Freitag, 7. Januar 2011

Ko Un: Gedichte (X)

Lied für ein Baby

Wenn die Welt keine Babys hätte,
dann gäbe es überhaupt keine Welt.
Ein einjähriges Baby schwankt
und hockt sich dann auf seinen Hintern.
Solch ein Tag ist wirklich die gesamte Welt.

Wenn die Welt keine Babys hätte,
dann gäbe es überhaupt keine Welt.
Das Baby schreit in der Nacht.
Solch eine Nacht ist wirklich die gesamte Welt.

Wenn die Welt keine Babys hätte,
dann gäbe es überhaupt keine Welt.
Schnell wachsend,
deutet das Baby darüber hinaus.
Darin liegt wirklich die gesamte Welt.

***

Im Haus von Prabhutaratna

In den Aufzeichnungen des Lotussutra heißt es,
Shakyamuni Buddha habe die Welt verlassen,
nachdem er achtzig Jahre barfuß durchs Ganges-Tal gewandert war,
sei gen Himmel gefahren
und habe Prabhutaratna Buddha in seiner Residenz besucht.
Die beiden wohnten fortan zusammen.
Prabhutaratnas Gesicht leuchtete mehr als zuvor,
und auch das Gesicht seines Gastes Shakyamuni
strahlte außerordentlich hell.
Die beiden kamen gut miteinander aus.
Dann verkündete ein Bodhisattva,
Prabhutaratna sei der Shakyamuni der Vergangenheit,
während Shakyamuni der Prabhutaratna der Gegenwart sei;
also wurden die zwei vollständig eins.
Die Neuigkeit verbreitete sich im Himmel und auf Erden.
Alle Überbleibsel von Shakyamuni Buddha,
die in verschiedenen Gegenden verstreut waren,
erhoben sich gen Himmel
und wurden ein Buddha.
Die Residenz von Prabhutaratna Buddha,
in der man viel zu bereden hatte,
wurde plötzlich sehr still.
Ein Buddha zu sein kann offenbar recht langweilig sein.
Also fing er an, mit unterschiedlichen Sternen zu schlafen,
in einer Nacht mit diesem, in der anderen mit jenem.
Ein armes Kind drunten auf Erden
sah jede Nacht hoch,
wie die Sterne den Himmel durchstreiften.

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