Dienstag, 21. Dezember 2010

Dogen: Daibutsuji Goroku (IX)

Einst sagte der tugendhafte Mönch Hung-chih[1] am Tag der Wintersonnenwende, als er Hauptmönch auf dem Berg Tien-tung war, in der Vortragshalle: ‚Dies ist der Tag, an dem die längste Nacht vorbeigeht und ein längerer Tag beginnt.‘
   Wenn die Wirkung eurer Übung sich erfüllt, dann wandelt sich Täuschung in Erleuchtung. Ihr genießt völlige Freiheit jenseits eures unterscheidenden Geistes, so wie ein blauer Drache seine Knochen umbildet und dann schneller fliegt oder ein schwarzer Leopard den Nebel durchdringt und seine Farbe wechselt, und so wie ihr eine Perlenkette aus den Knochen der Buddhas der drei Zeiten macht. Ihr sollt nicht sagen, dass hell für dunkel das ist, was die Sonne für den Mond ist. Selbst wenn ihr Ausgewogenheit auf dem Weg erlangt habt, übertrifft diese mein freies Wirken von teuer verkaufen und billig einkaufen? Zen-Mönche! Versteht ihr, dass das leuchtende Juwel auf einer Diele auch rollen wird, ohne berührt worden zu sein?“
   „Hier eine andere Geschichte. Hsüeh-fêng fragte einen Mönch: ‚Wohin gehst du?‘ Dieser sagte: ‚Waschen.‘ Hsüeh-fêng sagte: ‚Du kannst gehen.‘ Yün-men kommentierte: ‚Hsüeh-fêng erkennt, was einen Menschen durch seine Worte ausmacht.‘ Hung-chih meinte: ‚Unterscheide nichts. Wenn doch, gebe ich dir dreißig Schläge mit dem Warnstock. Warum? Weil ein weißes Juwel makellos ist, doch wenn man Buchstaben hineinritzt, verliert es seinen eigenen Glanz.‘
   So waren die Worte dieser drei hohen Mönche. Doch ich würde es anders ausdrücken. Mönche! Ihr müsst mir deutlich zuhören und tief darüber nachdenken. Ein weißes Juwel hat tatsächlich keinen Makel, doch wenn man es fein poliert, dann wird es noch mehr Glanz ausstrahlen. An diesem glückverheißenden Tag der Wintersonnenwende schreitet das Verdienst eines tugendhaften Mannes weiter voran. Dies ist nicht nur für Laien ein glücklicher Tag, sondern auch für Buddhas und Patriarchen. Gestern wurde der Tag kürzer wie der Schatten einer Linie, und die längste, verneinende Nacht kam schnell an ein Ende. Heute wurde der Tag länger wie der Schatten einer Linie, er tauchte bejahend auf und spendete allen Dingen Leben. Die Mönche singen und klatschen in die Hände, während Buddhas und Patriarchen vor Freude darüber tanzen, unverzüglich das Reich des Bud-dhas Bhîshmagarjitasvararâja[2] überschritten zu haben. Es gibt keinen Grund, an den vier Jahreszeiten festzuhalten. Diese Sicht ist das Leben heiliger und weiser Mönche und ebenso die Essenz von Menschen und Himmelswesen. Dennoch ist sie den Nasenlöchern Buddhas[3] oder Mahâkâshyapas Augäpfeln noch nicht ebenbürtig. Wollt ihr diesen glücklichen Tag verwirklichen?“ Daraufhin zeichnete er mit seinem hossu einen Kreis in die Luft und sagte: „Schaut her!“
Nach einer Weile sprach er weiter: „Selbst wenn man Pflaumenblüten im Schnee leicht erkennen kann, frage ich: Woher kommt diese bejahende Wintersonnenwende?“


[1] 1091 – 1157, Nachfolger von Tan-hsia Tzu-chun; soll mehr als zwölfhundert Schüler gehabt haben.
[2] Steht für die Zeit.
[3] Der ursprünglichen Natur.

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