Montag, 19. April 2010

Sawakis Dharma-Erbe Sodo Yokoyama (Teil 5)

Wenn er sich unterhält, benutzt Yokoyama oft die Worte „Roshi sagte“ oder „in Roshis Rede“ und bezieht sich damit auf Kôdô Sawaki. Zwei Jahre, von 1940 an, blieb Yokoyama im Sôji in Tsurumi. Zu jener Zeit begann er offenbar, Kôdô Sawaki zu folgen, und er war seinem Lehrer von ganzem Herzen ergeben. Der Geist, dem Sawaki den Spitznamen „Landstreicher Kôdô“ verdankte, schien in seinem Schüler weiterzuleben.
   Yokoyamas Sicht des Universums ist, dass es nie verstanden werden kann, wir können seine Natur nie erfahren, und wenn wir diese Tatsache erkennen, können wir nur noch glauben. Dieser Glaube, sagte er, ist der Glaube des Universums.
   Sein Schüler Jôkô arbeitete als temporärer Büroangestellter, während er seiner religiösen Praxis folgte. Ich fragte ihn: „Was veranlasste dich, unter Roshi zu üben, und warum bist du zu ihm  in den Park gegangen?“
   „Als ich im Antai übte, hielt Roshi einen Vortrag. Er erklärte, was Zazen ist. Als ich ihn im Zazen sitzen sah, dachte ich, dass ich unter ihm üben sollte, darum meldete ich mich an. Das war auch schon alles.“
Als ich das hörte, schaute ich wieder hoch auf die Photografie des Roshis in der Zazen-Haltung. Ich musste zustimmen. „Natürlich! Das macht Sinn!“
   „Roshi, übst du noch so Zazen im Park?“
   „Das tue ich. Einmal, als ich dort saß, kam eine ältere Frau zu mir und sagte: „Wie realistisch dieses Männchen aussieht!“, und wollte mich berühren. Ich sagte: „Ich übe Zazen, gnädige Frau“, und sie antwortete: „Ach du lieber Gott!“ Yokoyama imitierte sie in einer Fistelstimme und brüllte vor Lachen.
   Ich musste seine Zen-Haltung sehen. „Roshi, bitte erlauben Sie mir, Sie morgen wieder in Kaikoen zu besuchen.“

Am folgenden Tag war der Himmel wieder klar. Es war Sonntag, und ich kam etwas nach zehn. Eine kleine junge Frau saß auf dem Platz, den ich zuvor besetzt hatte. Yôkô war ebenfalls anwesend. Roshi stellte mich der Dame vor und meinte: „Danke, dass Sie gestern Abend bei uns waren. Diese jungfräuliche Prinzessin kommt von der Ibaragi-Präfektur. Sie brachte mir dies, von ihr Mutter gemacht“ – und er zeigte mir eine mit Baumwolle gefütterte Jacke. Sie war schwarz und ich hatte sie über seinen schwarzen Roben nicht bemerkt. Ich drehte mich der Jungfrau zu und meinte: „Ihre Mutter muss ein Fan sein.“
   „Es ist ein Geschenk für Roshis siebzigsten Geburtstag. Meine Mutter webte sie auf ihrem Webstuhl. Ich habe es nicht zu seinem Geburtstag geschafft, dem ersten September. Unser Zuhause ist ein Tempel der Sôtô-Sekte. Da er außer dem Tempel noch eine Familie hat, kann mein Vater nicht wie Sodô-sama leben. Meine Mutter sagt: ‚Es gibt keinen reineren Mönch als Sodô-sama’“.
   „Lasst uns Zazen üben“, sagte Yokoyama. „Ich werde mein okesa (buddhistische Robe) anziehen.
   Als er sein okesa ausbreitete, welches er aus einer seidenumwickelten Tragetasche genommen hatte, war es ziemlich groß. Mit Jôkôs Hilfe zog er es fest. Auf seinem Kissen Platz nehmend, war seine Haltung perfekt. Er hatte diese Haltung mit wahrer Eleganz eingenommen. Dann begann er zu sprechen:
   „Die Zazen-Haltung ist die Haltung des Nicht-Denkens, des Nicht-Begriffe-Bildens. Es geht nicht um eine Person, die sitzt. Versuch nie, die Gedanken anzuhalten. Täuschung bleibt, wie sie ist. Was können wir mit Täuschungen tun? Können wir sie zum Zocken in der Pachinko-Stube benutzen? Fürs Zazen? Lasst uns zehn Minuten sitzen.“
   Jôkô ruhte in seiza (dem Fersensitz) und übte Zazen. Die junge Frau neben mir tat dasselbe. Ich streckte das Rückgrat, zog das Kinn ein und wurde auf meine Art aufmerksam. Los gehts! Daran denkend, dass es in Ordnung war, illusionsbehaftete Gedanken sein zu lassen, fühlte ich mich wohl. Ich dachte: „Diese Reisenden müssen sich fragen, was auf Erden wir hier tun.“ Dann: „Ich tue dies in meiner eigenen Welt.“ Und: „Wie ruhig!“ und: „Das ist wahre Läuterung.“ In der Zwischenzeit waren zehn Minuten vergangen.
„Zazen ist die höchste und edelste Haltung für den Menschen. Es ist ein lebendes Porträt. Es ist Bildhauerei. Darum ist das Hauptstandbild (der Buddha) in der Zazen-Haltung.“
  Jôkô erklärte: „Es ist etwas früh, doch wir sollten anfangen, die Nudeln zuzubereiten“, und die Vorbereitungen begannen. Wir brauchten nun nicht nur Wasser für Tee, sondern einen großen Topf und ein starkes Feuer. Roshi brach Zweige, verstaute sie unter dem Topf, und bald stieg weißer Rauch auf. Der Wind blies in meine Richtung und meine Augen begannen zu brennen. Es dauerte eine Weile, bevor das Feuer richtig brannte.
   Ganz plötzlich kam mir ein Gedanke. Ich hatte gehört, dass einige, die kommen, um den Roshi beim Spiel auf dem Blatt zuzuhören, eine Spende gaben, und zu solcher Gelegenheit schrieb er schnell etwas auf ein Blatt Papier und reichte es ihnen im Gegenzug. Ich hatte diesen eleganten Tausch gestern nicht beobachtet, darum fühlte ich ein plötzliches Bedauern.
  Von der anderen Seite des weißen Rauchs sagte Roshi: „Wenn du an deine menschliche Form anhaftest, bekommst du Ärger. Was du auch tust, du wirst Sorgen haben und auf ewig wird es keine Hoffnung auf Befreiung geben. Lässt du dagegen deine menschliche Form los, wirst du nichts brauchen. Du wirst wie Himmel und Erde sein. Himmel und Erde brauchen nichts.“
   Der Wind begann, wieder in meine Richtung zu wehen. Rauch brannte mir in den Augen und tat meiner Nase weh (…)

(Ende)

[Foto: Daihorinkaku; Übersetzung: Melanie Lieberknecht]

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