Montag, 6. Dezember 2010

Ko Un: Gedichte (VIII)

Irgendwo Unbekanntes

Geh
nach Irgendwo ins Unbekannte.

Nicht Amerika,
nicht Indonesien.

Verlass
deine Alltagsroutine,
deine unverzeihlichen Gewohnheiten.

Geh
zur Neuheit von Worten, die Babys erfinden,
der Neuheit, die Omas „alupa“ nennt,
ja, an den Ort, wo selbst eine Großmutter
etwas Neues ist,
an jenen unbekannten Ort,
geh,
wirf all deine Erinnerungen und Wörterbücher fort,
selbst deine leeren Hände.

Geh,
denn das Fortgehen ist die ursprüngliche Geburt
jenseits der Wiedergeburt.
Geh!

***

Eine kurze Biografie

Hin und wieder träume ich.
Wenn ein Pelikan den Indischen Ozean überquert hat,
träume ich.
Wie mein Vater daheim zu träumen pflegte
in der Dunkelheit, wo das Licht nach Sonnenuntergang verschwindet,
so träume ich.
Aus Träumen erwacht,
bin ich so lebendig wie eine Starkstromleitung, die im Wind summt.

Lange habe ich Träume zurückgewiesen.
Selbst in meinen Träumen
kämpfte ich gegen die Träume an.

Mehr noch,
ich lehnte jede Art von Fantasie ab,
jedes Konzept, das ein Zeitalter bestimmte.
Die Dinge sind, wie sie sind,
das ist alles.

Dann erkannte ich,
des Nachts auf dem Ozean leuchtend,
ein Meeresleuchten.
Ich sah des Meeres weiße Zähne
schwach schimmern,
als sie in der Dunkelheit begraben waren.

Die Dinge, wie sie sind,
das ist alles, was es gibt.
Ich sah ein Meeresleuchten,
das schimmerte, dann verschwand,
wie das Einssein
eines Neugeborenen mit seiner Mutter.

Nun erkenne ich Träume an.
Die Dinge, wie sie sind, das ist nicht alles.
Ich träume.
Gestern
ist nicht heute;
heute
ist nicht morgen.
Ich träume von morgen.

Ah, diese Welt ist das Grab unserer Erfahrung.

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