Mittwoch, 12. Januar 2011

Ko Un: Gedichte (XII)

Tibetische Nacht

Viele Stockwerke oberhalb
jeder anderen Nacht auf Erden
war die tibetische Nacht:
lange.

Lange, das heißt, wenigstens zehnmal zehntausend Jahre lang.

Innerhalb der gärenden Dunkelheit,
wurden Dunkelheiten zu Wein.

Am folgenden Morgen, als der Sonnenschein
hier und da von Eisfelsen schien,
achttausend Meter hoch,
weckte die volltrunkene Dunkelheit
die Nacht um die Nomadenzelte auf.

Seltsam.
Tibet hat keinen Bedarf an Religion,
und doch ist es nichts als Religion.
Om mani padme hum.

Es hat keinen Bedarf an streunenden Hunden,
und doch bevölkern streunende Hunde die Ebenen.
Om mani padme hum.

***
  
Himmelsbestattung

Der Bestattungsort war ein Berg von Kieselsteinen,
auf halber Höhe eines Berges.
Zwischen den Kieseln waren ein paar Minibäumchen emporgesprossen.
Auf einem flachen Stein lag eine erstarrte Leiche.

Das Aufschneiden wurde geschickt erledigt.
Die Därme wurden entnommen.
Dann schnitt der junge Sohn das Herz
wie ein Chirurg heraus und besah es sich,
genau wie die Gallenblase und die Nieren.

Der Kopf wurde so behandelt, wie es sich für einen Kopf gehört,
die Wirbelsäule wie eine Wirbelsäule.
Die Rippen wurden enthüllt und auf eine Seite gelegt.

Eine Knochenflöte blasend, ging der Liturg den Hügel hinab.
Sobald er weg war,
landete von oben ein riesiger Geier,
rollte seine Flügel ein und begann zu fressen.
Ein Weilchen später kam ein großer Rabe
und fraß seinen Teil.
Dann folgten andere Vögel.

Der Wind blieb nicht stumm, sondern erhob sich
und fegte heftig über den Hang.

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