Mittwoch, 26. August 2015

Zeitreise
(106 kg)


[Japanisch-indonesischer Ausweis mit Stempel aus dem Jahr 2605. 
Quelle: Japanische Wikipedia, Tropenmuseum, part of the National Museum of Word Cultures]

Neben unserem gregorianischen Kalender ist in Japan eine andere Zählart verbreitet, die die Jahreszahlen nach der Ära des jeweiligen Kaisers benennt. Seit der Meiji-Zeit sind das: Meiji 明治 1868-1912, Taishô 大正 1912-1926,  Shôwa 昭和 1926-1989,  Heisei 平成 1989 bis heute. Das Jahr Shôwa 1 entspricht also unserem Jahr 1926. Mein Geburtsjahr 1964 ist das Jahr 39 der Shôwa-Ära (Shôwa ist der postume Name des damaligen Kaisers Hirohito). Ich stamme also so gesehen aus einer anderen Ära.
   Nun übersetzte ich einen Roman, der von der japanischen Besetzung Indonesiens handelt. Er setzte das Jahr 1942 mit dem Jahr 2602 japanischer Zeitrechnung gleich. Hoppla, dachte ich, in Thailand, einem buddhistischen Land, das sich an einem (fiktiven) Geburtsjahr Shakyamuni Buddhas orientiert, wird gerade das Jahr 2558 geschrieben, Japan wäre dann heute ja bereits im Jahre 2675. Wie denn bitte das? 
   Die Grundlage ist der "kaiserliche" Kalender - auch "Kigen" oder "Kôki" genannt -, der mit der Thronbesteigung des (mystischen) ersten Kaisers Japans, Jimmu, im Jahre 660 vor Christus (umgerechnet) beginnt. Dieses Datierungssystem wurde mit der Einführung des Staatsgründungstages als Nationalfeiertag im Jahre 1872 (unserer Zeitrechnung) populär. Die damalige Regierung wollte so die Legitimität der kaiserlichen Linie stärken. Im Gründungsdokument der indonesischen Unabhängigkeit aus dem Jahre 1945 findet sich dann auch das Datum 17 8 05 - wobei die 05 für 2605 steht. Nach dem Abzug der möglicherweise gar nicht so unbeliebten Japaner folgte freilich noch ein Freiheitskampf gegen die schon vor den Japanern auf Indonesien aktiven holländischen Besatzer, der erst 1949 endete.
   Der Gedanke, dass ich nicht im Jahre 2015, sondern im Jahre 2675 lebe, faszinierte mich. War ein neues Jahr angebrochen, ist es mir in der Vergangenheit immer wieder passiert, dass ich in den ersten Wochen in Briefen und auf Rechnungen zunächst noch das Datum des vergangenen Jahres benutzte. Seit einigen Jahren muss ich manchmal auch nachdenken, wenn mich jemand nach meinem Alter fragt. Während die Mathematik eine unerschütterliche Wahrheit in sich zu tragen scheint, sind Zahlen also ein gutes Beispiel für die Manifestation von Leere. 
   Ich bin nun also 711 Jahre alt. Mein noch vor einigen Monaten gefasstes Vorhaben, wenn schon nicht mit 50, dann doch wenigstens mit 51 einiges mal ganz anders zu machen (also kurz vor dem 51. Geburtstag noch schnell - hechel, hechel! - diesen und jenen Ballast abzuwerfen und dies und das umzustellen, abzuschalten, zu kündigen, zu unsubscriben) wirkt nun besonders lächerlich. Vielmehr habe ich das Bedürfnis, mit meinem kleinen Geheimnis Methusalem gleich (aber bartlos) durch die Welt zu schreiten und mit der angemessenen Gelassenheit und Weisheit Geschehnisse und Dinge zu beobachten und zu kommentieren. (Wenn Kleider Leute machen, dann macht das Alter wohl den Weisen.) Ich male mir das Leben eines 711-Jährigen aus. 
   Als ich aufwache, spüre ich auf einmal all meine Knochen. Es ist, als wären sie auf meinen Gedankenzauber hereingefallen.


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