Montag, 29. November 2010

Ko Un: Gedichte (VI)

Erinnerungen an Gräber

In meiner Jugend war ich stark von Gräbern fasziniert,
besonders den sechshundertachtzig 
   auf dem Zentralfriedhof von Hwangdung.
Auf meinem Nachhauseweg pflegte ich
auf dem Sarabong-Friedhof auf der Insel Cheju einzuschlafen.
Ich machte daraus eine Gewohnheit, neben den Gräbern zu schlummern.
Das sprach sich herum
und die Leute begannen, mich den Sarabong-Geist zu nennen.

Wenn jemand gestorben war und ein neues Grab auftauchte,
fühlte ich mich so glücklich.
„Da bist du ja endlich!
Willkommen, Freund!
Nirgendwo geht’s dir so gut wie hier“, sagte ich.
So glücklich war ich.

Bei Einbruch der Nacht
trank und trank ich,
bis ich völlig betrunken war.
So wurde ich neben einem neuen Grab ohnmächtig 
   und machte mein Nickerchen.
Einmal biss mich in der Dämmerung ein Tausendfüßler.
Eine Woche lang schmerzte meine eine Gesichtshälfte
und schwoll auf die Größe eines Kürbis an.

Als Novize verbrachte ich einst
auf dem Weg zum Mirae-Tempel in Tongyong
einen halben Tag auf einem Friedhof.
Ich vergaß völlig, auf welchem Botengang ich war.
Später tadelte mich der Obermönch schwer.

Seitdem sind Jahrzehnte vergangen
und nun habe ich erkannt:
Tiere machen keine Gräber.
Insofern sind Tiere besser als Menschen,
denn sie hinterlassen keine Grabstätten.
Sie sind sogar besser als Götter,
und hundert Mal besser als ich.

(…)

***

Scheiße

Unter dem Busch
schiss der Hund.
Er hob seinen wedelnden Schwanz
und schiss.

Hier drüben
schiss ich und fühlte mich wohl.

Ich fühl mich wohl, ich fühl mich wohl.
Später erkannte ich:
das war nicht ich.
Es war nicht ich, es war der Hund,
der schiss.

Nun, wo ich’s weiß, fühl ich mich glücklich und traurig zugleich.

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