Mittwoch, 5. Oktober 2016

Tiere machen Zazen! (102 kg)

"Sawaki Rôshi war nicht mein 'wahrer Lehrer'. 
Auch er war ein Getäuschter (bombu)." 

(Kôshô Uchiyama kurz vor seinem Tod)

"Sawaki war nicht mein Freund. Ich war arm und er ein Tycoon. 
Er hatte bloß Mitleid mit mir."

(Katô Kôzan kurz vor seinem Tod)


Solcher Art ist das seltsame Necken von Zenmeistern. Uchiyama Rôshi pflegte Sawaki, als er gebrechlich war; wovor er warnen wollte ist, sich nicht auf einen Lehrer zu verlassen, sondern den Lehrer in sich selbst zu finden. 
   Kôzan Rôshi war Sawakis Freund, sie lernten sich im Yôsenji kennen, Sawaki half Kôzan und seiner Familie in einer finanziellen Notlage, im Alter verbrachten sie die Neujahrstage zusammen. Beide liebten Zazen, Kôzan aber auch die Kôan. "Sawaki und ich waren wie eine Tempelglocke und eine Papierlaterne. Er war ein rechter Gelehrter und ich ungebildet. Aber wir kamen ganz gut miteinander aus." Die Worte, die Kôzan Stunden vor seinem Tod sprach, hätten von Sawaki sein können: "Ich glaube, dass Zazen der höchste Weg ist. Ich mache so weiter. So zu üben, das nennt man satori." 
   Besonders gerne zitiere ich Katô Kôzan mit dem Satz. "Auch Tiere sind erleuchtet." Zu diesem Thema hat er noch mehr gesagt. 

"Wer noch nicht zu seiner wahren Natur erwacht ist, hat seine Mission als Mensch nicht erfüllt. Andere Wesen, selbst Insekten, haben es nicht nötig, zu erwachen. Sie sind Natur, so wie sie sind. Die Menschen sind aufgrund ihrer Täuschung aus ihrem natürlichen Zustand herausgefallen. Sie erwachen dann also zu diesem ursprünglichen Gefühl, ihrer ursprünglichen Natur, dass alles eins ist. Die Mission der Menschheit ist, keine Gedankenwellen mehr zu erzeugen, wie sie bis heute aufgrund von Selbstsucht entstehen. Ist das geschafft, wird ein Mensch zum ersten Mal richtig geboren; das ist die Definition eines Menschen. Egal wie bekannt und herausragend jemand ist und was er historisch geleistet hat, ja - entschuldigt, dass ich das sage -, selbst wenn es sich um den Kaiser handelt: Ohne diese Erfahrung ist er bloß ein Halunke, ein Krimineller, der auf den Galgen wartet ... Also müssen wir Zazen machen. Es ist das Wichtigste in einem Menschenleben. Andere Tiere machen ganz von selbst Zazen, sogar Insekten, Käfer und Würmer, und müssen sich dafür nicht extra anstrengen. 
   Hunde und Katzen unterscheiden. Aber auf die wahre Art. Menschen täuschen sich beim Unterscheiden. Hunde, Katzen und Insekten sind heiß, wenn es heiß ist, und kalt, wenn es kalt ist, aber sie unterscheiden das nicht so illusionär wie Menschen. Auch die Menschen werden, wenn sie Zazen praktizieren, auf natürliche Weise diesen Zustand erlangen."  

[Foto von Arthur Braverman. Langes Zitat aus: derselbe: Living and Dying in Zazen. Weatherhill 2003.]

Kommentare:

  1. Wenn Zazen das einzige "Mittel" ist, das zum Erwachen führt, frage ich mich, warum meiner Meinung nach, dieses Wissen nicht weiter verbreitet ist,um es dann im besten Fall, selber an wenden zu können.
    Akzeptiert Zen auch andere Übungs Wege die zum erwachen führen?
    Ich nehme doch an, dass verschiedene Wege zum erwachen führen?!

    AntwortenLöschen
  2. Zazen ist nicht das einzige Mittel, das zum Erwachen führt. Wenn man nicht Zazen als Metapher fürs Erwachen sieht, als Platzhalter im wahrsten Sinn des Wortes, wie es leider oft einseitig von Dôgen-Anhängern gemacht wird, dann gibt es tatsächlich einen Weg zum Erwachen und einen Moment oder eine Erfahrung des Erwachens. Ich würde schlicht von einem Schlüsselerlebnis sprechen, wie es in vielen traditionellen Zengeschichten überliefert ist und oft von geringen äußeren Anlässen (dem Singen eines Vogels, dem Schrei eines Lehrers) ausgelöst werden kann. Selbst wenn man es anders sieht, dann ist Sitzen schon Erwachen, also Zazen kein Mittel, kein Zweck, sondern schon das Ziel. Ansonsten aber kann jeder individuelle Lebensweg zu einer tiefen Erkenntnis führen, die "Erwachen" gleichkommt. Im Zen bedeutet Erwachen m.E. die Einsicht in die Leere der Existenz bei gleichzeitigem Eindruck eines "universellen" Daseins - die individuelle Existenz ist aufgehoben in einem großen nicht-individuellen Ganzen. Dss hat dann in der Regel sichtbare Änderungen im Lebensstil zur Folge.

    In China wurde schon früh die Kampfkunst als ein Weg zu solcher Einsicht angesehen, in Japan wurde diese Tradition fortgesetzt und durch weniger martialische Wege ergänzt: den des Tees, der Blumensteckkunst usw.

    AntwortenLöschen
  3. Danke für deine Er-klärung.
    "Sitzen ist schon Erwachen" gleich- das Alltagsbewusstsein ist nicht von Buddha Bewusstsein unterschieden?
    Dôgen-Anhänger-Platzhalter verstehen diese das man nicht Zazen ausüben soll, weil man auch ohne Zen-Sitzen, erleuchtet ist?
    Solange man das Schlüsselerlebnis. nich selber erfahren hat, fühlt man sich trotz (dann ist Sitzen schon Erwachen,) mit Zazen doch oft unerwacht. Ich bin in keiner Zen Gruppe und habe auch keine persönlichen LehrerInnen und übe trotzdem Sazen, was so hoffe ich, trotzdem zum erwachen führen wird?!

    AntwortenLöschen
  4. Es ist nicht so einfach. Sitzen ist nicht erwachen, wenn man nur seinen Gedanken nachläuft. Alltagsbewusstsein ist kein Buddhabewusstsein, wenn es nicht von der Fähigkeit des Loslassens bestimmt ist.
    An das Zazen knüpft man besser keine Erwartungen hinsichtlich des Erwachens. Ich halte es für am sinnvollsten, dabei alles vor dem geistigen Auge vorüberziehen zu lassen, was mit der Zeit aus den Tiefen des Unterbewusstseins auftaucht - ohne es zu werten, ohne sich gedanklich im Sinne von Gedankenketten oder -gebäuden daran zu hängen. Um zu verstehen, wie man selbst tickt, wie sich Gefühle der Zu- und Abneigung aufbauen, wie man sich in etwas reinsteigert, und wie man davon lassen kann.

    Ich halte Erwachen für die Erkenntnis dessen, was schon da war, was man aber bis dahin so nicht begriffen hatte. Es wird dann zur Verwirklichung einer Fähigkeit, die man bereits besaß, die aber gewissermaßen brachlag.

    AntwortenLöschen
  5. Deine Aussgage "An das Zazen knüpft man besser keine Erwartungen hinsichtlich des Erwachens" hat mich erstaunt, da Du doch sicher einen beträchtlichen Teil deines Lebens damit verbringst u.a mit diesem Blog, Übersezungen und veröffentlicheung von entsprechenden Bücher.
    Vielleicht sollte man keine Erwartung haben, aber Vertrauen in den Zen Weg?!
    Im Buch "Zen ist für nix gut" wird u.a auf Seite 329 Dôgen zitiert.
    " So wie er (der Mensch) ist, ist er Buddha. Doch weil sie nicht praktizieren, sind sie sich dessen nicht bewusst und können nicht erwachen. Nur Zazen erlaubt dieses Ergreifen des eigenen Selbst." Ich nehme an, Sawaki war und ist da gleicher Meinung!?


    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Nein, ich verbringe mit Zazen kaum (mehr) Zeit. Nicht mit dem stillen Sitzen jedenfalls. Ich betreibe Zen im Sinne Hui-nengs, und damit auch Zazen, nämlich als Geistesübung im Alltag. Was das konkret heißen kann, habe ich zugegeben hier immer mal wieder eher angedeutet als ausgeführt, und die nächste Andeutung kannst Du hoffentlich kommende Woche aus dem Beitrag zu Trump herauslesen. Worum geht es im Wesentlichen?

      Du stellst Dich bei der Zenübung Deinem Geist und lotest ihn tief aus, d. h. Du lügst Dir nicht mehr in die Tasche über das, was sich in dir gedanken- und gefühlsmäßig abspielt. Ob diese Ehrlichkeit, die Du Dir selbst gegenüber gewinnst, dann immer auch nach außen dringen muss - in unverblümter Rede, in klaren Bekenntnissen etc. - ist eine andere Frage. Ich empfehle darum auch den Teil der Zengeschichte, der sich mit dem Denken der Samurai und mit Strategie auseinandersetzt, damit Du weder ein Heuchler wie einige in der rechten Spalte Genannte wirst noch einer, auf dessen Kosten sich die Politisch Korrekten echauffieren.

      Vertrauen in den Zen-Weg ist in Ordnung, aber was ist der Zen-Weg wenn nicht eine Reise ins Unbewusste von dir selbst - und später die Umsetzung des Erkannten (und Eingeübten) in den Alltag und eine Gesellschaft, die oft mit Unverständnis reagieren wird.

      "Nur Zazen" ist falsch. Sawaki wusste das jedoch m. E., denn er machte ja u.a. eine Frau zu seiner Dharma-Erbin, die gar kein Zazen machte (so wie es manche Sawaki- oder Dogen-Fans verstehen), sondern Kesa nähte. Demnach hatte Sawaki begriffen (falls er nicht schlicht eine Affäre mit dieser Frau pflegte und seine Objektivität einbüßte), dass wahres Zazen die konzentrierte Übung in ganz anderen Bereichen als dem stillen Sitzen in bestimmter Haltung und Form umfassen kann.

      Wahres Zazen ist eine Zenhaltung, die sich nicht mehr aufs Sitzen festlegen lässt.

      Löschen
  6. Kennst Du diesen, wie ich emp-finde, guten Artikel über Hui Neng?
    http://www.schmitt-rousselle.de/philosophia/sutraPatriach.html

    AntwortenLöschen
  7. Nein, war mir nicht bekannt, danke für den Hinweis!

    AntwortenLöschen

Das Sichten und Freischalten der Kommentare kann dauern.