Donnerstag, 16. Dezember 2010

Dogen: Daibutsuji Goroku (VIII)

„Wenn der Herrscher nur wenige weise Menschen hat, sucht er in Berg und Tal nach einem Fähigen. Der Herrscher des Staates Chin fand Pai-li-chi[1] und überließ ihm das Regieren. Der Herrscher Wu des Staates Yin fand Chuan-shi-yen und machte ihn zum Berater der Verwaltung. Das waren hervorragende Beispiele in der Vergangenheit. Wir wissen genau, dass die Felder und Berge nicht ohne fähige und weise Menschen sind.
   Ihr Übende begebt euch selbst in Berge und Felder und geht einen friedvollen Weg. Darum dürft ihr Laien und Höflingen nicht unterlegen sein. Dennoch kommt ihr in eurer Geistesart noch nicht an sie heran.
   Wie könnt ihr glauben, heiligen und weisen Mönchen in euren Handlungen gleichzukommen? Ihr vernachlässigt das Studium des Weges zu sehr. Wie schändlich und beklagenswert! Ihr müsst verstehen, dass die Zeit wie ein Pfeil dahinfliegt und euer Leben nur schwer aufrecht zu erhalten ist. Wenn ihr den Weg so studiert, als müsstet ihr euren Kopf vorm Verbrennen retten, dann erfasst ihr nicht nur die ursprüngliche Natur Buddhas, sondern auch das Mark von Bodhidharmas Lehre.
   Als Subhûti[2] seine Schale zu Vimalakîrti-nirdesha[3] brachte, füllte dieser sie mit gekochtem Reis und sagte: ‚Wenn du Buddha verleumdest, die Lehre tadelst und dich weigerst, in die buddhistische Gemeinschaft einzutreten, dann nimm diesen Reis.‘ Subhûti verstand jedoch nicht und ging ohne die Schale weg.
   Zweitausend Jahre lang hat niemand die wahre Bedeutung dieser vorzüglichen Geschichte verstanden. Stets wurde gesagt, Subhûti habe nicht verstanden, nie jedoch, dass Subhûti es erfasst habe. Ich werde alte tugendhafte und weise Mönche fragen, ob sie dieses Kôan über Subhûti, der ohne seine Schale wegging, verstanden haben. Das tat Subhûti zwar, aber seine Stimme erschallte fortan unaufhörlich bis heute wie Donner, alle Stimmen und Fahrzeuge der Shrâvakas, Pratyeka-Buddhas[4] und Bodhisattvas überschreitend. Vimalakîrti-nirdesha scheint also taub für diese Stimme gewesen zu sein.
   Ich werde Vimalakîrti-nirdesha fragen, ob er die unbeschränkte Stimme Subhûtis gehört hat oder nicht, wie sie sagte: ‚Ich verleumde den Buddha, tadele die Lehre und weigere mich, in die buddhistische Gemeinschaft einzutreten.‘ Wenn Vimalakîrti dies bestätigt, werde ich ihn ein oder zwei kalpa[5] lang mit erhobener Reisschale in der Hand warten lassen. Anstelle von Vimalakîrti werde ich Subhûti antworten: ‚Bring mir noch eine Schale voll mit Reis, die den Buddha verleumdet, die Lehre tadelt und den Eintritt in die buddhistische Gemeinschaft verweigert, und ich werde sie annehmen.‘ Will Vimalakîrti dann etwas antworten, werde ich ihm die Schale abnehmen und unverzüglich weggehen.“


[1] 7. Jh. v. Chr., leitete sieben Jahre lang Regierungsgeschäfte.
[2] Ein der zehn Hauptschüler Buddhas, der sich durch sein Verständnis der Leere (shûnyata) hervortat.
[3] Ein reicher Laie aus der Zeit Buddhas.
[4] Diejenigen, die Erleuchtung ohne Lehrer, meist durch Schriftstudium, erlangt haben und nicht das Ideal verfolgen, andere zu erretten.
[5] Der Zeitraum, den ein weibliches Himmelswesen benötigt, um einen Stein mit mehreren Kilometern Durchmesser abzutragen, indem sie ihn alle drei Jahre mit dem Stoff ihres Gewandes reibt.

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