Montag, 20. Dezember 2010

Ko Un: Gedichte (IX)

Ein gewisses Entzücken

Was ich jetzt denke
wurde bereits gedacht
von einem anderen,
irgendwo in dieser Welt.
Weine nicht.

Was ich jetzt denke,
das denkt gerade
ein anderer,
irgendwo in dieser Welt.
Weine nicht.

Was ich jetzt denke,
das wird ein anderer denken,
irgendwo in dieser Welt.
Weine nicht.

Was für eine entzückende Sache.
In dieser Welt,
irgendwo in dieser Welt,
wurde ich gemacht
und verband unzählige Selbst.
Entzückend, gewiss.
Ich wurde aus unzähligen Selbst gemacht.
Weine nicht.

***


Die noch unbereiste Straße

Sag nie, du hättest dein Ziel erreicht.
Auch wenn du tausend Meilen hinter dir hast,
ein noch längerer Weg liegt vor dir.
Während du nach Sonnenuntergang
wie ein Tier schläfst,
liegt da ein noch längerer Weg vor dir.
Dein ständiger Gefährte, die Einsamkeit,
ist nicht bloß Einsamkeit: Es ist nichts anderes
als die Welt
und der Weg vor dir,
eine niemandem bekannte Welt.
Ein Wind kommt auf.

***

Trauer

In meinem Heimatdorf starben zwei Rehkitze,
im selben Augenblick von Pfeilen der Jäger erlegt.
Ihre Mutter kam herbeigesprungen,
umkreiste den Platz, ganz außer sich,
und fiel dann tot um.
Kein Pfeil berührte sie,
sie fiel einfach tot um.

Als man die Rehmutter aufschnitt,
fand man ihren achtzehn Meter langen Darm
zerrissen
von der Trauer um den Verlust ihrer Kitze.

(…)

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