan von selbst verschwinden. Der staunende Geist wird spontan geklärt, ohne dass man es darauf abgesehen haben müsste. Alle Sinne werden auf natürliche Weise offen und sind bereit, zu antworten. 

Wenn du effektiv meditierst, ist das wie eine halbe Tonne Last zu schleppen, die du nicht absetzen kannst, ehe du nicht das Wesentliche gefunden hast, was verloren ging. Beharre nicht auf einem Standpunkt, sei nicht leicht zufrieden und werde nicht philosophisch. Wenn du tatsächlich einspitzige Konzentration erlangst, ist das, als suchtest du nach etwas Verlorenem. Dann werden diese genannten Neigungen unbedeutend. Wenn du den Geist zu Gedanken anregst, wendest du dich von der Substanz der Wirklichkeit ab. (...)

Wenn eine Katze bereit ist, eine Maus zu fangen, kümmert sie sich nicht mal um ein Huhn oder einen Hund in der Nähe, sie ist nur auf die Maus konzentriert. So sollen auch Chan-Praktizierende sein. (...) In dem Augenblick, in dem du einen anderen Gedanken hegst, verlierst du nicht nur die Maus, sondern auch die Katze. (...)

Beim Meditieren versuche nicht, die Kôan der Alten zu lösen oder fehlzuinterpretieren. Jedes ihrer Worte ist wie ein Leuchtfeuer, dem du nicht nahekommen kannst. Wer dann noch in wichtige und unbedeutendere Kôan unterscheidet, wird nicht selten sein Leben einbüßen. (...)

Wer diesen Weg beschreiten will, tut es durch Vertrauen. Doch im Avatamsaka-Sutra heißt es: "Wenn du glaubst, da sei einer, der die Lehre darlegt, und auf der anderen Seite eine Gruppe von Zuhörern, dann bist du noch nicht durch das Tor des Vertrauens eingetreten."

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