Mittwoch, 22. Dezember 2010

Dogen: Daibutsuji Goroku (X)

Am achten Dezember, an dem man eine Zeremonie in Erinnerung an Shakyamunis Erlangen der Buddhaschaft abhält, sprach Dôgen in der Vortragshalle: „Der Buddha Shakyamuni, der sechs Jahre lang asketische Übungen in der säkularen Welt vollzog, trat unbewusst in die Pflaumenblüte[1] ein und erkannte den Morgenstern. Seltsamerweise erhob sich in diesem Moment von der Pflaumenblüte der Frühlingswind, und rote und weiße Blüten hingen stolz an ihren Ästen. Ältere Mönche! Wollt ihr wissen, wie man diese Erleuchtung verwirklichen kann? Zunächst erkennt man den Weg durch die Worte ‚Körper und Geist fallen lassen‘, die von Zen-Meister Tien-tung stammen. Dann erfasst man das eigene Buddha-Auge, indem man das Wirken meiner Faust begreift. Mit den übernatürlichen Fähigkeiten der Weisheit dieser Faust könnt ihr fühlende Wesen führen und retten. Sofort könnt ihr einen leuchtenden Morgenstern erkennen oder euren gesamten Körper unter einem bo-Baum dem Zazen hingeben, die Identität von ‚nehmen‘ und ‚lassen‘ klären oder die dreiunddreißig Patriarchen[2] mit euren eigenen geöffneten Buddha-Augen sehen. Inwiefern aber befindet sich das Leben des Bhagavat[3] in euren Händen? Wollt ihr ihn sehen?“
   Dann erhob Dôgen seine Faust, öffnete sie, spreizte die Finger und sagte nach einer kurzen Pause: „Ihr habt den Bhagavat bereits gesehen.“
   Nach einer Weile sagte er: „Jetzt den Morgenstern zu sehen und den Weg zu erkennen bedeutet, Haferschleim wie ein Tathâgata zu essen.“


[1] Symbol für die Erleuchtung.
[2] Von Mahâkâshyapa bis Hui-nêng.
[3] Ein Ehrentitel für Buddha Shakyamuni mit der Bedeutung „der von der Welt Geehrte“ bedeutet, d.h. einer, der es wert ist, verehrt zu werden, weil er sich aller Illusionen und Befleckungen entledigt hat.

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