Mittwoch, 5. Juli 2017

Was ist authentischer Buddhismus? [+ Aktualisierung zu Genpo]

Auch heute greife ich einen Thread im Forum "Buddhaland" auf, weil sich an ihm gut aufzeigen lässt, wie verarmt der Buddhismus im Westen ist und wo er feststeckt. Die üblichen Streitereien zur Geschichte des Buddhismus und den Schul- bzw. Traditionsunterschieden lasse ich mal beiseite. Einige User ringen dort um eine Art gemeinsamen Nenner von Buddhisten, und ich vermute, dass ihnen dabei nicht genug klar ist, wie sie auf das hereinfallen, was als "Religion" konstituierend und bindend sein will, mit anderen Worten also unfrei macht. 
   "Sherab Yönten" versucht es zunächst mit den drei Merkmalen der Existenz (trilaksana): Vergänglichkeit (anitya), Leiden (dukha), Leerheit (shunya), zu denen noch als "viertes Siegel" Befreiung (nirvana) kommt. "Tychiades" meint gar mit "void", die Daseinsmerkmale (einschließlich Nicht-Selbst, anatta) gälten für jeden, unabhängig davon, ob er/sie daran glaube oder nicht [vor diesem "Wahrheitsglauben" habe ich hier schon besonders eindringlich gewarnt!]. "Sudhana" fehlt nach dieser "theoretischen Analyse" der edle achtfache Pfad (arya astanga marga) als praktische Konsequenz. Später ergänzt er noch die dreifache Zufluchtnahme (triratna) zu Buddha, Dharma und Sangha. "void" stimmt ein mit einem Fragenkatalog: Werden die Daseinselemente, die vier edlen Wahrheiten und der edle achtfache Pfad gelehrt? Woraufhin "fotost" sich die Frage stellt, ob sich irgendeine Richtung buddhistisch nennen würde, die bei dieser Checkliste durchfiele. Ins Spiel gebracht wird auch noch das bedingte Entstehen (pratitya samutpada).
   Mit anderen Worten: Wir haben hier all die Klischees des Papageien-Buddhismus versammelt. 
   Als einziger User wirft "Sunu" die Frage auf (und bejaht sie), ob man denn - da der Buddha erst nach dem Erwachen den achtfachen Pfad lehrte - umgekehrt durch den achtfachen Pfad zum Erwachen käme. Genau diese Frage ist m.E. rational zu verneinen. Betrachten wir uns die Biografie Shakyamunis, so hat er als privilegierter "Adliger" aus einem Kriegergeschlecht nicht nur zahlreiche Konkubinen gehabt, sondern auf seinem Weg zur Erleuchtung auch Scheitern erlebt, etwa durch strenge Askese, von der er später abriet. Der Buddha wurde also ein Buddha infolge von Ausprobieren, Scheitern und Verwerfen, oder durch "unrechtes Tun". Noch als Erleuchteter gebrauchte er Schimpfworte wie "Schleimfresser" und "Dummkopf", die bei den Verfechtern des achtfachen Pfades kaum als rechte Rede durchgehen dürften. Entscheidend ist jedoch, dass am Anfang des achtfachen Pfades die rechte Erkenntnis (samma dhitti) steht. Die "Deutsche Buddhistische Union" (DBU) versteht in ihrem Studienprogramm hierunter die Erkenntnis der vier edlen Wahrheiten und des bedingten Entstehens und speziell für das Mahayana die Erkenntnis der "Buddha-Natur bzw. von Bodhicitta". Bei Wikipedia werden noch die drei Daseinsmerkmale und das Karma-Prinzip aufgeführt.
   Ich kann mir nicht so recht vorstellen, wie die DBU die Erkenntnis der Buddha-Natur nicht als Erwachen ansähe. Mit anderen Worten hätte sie hier selbst definiert, dass Erwachen am Anfang des achtfachen Pfades steht, und nicht am "Ende". An dieser Einsicht mangelt es praktisch allen genannten Usern in obigem Forum. Nur so deckt sich jedoch - im Sinne des Mahayana - auch die Biografie Shakyamunis - vom Irrtum zum Erwachen zum Ausgestalten der Lehre (inklusive eines achtfachen Pfades) - logisch mit dem Verkündeten. Unlogisch und ein Zirkelschluss wäre es jedoch, wenn man als rechte Erkenntnis die vier edlen Wahrheiten ansehen würde, da sie ja ebenfalls als Folge des Erwachtseins dargelegt wurden. 
   Ob man nun der Meinung ist, der Buddha sei erst zum Lehren gedrängt worden, oder gar - wie im Gleichnis von der Blume und Mahakashyapas Lächeln oder im Lalitavistara-Sutra -, er habe geschwiegen, so geht es in der Zen-Tradition doch zuvorderst um die Einsicht oder Verwirklichung des "Unbedingten" (nirvana). Es ist schwer vorstellbar - und findet sich deshalb auch weder in frühen Schriften des Chan aus dem legendären Umfeld Bodhidharmas noch etwa bei Linji und anderen Koryphäen -, dass jemand, der das Unbedingte erkannt hat, seinen Lehrfokus in erster Linie auf "bedingtes Entstehen" richtet. Auch ist schwer vorstellbar, dass Nansen, der eine Katze zweiteilt, seinen Schülern danach etwas vom Nicht-Töten in dem Sinne erzählt, wie es populäre Lehrer heutzutage tun. In einer Tradition, deren wesentliche Erfahrung gnostisch ist, also auf einer Einsicht in die eigene Natur beruht, kann folglich weder konzeptuelles Denken (wie bei Vorstellungen von Karma und bedingtem Entstehen) noch eine Dualisierung von Verhaltensweisen (in "recht" und "unrecht") im Vordergrund stehen, sondern stets deren gnadenloses Hinterfragen und Entleeren.
   Am Beispiel der "Zufluchtnahme" ließe sich aufzeigen, wie sehr sich Vorstellungen der Zufluchtnehmenden von Buddha, Dharma und Sangha unterscheiden - würde man sie nur fragen. Gäbe es keine Vorstellungen (also Illusionen), bräuchte es keine Zuflucht. Die Praktizierenden machen sich also über etwas Gedanken, die sie dann wieder überwinden müssen, und ich frage mich, warum diese seltsame Ironie niemandem der User aufstößt. 
   Wie ich kürzlich schon sagte, bleibt damit der o.g. Konsens - der sich im Wesentlichen am Theravada orientiert - hinter dem Zen zurück. So wie der Buddha Shakyamuni nach seinem Erwachen Buddhismus lehrte, so lehrte ihn weder Bodhidharma noch Nansen noch Linji usw. Statt eines achtfachen Pfades gibt es im Zen für jeden Praktizierenden seinen je eigenen Pfad, und nach dem Erwachen sollte sich dieser im Unbedingten gründen statt am (oft Mono-)Kausalen zu haften. "Authentisches Zen" kann deshalb nur darin bestehen, die o.g. Dogmen aufzuheben. Man könnte auch sagen, dass alle, die diese Dogmen im ewigen Samsara nachplappern, nicht erwacht sein können, sondern schlicht Religiöse sind. Es sind "Buddhisten" im Sinne der Zugehörigkeit zu jenem Mindestnenner, der jedoch die klare Aussage verweigert, dass Erkenntnis von Nirwana bzw. Aufhebung des Leidens (im Sinne der Anhaftung) die Conditio sine qua non der Weisheit Buddhas sind, dass also der eigenen gnostischen Erfahrung alles (danach formulierte) untergeordnet sein muss. Im hilflosen Klammern an jene Dogmen irren so die meisten User im Buddhaland-Forum umher und versagen sich das Dharma-Siegel. 
   Immerhin bin ich über das Forum auf telefonische Anweisungen der verstorbenen Zenlehrerin Joko Beck aufmerksam geworden, und ich möchte schon in Kürze einen Beitrag nachschieben, der an diesem Beispiel aufzeigen lässt, wer alles unter dem Zen-Label Theravada oder etwas ganz anderes lehrt, und wie selbst Menschen, die fast hundert Jahre alt werden, an den hehren Ansprüchen ihrer sila scheitern müssen, wenn sie nicht begriffen haben, dass Zen-Ethik auf der Überwindung von dualistischen Konzepten beruht.
  



Nachtrag zum Fall Genpo D: Inzwischen hat sich durch die Schilderung von einigen der sieben Betroffenen bzw. ihrer Angehöriger verdichtet, was man Genpo vorwirft (soweit ich es den Zeitungsartikeln entahm). Es geht offenbar um Nacktaufnahmen von einem 5-jährigen Neffen, Berührungen und Lecken an Genitalien von zwei Grundschülern, Berührungen an Genitalien eines 13-Jährigen, Oralverkehr (mit leichter Verletzung) an einem 13-Jährigen und Berührungen an einem 14-Jährigen [?] (siehe hier und hier). Wenigstens zwei der Betroffenen leiden offensichtlich unter dem Geschehen, wenigstens einer nach eigenen Angaben nicht (er ist erwachsen). Die Schilderungen der Mutter des tschetschenischen Jungen, der einst fröhlich gewesen sein und sich schlagartig verändert haben soll, erscheinen mir etwas fragwürdig. Wenn jemand dem Prozess beiwohnte, würde mich interessieren, ob es sich bei der Familie um Muslime handelt, die aus einem (ehemaligen) Kriegsgebiet flohen. Zumindest zum Zeitpunkt der Tat hatten sie "Kirchenasyl". Ferner sind in Tschetschenien homosexuelle Handlungen besonders verpönt. Die Motivlage dieser Zeugin sollte man also genauer bedenken.
  Dennoch sind die Taten m.E. viel weniger schwerwiegend, als manch einer in seiner Neigung zum Dämonisieren meint (wozu auch die "Augsburger Allgemeine" zählt, wenn sie den Duktus der Staatsanwaltschaft übernimmt und von "sieben Buben" spricht). Es gibt zwei Nebenkläger, und kommunikativer wie finanzieller "(Täter-)Opfer-Ausgleich" sind wohl bereits vom Angeklagten in Aussicht gestellt.
   Es ist in meinen Augen eher tragisch, dass es Genpo nicht möglich war, im Rahmen der Schutzaltersgrenze (in Deutschland bei 14 Jahren, wenn die Eltern der Jugendlichen nichts dagegen einzuwenden haben) Sexualpartner zu finden, die für seine Neigung offen gewesen wären und mit ihm einvernehmlich und straffrei hätten verkehren können. Die Hälfte der genannten Fälle drehte sich um dieses Alter, und ich kann mir nicht vorstellen, dass die meisten der anderen Taten den Angeklagten selbst befriedigen konnten. Eine Chance zur Vermeidung solcher Übergriffe könnte m.E. darin liegen, Gesellschaft so zu gestalten, dass sich die an solchen Beziehungen Interessierten einvernehmlich begegnen können. Ich gehe davon aus, dass es jetzt, wo ich dies schreibe, in Deutschland solche Beziehungen von älteren Männern (oder Frauen) zu Jugendlichen gibt, und diese - für beide Seiten - so befriedigend sein können, dass Verzweiflungstaten wie an Grundschülern oder unnötige Manipulationen des Gegenübers dann eher ausbleiben. Ich schrieb davon, dass die Sexualwissenschaft (zuletzt in der Metastudie von Rind, Bauserman et al.) zahlreiche solcher Fälle beschrieben hat, und statt diese von vornherein zu verteufeln, könnte ein Lösungsansatz darin bestehen, deren Parameter besser zu verstehen und diese Beziehungen möglich zu machen. Ob eine (individuell variable) Anpassung der Schutzaltersgrenze auf das Eintreten der Pubertät nicht sinnvoll wäre, ist eine weitere Frage, denn es ist kaum verständlich, dass man Geschlechtsreifen jahrelang den Sex verbietet, zumal Aufklärung und Verhütung frühe Schwanger- oder Vaterschaften verhindern können. Ich habe selbst schon als Grundschüler gedanklich auf meine Lehrerin masturbiert (damals noch trocken) und meine ersten sexuellen Erfahrungen mit einer Frau kurz nach der Grundschule gemacht. Ich habe auch erlebt, wie grausam Kinder sein können (eine Gruppe aus meiner Klasse zwang - unter dem Einfluss ihres zwergenhaften Rädelsführers - eine geistig etwas zurückgebliebene und völlig verängstigte Klassenkameradin in einem Park zum Entkleiden), und wenn mir in dieser Zeit etwas gefehlt hat, dann ein verlässlicher und vertrauenswürdiger erfahrener Ansprechpartner in Sachen Sexualität. Es stimmt traurig, dass Genpo offenbar nicht zu einem solchen werden konnte, sondern zu einem verzweifelten Manipulator. 

Auch wenn ich, wie kürzlich angedeutet, die Forderung unterstütze, dass man aus Genpos "Hakuin-Gemeinschaft" Hilfe für die Geschädigten anbietet (ich vermute jedoch, dass viele aus dieser Richtung keine annehmen werden), halte ich diesen "Offenen Brief" des "Doraku-an Zen Dojo (Zen-Mühle)" für daneben. Wer einen solchen Brief mit dem Wort "Abscheu" einleitet, übt sich wohl nicht recht im Buddhismus des Gleichmuts; vor allem wird hier gleich noch einmal Gericht gehalten und die Gemeinschaft mit haftbar gemacht und zur Reue verpflichtet. Das Motiv scheint mir klar. Der Betreiber der "Zen-Mühle" ist, wie Christopher Hamacher, der sich im gleichen Tenor in Foren äußert, mit einem japanischen Zen-Lehrer in München verbunden (gewesen), der sich auf die gleiche Zenlinie beruft wie Genpo, nämlich auf die Omori Sogens. Bei Hamacher und "Genko" (Dr. Jörg Bernsdorfer), der seinen bürgerlichen Namen  auf seiner Webseite verschweigt und auch den "Offenen Brief" nicht namentlich zeichnet, beruft man sich über Kokugyo Kuwahara auf den in Japan recht verehrten Omori, der jedoch Kuwahara meines Wissens nur auf dem "Pinsel-Weg" (Hitsuzendo) die Nachfolge erteilte, nicht als Zenlehrer. Dieser Wunsch, sich von Genpo D. abzugrenzen (der sich über Hozumi Gensho seinerseits in die Omori-Linie einreiht), ist in meinen Augen nichts weiter als die lächerliche Farce von anonym bleiben wollenden Feiglingen. Das kommt eben dabei heraus, wenn man meint: "Mein Protest, mein soziales Handeln, besteht darin, jetzt Zazen zu machen."

Kommentare:

  1. Warum nimmst du an das Gempo verzweifelt war und ein vertrauenswürdiger erfahrener Ansprechpartner in Sachen Sexualität gewesen sein könnte?

    Tatsache ist: Er hat(hilfesuchenden) Menschen mainipuliert und für seine sexuellen Gelüste ausgenutzt=missbraucht. Das er dafür in unserer Kultur verurteilt wird, liegt in der jeweiligen, gültigen Gesellschafts-Form=Gesetzte, toleriertes Verhalten und Normen.

    Dass er in seiner Kindheit selber Gewalt und Übergriffe=Missbrauch erfahren hat aber diese im erwachsenen Leben nicht auf gearbeitet hat, führte oder trug zumindest bei, dass er selber zum Übergriffs-Täter wurde.
    Andere Beispiele mit dem selben Hintergrund, Verlauf, gibt es zur genüge.

    Bankei Eitaku - Die Zen Lehre des Ungeborenen.
    "Wenn ihr in Übereinstimmung mit dem Buddha-Geist lebt, so ist da von Anfang an kein Unterschied zwischen Einhalten (der Gebote, Vorschriften) und Nichteinhalten."

    Meiner Meinung nach ist diese Aussage für (authentischer) Buddhismus, Gempo und Zen, gleichermasen gültig.

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  2. Ich unterstelle mal, dass Menschen, die relativ verbreitete Neigungen haben (der Anteil der zumindest "auch" Pädophilen würde in Deutschland mindestens eine Millionenstadt füllen), die sie nicht straffrei ausleben dürfen, daran "verzweifeln" können. Möglicherweise wäre es für Genpo ja schon hilfreich gewesen, wenn statt ab 14 bereits ab 12 (die Pubertät tritt hierzulande wie gesagt durchschnittlich früher ein) eine auf Gegenseitigkeit (!) beruhende Beziehung möglich gewesen wäre. Das beziehe ich aber gar nicht so sehr auf ihn, das ist ein Argument, das allgemein Anwendung finden könnte.

    Nehmen wir an, jemand hätte in den letzten 15 Jahren 5 Beziehungen zu 12- bis 13-Jährigen gehabt, und diese wären straffrei, wenn sie ohne Gewalt ablaufen, auf gegenseitigem Interesse beruhen und wenn der bei Überprüfung wie alt auch immer Seiende bestätigt, dass er zu diesen Kontakten in seiner Kindheit stand (ich weiß, das ist Jahre später ein Unsicherheitsfaktor) - dann immerhin müsste nicht per forma bestraft werden. So ist es aber immer noch.

    Genpo hätte auch in einem solchen Fall eine Strafe bekommen, wenn er dieses Schutzalter unterschritten oder sich jemand der Betroffenen hätte beklagen können. Meines Erachtens würde eine solch flexible Gesetzgebung aber die Möglichkeit eröffnen, dass sich Gleichgesinnte finden und es ggf. nicht zum Prozess, zu Untersuchungshaft und Strafe kommt. Nämlich dann, wenn alle Beteiligten einverstanden waren. Die Frage ist, ob damit nicht Straftaten verhindert würden, zumal die Beteiligten ja wüssten, dass ihre einzige Chance im gegenseitigen Einverständnis läge - eine Chance, die es im Moment für diese Altersgruppe nicht gibt, was die Heuchelei und Heimlichtuerei nur befördert. Ich finde, die Gesetzgebung hinkt da der so genannten Akzeleration hinterher.

    Der Satz von Bankei bedeutet m.E. nicht, was du wohl meinst. Er soll, denke ich, besagen, dass "im Buddha-Geist lebend" sich Ethik auf natürliche Weise verwirklicht, und eben nicht in Denkschablonen von gut und böse. Das ist kein Freibrief für Straftaten, sondern eine Aufforderung zur Empathie gegenüber ALLEN Betroffenen, also auch dem "Täter". Vor allem bedeutet es demnach, dass es keine ethische Perfektion gibt und man diese auch nicht von einem Zen-Meister erwarten darf. Der gemeine Buddhist hingegen hält "Einhalten der Gebote" für meisterlich, "Nichteinhalten" für Versagen. Wenn Genpo sich diese Haltung zu eigen macht, statt - nach tätiger Reue - diese Ethik jenseits von Schubladendenken anzustreben, wäre er m.E. auf dem Holzweg. Am Ende geht es mehr in die Richtung des bekannten Shunryu Suzuki-Zitates, sollte ein Impuls zum ungewollten Übergriff auftauchen: "Ich bin stark genug für uns beide, dem zu widerstehen."

    Bleibt man hingegen bei gewöhnlicher Ethik, etwa den sila, stehen, dann wird man gar keine Regel finden, die mit dem Strafgesetz in Genpos Fall übereinstimmt; außerdem hätte man das Problem, dass "gute Absichten" im Buddhismus (die machte zunächst ja auch Genpo geltend) zu hoch angesehen werden, statt zu schauen, was "hinten bei rauskommt". Wir nehmen ja an, dass Genpo sich mit diesen "guten Absichten" selbst täuschte; das Problem ist nur, das Gericht hat ihn zwecks Strafmilderung gleich unter Druck gesetzt, von dieser Argumentation abzuweichen. Das ist im Übrigen auch ein ethisches Problem, auf jeden Fall zeigt es, dass buddhistische Ethik und Strafgesetz nicht identisch sind.

    Schließlich dürfen wir dann noch lesen, dass der Richter - wahrscheinlich vom christlichen Kulturraum geprägt - einem sowieso schon zitternden und gebrochenen Mann bei der Strafmaßverkündung offenbar noch einen mitgeben musste, sein "Lebenswerk läge in Trümmern" usw. So etwas ist unnötig, wenn man Bankeis Blick erwirbt, zumal der Richter immer darauf achten soll, dass er niemandem noch Motive für einen möglichen Suizid aufs Auge drückt. Er kennt Genpos "Lebenswerk" ja nur auszugsweise und dessen Zukunft schon gar nicht.

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  3. Dass sich "im Buddha-Geist lebend" Ethik (und alles andere) auf natürliche Weise verwirklicht, da bin ich der gleichen Ansicht.
    Nur, solange wir nicht erleuchtet sind können wir auch nicht in Bankeis (Buddhas-Geist) verweilen - dass ist eben der zentrale Unterschied der dann zu den verschiedenen Handlungen, Unterscheidungen, Verwirrungen die nicht dem Buddha-Geist entspricht, führen.Ein Zen-Meister sollte für mich ein Vorbild sein. Wenn er das nicht ist, würde ich mich ihm nicht anvertrauen, bzw. würde ich ihn nicht als Zen-Meister anerkennen.
    Es ist nur natürlich, dass man er-leidet, wenn man seine sexuellen Bedürfnisse, zb. wegen fehlender (gesetzlicher) Akzeptanz, nicht aus-leben kann. Dass die kraftvolle, triebgesteuerte "Natur" sich darum nicht kümmert, und sich wegen fehlender gesellschaftlicher Akzeptanz, in den "Untergrund" verlagert um im schlechtesten Fall in extrem pervertierter Form gegenüber sich selber oder gegenüber den anderen richtet bzw ausgelebt wird, ist auch klar.
    Ideal wäre wohl eine Gesellschaft, Gesetze die den pubertierenden Jugendlichen ihre sexuellen Zu-Neigungen erlauben und diese (mit Verhütung) entspannt erforschen könnten. Ich kann mir gut vorstellen, hätten die Jugentlichen die Aus-Wahl zwischen gleichaltrigen und erwachsenen Austauschwilligen, sie würden in den meisten Fällen, gleichaltrige den erwachsenen vorziehen!!
    Wer weiss, vielleicht hat Gempo durch die Verurteilung nun die Möglichkeit u.a Aufarbeitung der Kindheits-Traumas und wird so den Weg zu "Ich bin stark genug für uns beide" gehen können?!

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    1. Hierzu nur kurz: Über Bankeis Sexualleben wissen wir nicht genug, ich kann auch für ihn nicht die Hand ins Feuer legen. Meines Erachtens ist es falsch, wenn man erwartet, "im Buddha-Geist verweilen" würde ein lebenslang tadelloses Leben zur Folge haben. Wenn man schon an etwas in dieser Richtung glaubt, dann kann man feststellen, dass der Buddha selbst immer mal wieder nicht im Buddha-Geist verweilte (sozusagen), wenn er z.B. jemanden wie Devadatta beleidigte.

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  4. nun ja, der Begriff Schutzalter beinhaltet iuritisch inhaltlich mehr als nur eine Altersangabe oder Freiwilligkeit. Es geht dabei in erster Linie um geistige Reife des Jugendlichen (körperliche Reife ist sekundär) und Schutzalter meint dabei: kann der junge Mensch die Tragweite seines Handelns voll und ganz nachvollziehen? Falls es Zweifel daran gibt, gilt 16 als Schutzalter. Um einen Zweifel anzumelden, reicht es schon, wenn der Jugendliche sexuell unerfahren ist, weil, so eine Argumentation, hier mehr Anfälligkeit für Manipulation besteht, besonders natürlich wenn die ältere Person eine Art Vertrauensperson darstellt (was wohl für einen buddhistischen Lehrer zutreffen würde). Selbst der Versuch einer Überredung z.B. "komm, probiers einfach mal aus"), auch wenn danach nichts passiert, bringt einem ins Gefängnis.
    Von daher gesehen, ist es mir eigentlich gleichgültig, ob die Ethik nun in gut und böse-Kategorien abläuft oder jenseits davon. Tatsache ist, dass jemand hier geschädigt oder, abstrakter ausgedrückt, in seiner persönlichen Entwicklung beeinflusst wurde und diese Beeinflussung nicht dem ursprüngichen Charakter der Beziehung und den Rollen der Beteiligten entspricht. Das reicht bereits und, ehrlich gesagt, finde ich die hier angesprochene buddhistische Gedankenführung über Ethik als überflüssig. Ich denke, man kann durchaus Buddhist sein und eine regelorientierte Ethik nicht vertreten, aber bestimmte Dinge einfach abscheulich finden. Persönliche Meinungen sind auf einer anderen Ebene als iuristische Prozesse. Ich glaube auch nicht, dass heute noch der überwiegende Teil der deutschen Gesellschaft wohlwollend auf die blicken würde, die den Missbrauch von denen, die unter das Schutzalter fallen, nicht als abscheulich bezeichnen würden, So eine Glaubensgemeinschaft oder auch nur Gemeinschaft braucht kein Mensch mehr hier. Dazu gabs schon von seiten der Religionen und anderen Kinderheimen genug Mist und Verbrechen. Auch die persönlichen biografischen Ereignisse des Autors und die Erkenntnisse, die er daraus gezogen hat, sind kein Massstab für gesatztes Recht, ohne dass ich diese nun diskreditieren will. Sie sind nur auf einer anderen Ebene und taugen nicht für die Bewertung eines solchen Rechtsfalles. In der Logik nennt man so etwas Kategorienfehler.

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  5. (Mist, meine lange Antwort wurde verschluckt ... Also nur kurz ...)

    Deine Darstellung erscheint mir aus juristischer Sicht unrichtig. Sollten hier Betroffene mitlesen, rate ich zum Besuch eines Juristen. "Zweifel" und "Unreife" sind bei 14- und 15-Jährigen nicht die entscheidende Kategorie, denn wenn sich zwei Gleichaltrige dieser Gruppe treffen, würde dies ja auf sie oft zutreffen. Es geht eher darum, ob die Schutzbefohlenen etwas dagegen haben, und auch die können nicht immer was ausrichten.

    Ja, die Darstellung von Genpos Taten erweckt Abscheu, das ist mir klar. Aber die Gesellschaft sollte lernen - also jeder für sich -, eigene kindliche Sexualität biografisch zu erinnern und zu reflektieren und damit offener zu werden für das "Mögliche". Das Mögliche ist mehr als Miss-brauch, da nicht jede menschliche Beziehung "Ge-brauch" ist, bloß weil bestimmte Altersgruppen beteiligt sind. Man möge sich einfach mal ehrlich an die eigenen ersten sexuellen Regungen, Wünsche und Erfahrungen erinnern. Wer aber nur in Ge- und Missbrauchskategorien denkt, offenbart vor allem etwas über seine eigene Einstellung gegenüber Kindern, nämlich, dass er sie nicht für voll genug nimmt.

    Selbst in Genpos Fall gab es sehr wahrscheinlich auch Teilstrafen für etwas, das keinen Schaden verursacht hat (das würde man ggf. erst in einigen Jahren genauer wissen).

    Jedenfalls bedarf es - wie der "Unbuddhist" im Buddhaland-Forum meint - nicht buddhistischer Strukturen, um solche Fälle zu ermöglichen, sondern es bedarf zunächst einmal eines Erwachsenen mit sexuellem Interesse an Kindern. Hierarchische Strukturen machen "Missbrauch" einfacher, aber der geschieht auch in agnostischen Hilfsorganisationen. Entscheidender ist also der Vertrauensvorschuss, den die Naiven den Ärzten, Lehrern, Priestern, Sozialarbeitern, freiwilligen Helfern usw. entgegenbringen. Verantwortung tragen also auch immer die Trottel, die das Spiel mit Hierarchie und Vertrauensvorschuss mitspielen, und nicht nur die, die sich darin auf ihre Posten - möglicherweise sogar gezielt - hochdienen, um dann "missbrauchen" zu können.

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  6. Kinder, Jugendliche leben in einer anderen Wahrnehmungs-Realität als Erwachsene und können sicher nicht, die Tragweite sexueller Handlungen abschätzen. Daher gilt es Kinder und Jugentliche vor erwachsene Übergriffe zu schützen, was nach all den ans Licht kommenden Missbrauchs-Geschichten in den diversen Oragnisationen oder im privaten Umfeld,leider viel zu wenig geschah und geschieht.

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    1. Das sind alt bekannte Thesen. Tatsächlich ist das Strafrecht mehr als umfassend, es schützt ja sogar Kinder und Jugendliche vor sich selbst! Einen umfassenden Schutz wird es nie geben. Stattdessen sollte man sich jedoch mal fragen, ob man das Recht hat, pauschal an Altersgrenzen fest zu machen, wer was abschätzen kann und wer nicht. Das ist in dieser Form Unfug, weil es dem Individuum in seiner je eigenen Entwicklung nicht gerecht wird.

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  7. Dass Buddha immer im Buddha-Geist war, davon bin ich überzeugt. Dass er Devadatta "beleidigte", könnte nur Devadatta selber bestätigen. Ansonsten gibt es sicher einige Beispiele, die davon zeugen, wie unerleuchtete Menschen durch vor den Kopf stossende, meisterlich ausgeführte "Korrekturen", erwachten.

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