Donnerstag, 2. Dezember 2010

Dogen: Daibutsuji Goroku (II)

   „Einst gab es bei einem buddhistischen Treffen mit Zen-Meister Tzu-ming Chu-yüan[1] eine Diskussion um ein großes und ein kleines Kloster. Der alte, tugendhafte Mönch konnte solche Worte sprechen, ermangelte aber des Buddha-Auges. Erklärt mal, was ein großes Kloster ist und was ein kleines. Ihr dürft einen großen Tempel mit vielen Mönchen nicht großes Kloster nennen und einen kleinen Tempel mit wenigen Mönchen nicht kleines Kloster. Wenn ihr Klöster nach der Größe ihrer Gebäude oder der Anzahl ihrer Mönche beurteilt, ist diese Diskussion nutzlos. Ein großer Tempel mit vielen Mönchen, in dem es keinen bodhi-suchenden Geist gibt, ist ein kleines Kloster. Ein kleiner Tempel mit Mönchen, die den bodhi-suchenden Geist besitzen, ist hingegen ein großes Kloster. Es ist so wie bei einem großen Land, das einen heiligen Herrscher und weise Gefolgsleute hat und nicht einfach nur ein großes Volk und viel Land.
   Die buddhistische Gemeinde von Zen-Meister Fêng-yang Shen-chao[2] bestand aus nur sieben oder acht Mönchen. Chao-chou hatte weniger als zwanzig Mönche, Yueh-shan[3] nur zehn, doch sie hielten jeden Abend ihre Ansprache für die Mönche. Neuerdings kommen fünfhundert, siebenhundert oder gar tausend Mönche in einem Tempel zusammen, doch keiner von ihnen ist ein würdiger Schüler mit bodhi-suchendem Geist. Wie könnten wir einen solchen Tempel vergleichen mit dem Yueh-shans, Chao-chus oder Fêng-yangs? Zuletzt gab es deshalb auch keine Abendansprachen und Zeremonien mehr. Da kommt mein verstorbener Lehrer Ju-ching gerade recht. Dies ist eine Gelegenheit, die wir nur einmal in tausend Jahren bekommen. Nun herrscht das Zeitalter des verfallenden Buddhismus, doch die Regeln seines Klosters sind die strengsten. Um Mitternacht oder abends nach dem Essen, ganz unabhängig von der Zeit, wird eine Trommel geschlagen, um die Mönche in sein Zimmer zu rufen, wo er den Dharma ausgiebig darlegt. Oder die Trommel erläutert behelfsmäßig selbst den Dharma, während die Mönche sein Zimmer betreten. Manchmal schlägt er selbst auf ein Holz in der Meditationshalle, erklärt ausgiebig den Dharma in der shôdô[4]-Halle und kehrt dann in sein Zimmer zurück. Manchmal schlägt er die Holztafel vor dem Zimmer des Hauptschülers, legt ausführlich den Dharma dar und kehrt dann in sein Zimmer zurück. So gibt er ein unerreichtes Beispiel. Ich werde nun die Abendansprache als buddhistischer Sohn Jun-chings halten. Dies geschieht zum ersten Mal in Japan.
   Tan-shia[5] erzählte einmal: ‚Tê-shan[6] sagte zu einigen Mönchen: ‚Meine Sekte hat keine Worte und auch sonst nichts, was sie anderen geben könnte.‘ Seine Worte bedeuten, dass einer ins Gras läuft, um einen herausragenden Menschen zu finden, dabei aber nicht bemerkt, wie sein ganzer Körper mit Schlamm beschmutzt wird. Wenn ich seine Worte betrachte, finde ich ihn lediglich mit Buddhas Auge ausgestattet. Ich würde stattdessen sagen: ‚Meine Sekte besitzt vollständige Worte, die ich nicht einmal mit einem goldenen Schwert öffnen könnte. Dies ist der Bereich, in dem eine unfruchtbare Frau des Nachts ein Baby gebärt.‘‘
   So sprach Tan-shia. Seine Augäpfel können den vernünftigen Tê-shan durchdringen und freimütig über Buddhas und Patriarchen der Vergangenheit und Gegenwart lachen. Wenn ich Tan-hsia wäre, würde ich dennoch anders antworten. Ihr alle hier, wollt ihr mich hören?“
   „Meine Sekte hat nichts zu sagen. Geist und Mund sind sich Feind. Wenn ich es anderen darlege, möge ich als Esel oder Pferd wiedergeboren werden.“


[1] 987–1040, Nachfolger von Fêng-yang Shen-chao.
[2] Nachfolger von Shou-shan Shêng-nien.
[3] 750–839, Nachfolger von Shih-tou Hsi-chüan.
[4] Eine kleine Halle zwischen der Meditationshalle und dem Waschraum, wo gelegentlich ein Hauptschüler (shuso) anstelle des Hauptmönches den Dharma erläutert.
[5] 739–824, Nachfolger von Shih-tou Hsi-chüan, der aus dem Kôan bekannt ist, in dem er eine hölzerne Buddha-Statue verbrennt.
[6] 782–855, Nachfolger Lung-tan Chung-hsins und Kenner des Diamant-Sutras.

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