Montag, 20. Juni 2011

Fremde Körper

[Am 29. Juni ist der erste "Tag des Schreibens". Ich werde darum ein paar Texte ausgraben und teils zum ersten Mal öffentlich machen. Der folgende wurde aus Anlass einer Veranstaltung zum Thema "Fremde Körper" verfasst und dürfte ca. zehn Jahre alt sein.]

O erzählte von ihren beiden farbigen Brüdern und dem Spott, den ihre Landsleute, die Thailänder, ihnen angedeihen ließen. Die Geschichte der O. Während in meiner Heimatsiedlung in einer deutschen Großstadt, sozialer Wohnungsbau mit hohem Ausländeranteil, Mütter ab 28 und ihre Töchter schon mit 15 zur Fettleibigkeit neigen, saß O wie der vielzitierte Strich in der Barlandschaft Pattayas und begrüßte mich, indem sie ein kleines Messer vor sich auspackte. Wie sich auf dem Hotelzimmer herausstellte, trug sie BH-Polster, damit ihre winzigen Brüste – die man in Asien viel häufiger an erwachsenen Frauen sieht als hier – aufgeblasener wirkten. Mir konnten sie nicht klein genug sein, doch O war davon überzeugt, dass wir Ausländer „nom iai“ (große Brüste) bevorzugten. Bald berichtete sie mir von den Brüdern, die ihre Mutter von einem schwarzen US-Amerikaner empfangen hatte. „Kameen“ ist wohl das übliche Schimpfwort der Thais für die allzu Dunkelhäutigen unter ihnen, die nicht selten aus Kambodscha stammen, dem Land der Khmer, das sich einst auch über Siam ausdehnte. Von daher also wehte der Wind.

Da man nicht selten auf dem Lande Geisterglauben antrifft – mein eigenes nächtliches Herumspuken im Hotelzimmer gehört zu den regelmäßigen Vergnügungen in Thailand, sofern ich neben einer Frau schlafe -, war die hartnäckige Abwehr des „Dunklen“ gar nicht so verwunderlich. Folgerichtig werden die Ausländer, die ihren Urlaub in der Sonne brutzelnd verbringen, milde belächelt. Geht man mit einer noch so patenten Thailänderin an den Strand, wird sie sich nur deshalb mit der Sonnencreme ihres ausländischen Begleiters einreiben, weil sie glaubt, das würde ihre Haut verschönern. Garantiert setzt sie sich danach ausschließlich unter den Sonnenschirm, in den Schatten. Gerne zupft sie auch an unserem Körperflaum, denn Asiaten sind an Armen und Beinen nur spärlich behaart. So ist es: Wir wollen braun werden wie sie. Sie weiß wie wir. Wir rasieren uns die Beine, sie hätten gern mal Haare drauf.

In der tiefsitzenden Schwierigkeit, von Natur aus Schwarzen unbefangen zu begegnen, sind wir uns offenbar ähnlich. Kürzlich hätte ich fast ein Blind Date nicht abgesagt, weil ich wusste, sie ist eine Farbige. Würde sie die Absage nicht auf ihre Hautfarbe zurückführen? Hatte sie mir nicht erzählt, dass der Vater ihres Ex-Freundes mal zu seinem Sohn meinte: „Die geht mir hier nicht aufs Klo.“? Jedenfalls habe ich tatsächlich festgestellt, dass Afrikanerinnen anders riechen als Asiatinnen. Und das nicht nur die Hautfarbe, sondern der Geruch eines fremden Körpers über meine Sympathie bestimmt. Und vor  allem: die Form des fremden Körpers. Es ist möglich, sich in ein Volk zu verlieben, weil es voller perfekter Körper ist. Nehmen wir zum Beispiel Beine. Wollen Sie leugnen, dass die Beine von Japanerinnen durchschnittlich kräftiger sind als die Beine von Thais (selbst wenn sich letztere öfter auf Reisfeldern verdingen)? Wollen Sie etwa leugnen, dass, wenn sie von Rasta-Löckchen angetörnt werden, Jamaika paradiesischer ist als Oberhessen?

Wenn wir fremde Körper imitieren, sind wir jedoch meist selektiv. Tätowierungen, die wir uns von australischen Ureinwohnern abschauen, hindern uns nicht daran, auf Minderheiten herumzutrampeln. Wenn wir uns als Frau die Nasenflügel und Lippen durchstoßen, entblößen wir noch lange nicht unsere Brust. Eine Filmemacherin, die unter Brasilianern am Amazonas drehte, erzählte davon, wie die fast nackten Wilden auf der Bekleidung des Filmteams herumgrabschten, um festzustellen, wer von den Fremden Mann und wer Frau war. Unsere Intimzone ist per Intim-Norm auf sechzig Zentimeter festgelegt. Wer uns spontan zu nahe kommt, beunruhigt meist. Ebenso sparsam sind in der Regel unsere Versuche, in die Intimzonen anderer einzudringen, die wir nur flüchtig kennen. Ganz anders wieder die Thais, die einen schon mal bei der Hand nehmen, um einem den Weg zu zeigen, sich selbst aber nur selten küssend in der Öffentlichkeit präsentieren, auch wenn sie verheiratet sind.

Ich habe nie begriffen, warum sich Asiaten beim Chirurgen ihre wundervollen „Schlitzaugen“ rund machen lassen, und warum selbst Comicfiguren in Japan oft westliche Antlitze tragen. Gelingt die Identifikation mit dem fremden Aussehen, dem fremden Körper? Können Sie, liebe Leser, sich denn vorstellen, in Ihren Träumen ein Held zu sein mit dem Aussehen eines Japaners?

Kennen Sie dieses zarte japanische Model, das den erfolgreichen und fetten Sumo-Ringer ehelichte? Glauben Sie da noch an die gute, alte Missionarsstellung? Oder meinen Sie, die beiden seien sich ja schließlich gar nicht fremd, weil sie doch demselben Kulturkreis entstammen? Mir ist das schon fast egal. Neuerdings zieht mich schokoladenbraune Haut magisch an. Mir ist nicht die andere Haut fremd, sondern die andere Form, vielmehr die Form, die ich nicht mag, genauer: die Form, die mich nicht erregt und inspiriert. Fremde Körper sind für mich: dicke Körper. Gibt es ein Trainingsprogramm, das mir hilft? Ich könnte eine schwarze Afrikanerin zur Frau haben und lieben, aber keine Dicke. Was passiert, wenn ich solch ein Trainingsprogramm durchlaufen hätte? Was ist danach ein „fremder Körper“, auf den ich meine Abneigung projiziere? Der alte, faltige? Der kleine, aufgestumpte? Was empfindet ein Blinder, wenn er "faltig", "dick", "klein" oder "groß" fühlt? Hat er die gleichen Aversionen und Vorlieben, oder sind die rein visuellen Ursprungs?

In Kambodscha brachte ich mal eine befreundete Familie in ein von einem japanischen Fotographen neugegründetes Kinderkrankenhaus. Als ich die Familie - für die eine beinahe kostenlose medizinische Untersuchung und Versorgung, wie sie in diesem Krankenhaus angeboten wurde, überraschend war - in ihrer Hütte abholen kam, brachte man noch einen kleinen  Jungen mit einem aufgeblähten Bauch herbei. Das verschmutzte XL-T-Shirt, in dem er steckte, reichte bis zu seinen Fußknöcheln. Er weinte und weinte. Im Krankenhaus nahm mich ein Arzt zur Seite und diagnostizierte bei dem Kleinen vorläufig eine malariabedingte Anämie. „Wenn dem Jungen jemand auf den Bauch schlägt“, so erklärte er mir in Englisch, „werden seine inneren Organe platzen.“ Ein paar Bluttransfusionen könnten vorläufig helfen, doch wir alle hatten uns hier und da schon finanziell verausgabt, so musste der Junge erst einmal in sein Dorf zurückkehren, ohne mit Gleichaltrigen richtig herumtoben zu dürfen. Die aufgeblähten Bäuche, die bisher mein Mitleid erregt hatten, gehörten völlig unterernährten Kindern. Diese Krankheit aber war mir neu. Sie verursachte beinahe Angst, einen fremden Körper zu berühren, von dem mir die Ursache seiner Form nicht bekannt war. 

In Thailand kommt ein Single schnell auf andere Gedanken. Im Taxi nach Pattaya lästert ein Broker (was macht der hier?) über die abstoßenden Nutten und dass er sie nie küssen würde, weil er sich dann Karies holen könne. Ja, Karies sei ansteckend. Auch eine Art, fremde Körper abzulehnen, denke ich, und lasse meine Zunge durch eine Zahnlücke rollen. „In Frankfurt“, entgegne ich, „sind sogar die Auflagen für Syphilis- und Tripper-Tests gelockert worden, weil diese Krankheiten in Bordellen seltener vorkommen als früher.“ So hatte es mir ein Insider erzählt. „Hier hat doch jede zweite Hure Aids“, meint der Broker, doch mir, der ich seit Jahren regelmäßig dort einen Freund besuchte, waren nur zwei Fälle bekannt, beides Transsexuelle, Männer, die zu Frauen wurden, weil ihnen ihr Körper fremd war, und die sich dann doch anders verhielten als die „echten“ Frauen. In Statistiken tauchten sie zwar als solche auf, praktizierten jedoch viel häufiger Analverkehr. In den Krankenhäusern vor Ort herrschte Unverständnis über unsere westliche Aids-Hysterie, eine interessante Übersicht zeigte auf, dass die meisten HIV-Infizierten aus Gegenden kamen, in denen sich kaum Touristen tummeln, der Drogenmissbrauch aber verbreitet ist. Der Körper der „Durchschnitts-Prostituierten“ allerdings, die nicht selten einer kaputten, aber einigermaßen monogamen Ehe entflohen ist, die nicht fixt und deren Kunden aus dem Westen häufiger auf Kondomen bestehen als Einheimische, wird zum neuen Fremdkörper aufgebaut. Von den deutschen Gesundheitsbehörden zwischen den Zeilen, von der Werbung plakativer, von Feministinnen oft vehement. Es ist keinesfalls beruhigend zu sehen, wie auch Frauen fremde Körper schaffen, von denen es sich zu distanzieren gilt. Körper in der Fremde, voller Fremdkörper. Dieselben Frauen womöglich, denen ihre eigenen Körper so fremd sind, dass ihre Freundinnen oder ihre Männer sie ständig deren Attraktivität versichern müssen.

Wenn Sie denken, dass früher alles besser war, möchte ich ihnen sagen, dass es manchmal seltsame Gründe hatte. Lesen Sie den Bericht des chinesischen Gesandten Chou Ta-Kuan, der Ende des 13. Jahrhunderts nach Kambodscha reiste, um die dortigen Sitten und Gebräuche zu studieren, besonders im heute als Weltwunder zu besichtigenden Angkor, wo der König residierte. Hier ist sein Bericht über fremde Körper und was dazu führte, sie als nicht-fremd in die Gemeinschaft zu integrieren. Übersehen Sie bitte nicht, wie man schon damals eine Verbindung zwischen tödlicher Krankheit und Geschlechtsverkehr ziehen konnte ...

„Krankheit und Lepra                                       

Die Kambodschaner heilen sich selbst oft von Krankheiten, indem sie ins Wasser tauchen und sich immer wieder den Kopf waschen. Dennoch trifft der Reisende auf viele Leprakranke. Selbst wenn diese Unglücklichen mit ihren Landsleuten essen und schlafen, wird kein Protest laut. Einige behaupten, Lepra sei eine Folge des Klimas. Sogar einer der Herrscher erkrankte daran, deshalb betrachten die Menschen das nicht als eine Schande. Meine bescheidene Meinung ist, dass die Krankheit entsteht, wenn jemand unmittelbar nach dem Geschlechtsverkehr ein Bad nimmt – eine Angewohnheit, die, wie man mir sagte, hier sehr verbreitet ist. Neun von zehn Fällen von Durchfall enden tödlich. Wie bei uns kann man Arznei auf dem Markt kaufen; von dieser und ihren seltsamen Namen habe ich keine Kenntnis. Es gibt sogar Zauberer, die ihre Kunst an den Kambodschanern ausüben. Äußerst absurd!“ (aus: Sitten in Kambodscha)

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