Montag, 27. Juni 2011

Phobos und Deimos


Die Gezeiten entstehen durch das Aufeinanderwirken der Anziehungskräfte von Erde, Mond und Sonne. Die Anziehungskraft der Sonne hält die Planeten auf ihrer Umlaufbahn. Der Mond zieht das Wasser auf der ihm zugewandten Erdseite an. Auf der dem Mond abgewandten Seite wirkt die Fliehkraft der Erde, die durch die Erddrehung entsteht. Diese Fliehkraft erzeugt eine weitere Flut. Durch die Erddrehung wandern die beiden Fluten um die Erde herum und bewirken so den Gezeitenwechsel. Weil der Mond für einen Erdumlauf 24 Stunden und 50 Minuten benötigt, dauert ein Gezeitenwechsel 12 Stunden und 25 Minuten. Die Gezeiten verschieben sich demnach täglich um 50 Minuten.

In mir gibt es auch Gezeiten. Ich weiß das, seit ich Gallensteine habe. Erst dachte ich natürlich, ich müsste sterben, als ich diese Schmerzen unterm rechten Rippenbogen bekam, die irgendwo bis hoch in die Schultern zogen. Ich ging zum Hausarzt, um mir meine Krebsdiagnose zu holen. Er schmierte mir ein Gel auf den Bauch und schaute in einen Apparat, wie ich ihn in einer Krimiserie im TV mal gesehen hatte, wo dann so was Weißes im Schwarzen pocht und der Arzt sagt: Sie sind schwanger. Und dann gehen die Probleme los. Aber ich bin ja ein Mann. Also musste es Krebs sein. Der Arzt sagte: „Sie haben zwei Gallensteine.“ Ich fragte: „Wie viel Zeit bleibt mir noch?“ Der Arzt: „Damit kann man hundert werden. Wenn sie Koliken bekommen, ist es besser, die Gallenblase rauszunehmen.“ Er drückte mir einen Zettel in die Hand, auf dem stand, was ich nicht mehr essen sollte, um meine Galle nicht unnötig aufzuregen. Es waren alle guten Sachen dabei, Schokolade, Eis, Cocktails, kalte Cola und sogar Berliner Pfannkuchen, so dass ich auf der Rückseite sofort nach der Anleitung zum Selbstmord suchte. Zur Sicherheit gab mir der Arzt ein paar Zäpfchen mit, für den Fall, dass ich Krämpfe bekäme. Ich erinnerte mich, wie man mir als Kind Zäpfchen reinschob. Ich fragte ihn: „Entschuldigen Sie, wie macht man das? Ich hab mir noch nie selbst was hinten reingesteckt.“ Der Arzt führte eine Hand hinter seinen bekittelten Po und machte: „Einfach rein und pfft!“ Dabei zog er seine Hand in einem Bogen nach oben, so dass ich dachte, das Zäpfchen würde bestimmt in meinem Hintern abgehen wie eine Rakete und am Ende, wenn ich das zu doll machte, oben wieder herauskommen. Ich hielt mich an die Diätempfehlungen auf dem Handzettel. Eines Tages wurde ich jedoch von einem Marktforschungsinstitut zu einem Biertest eingeladen. Dem Tester sagte ich, dass ich zwei Gallensteine habe und man ein Bier erfinden müsse, dass Gallensteine auflöse. Er meinte: „Sie haben sich bestimmt zu viel geärgert.“ Ärger kann nämlich Gallensteine machen. Wenn ich mich ärgerte, konnte ich sie tatsächlich spüren. Darum beschloss ich, sie auf jeden Fall zu behalten und so zu lernen, mich nie mehr zu ärgern, weil es nun ja im Körper weh tat und nicht mehr nur eine Sache der Seele war, die ja zum Glück keine Seelensteine kennt. Ich trank alle Biere aus, weil sie kostenlos waren, und weil ich danach so glücklich wurde, taten die Gallensteine nicht weh. Zwei Wochen danach schlug das Wetter um. Die Wolken am Himmel schienen immer tiefer fliegen zu wollen, es gab ständig Gewitter und meine Gallensteine machten dumpfe Schmerzen. Ein bisschen schummrig war mir auch, so als hätte ich eine Droge genommen, und auch so, als könnte jeden Moment was Schlimmes passieren. Es passierte aber sonst nichts. Der Arzt meinte, meine Steine wären zu groß, um durch die Gallengänge zu wandern und da womöglich hängen zu bleiben. Wahrscheinlich hätten sie sich vor den Ausgang der Galle gelegt und deren Flüssigkeit könne nicht mehr abfließen. Dann sagte er: „Wenn sie Koliken bekommen, ist es aber besser, die Gallenblase rauszunehmen.“ Der Arzt sagte auch, die Gallenflüssigkeit sei zäh, mit Rumhopsen sei es da nicht getan, wenn man die Steine bewegen wolle. Ich versuchte es zuhause mit einem Kopfstand. Dann kam mir die Idee, durch die Kraft meiner Gedanken die Steine aufzulösen. Bei der nächsten Ultraschalluntersuchung waren sie ein bisschen größer geworden. Als Vollmond war, zwickten meine Steine erneut. Ich dachte mir, der Mond wird wohl die Gallenbrühe anziehen und damit auch die Steine. In mir ist also Ebbe und Flut. Um den Mond ein bisschen friedlicher zu stimmen, gab ich meinen Steinen Namen: Phobos und Deimos. Das sind Marsmonde. Aber da es keine Mondmonde gibt, hoffte ich, der Mond, der die Gezeiten macht, würde sich damit begnügen.

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