Montag, 13. Dezember 2010

Ko Un: Gedichte (VII)

Eine alte Frau spricht

Ich zog von Sungdu-ri fort, als ich heiratete
und lebte hier im Dorf meines Mannes
fünfzig Jahre lang.

Ich arbeitete auf dem Feld,
mistete den Schweinestall aus,
klapperte in der Küche mit Geschirr.
Was immer die Arbeit war,
ich genoss sie.

Ich genoss sie,
ja, ich genoss das alles.

Es gab nichts,
was mein Körper nicht tun wollte.
Meine Mutter war genauso.

Mutter war klein,
sie wurde beinahe die Ehefrau des Dorfzwerges –
dann traf sie einen Mann wie ein Totempfahl,
und ich wurde geboren.

Neun andere folgten,
sechs starben, drei kamen durch.
Wir vier sind nun
in alle Richtungen verstreut,
in Ch’onan,
P’yongt’aek,
Kongdo,
sind alle grauhaarig und zahnlos geworden.

Ach, da, schau nur: Ein Drache
hat sich in den Zweigen des Dattelbaumes verfangen.
Solche Dinge machen mich nun glücklich.

***

In einer Straße

Bist du je
eine andere Person gewesen?
Bist du je
eine andere Person gewesen? Heute
hab ich nichts als Fragen.
Wenn du sagst, du seiest nie eine andere Person gewesen
seit du geboren wurdest, wie kann da
ein Windhauch dieser Welt
es je wagen, dein Haar zu berühren?

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