Sonntag, 7. November 2010

Ko Un: Gedichte (II)

Grenzen der Meditation

Vor ein paar Tagen kam ein Toter aus seinem Grab zurück.
Mit dem gleichen alten Lächeln, seine Kleidung aus der Asche erneuert,
legt er Rechenschaft über sich ab. 
   Um ihn leuchtet ein verschwommenes Licht.
Er spricht sich aus, geht dann wie ein Zeichen davon.
Mein junger Bruder neben mir verabschiedet ihn, 
   mit gereinigtem Körper und Geist.

So verbringen wir jeden Nachmittag, begrüßen und verabschieden uns.
Gelegentlich höre ich die Toten Koreas reden.
Ich denke, dass sie ein paar Dinge auslassen.
Wie könnten sie alles in einer kurzen Auferstehung offenbaren?
Ihre Geschichte von dem, was vor und nach ihrem Tod geschah,
enthält mehr, als ein paar Worte ausdrücken könnten.

(…)

Jeden Nachmittag empfangen und verabschieden wir 
   Gäste aus dem Jenseits der Gräber.
Das Licht jenseits des Fensters ist eine Sonnenuhr, 
   die uns die Zeit verrät.
Jedes Wort, das mein Bruder von den Toten hört,
wird zunächst an der Sonne getrocknet, dann aufbewahrt.
Wahrlich, diese Welt ist die jenseitige Welt, riesig und weit;
diese Welt ist ein Grab.
Lass uns morgen die, die kommen, nicht zurückschicken,
   lass sie mit uns zusammenleben.

***

Verse

Ich möchte ihr einen Sahnebonbon kaufen,
doch ich habe keine Tochter,

als ich im Herbst an einem Laden vorbeikomme.

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