Dienstag, 30. März 2010

Sawakis Dharma-Erbe Sodo Yokoyama (Teil 4)

Poesie und Lieder

Yokoyama wie auch Ryôkan waren ordinierte Sôtô-Zen-Mönche, doch keiner von beiden leitete einen Tempel oder unterwies Mönche. Stattdessen lehrten sie durch die Art, wie sie lebten. Poesie spielte eine große Rolle in ihrem Leben, und letzten Endes wurde ihr Leben selbst zu ihrem größten Gedicht.

Kyûji Inoue war einer der Bediensteten von Daihôrin, einem großen Buddhismus-Verlag in Japan. Er schrieb Artikel für die buddhistische Zeitschrift des Verlages und leitete die Kunstabteilung. Er interviewte viele religiöse Figuren, und sein Artikel, der seinen Besuch bei Yokoyama beschreibt, gibt ein wunderbares Bild von Sodôs Leben im Park ab.

Der auf dem Blatt spielende Zen-Poet in den Schlossruinen bei Komoro

Die Schlossruinen in Tôson Shimazakis Gedicht „Nahe des alten Schlosses in Komoro“ sind nun ein Park namens Kaikoen. Steinzäune stehen noch hier und da auf dem Gelände. Dem Weg zwischen Bäumen folgend, mit ihren Klecksen von Herbstfarben des frühen Oktobers, fand ich das Objekt meiner Suche im Schatten des Buschdickichts. Fast im gleichen Augenblick schien er mich zu bemerken, und wir winkten einander zu, ebenfalls gleichzeitig.
   „Sie haben mich aus einiger Entfernung erkannt“, sagte ich.
   „Nun, ich habe Ihr Gesicht viele Male in der Daihôrin-Zeitschrift gesehen. Danke, dass Sie den ganzen Weg hierher gekommen sind. Bitte betrachten Sie diesen Tag nicht als Arbeit. Denken Sie einfach von ihm als ein Picknick.“
   Sodô Yokoyama Roshi, hier als der Mönch, der auf dem Blatt spielt, bekannt, legte einen eingedrückten Pappkarton auf den Boden und ein Kissen darauf.
„Bitte, ziehen Sie die Schuhe aus und nehmen Sie Platz. Dies ist mein Drachenschloss, und ich bin Urashima Tarô.*
   Ich muss dieses Drachenschloss beschreiben. Auf der Nordseite befindet sich ein Bambushain, mit einem Wald weit hinten. Der Bambushain blockiert im Winter den Wind und ist eine perfekte Abschirmung von der Sonne. Aufgrund der Lage der Bäume waren wir in einer Art Sackgasse, getrennt von den Leuten, die im Park liefen.
   Dort stand das Drachenschloss. Vor meinem Sitz, den ich den Gästeplatz nenne, gab es einen tragbaren Kocher. Roshis Platz war auf der anderen Seite des Kochers. Darunter war Erde hoch aufgetürmt, um dem Wasser bei Regen das Abfließen zu erlauben. Zwei Stellen nahe einiger Bambusklumpen waren gesäumt von zwei oder drei Platten gewelltem Plastik und Zinn. Verschiedene Werkzeuge waren unter den Platten zusammengepackt, wie eine Art persönliches Schließfach. Auch mein Pappkarton kam daher. Zusätzlich gab es einigen Schickschnack, der fürs Kochen benutzt wurde; alles ähnelte einem Platz, wo Kinder Haus spielten.
   „Alles, was man tun muss, ist zu beschließen, dass wo immer man auch ist, es der beste Ort ist. Sobald man einen Ort mit einem anderen vergleicht, gibt es kein Ende damit.“
   Urashima Tarô erklärte, warum dieser bestimmte Ort sein ganz eigenes Drachenschloss war.
   „Genauso ist es mit der Arbeit. Wenn man beschließt, dass sie die beste ist, dann ist sie es. Nun lassen Sie mich Ihnen Tee einschenken. Der Tee hier ist köstlich.“
   Das weckte meine Erwartungen, doch der Tee kam nicht sofort. Am Boden des tragbaren Kochers blieb ein Stück angezündete Kohle hängen. Roshi brach Zweige und legte sie auf den Kocher, mit einem Zweig als Zange erzeugte er geschickt eine Flamme.
   „Nun, während wir darauf warten, dass das Wasser kocht...“
   Roshi nahm das Blatt, das auf der Wasseroberfläche in einem Teller geschwommen war und hielt es mit zwei Fingerspitzen an seine Lippen. Die Melodie des Blattes, als er „Das Lied vom Herzen eines Reisenden auf dem Chikuma-Fluss“ spielte – ein bisschen traurig, natürlich und gelegentlich zögernd – schwang mit dem Fluss der Herbstluft mit. Auf den Knöcheln sitzend, die Knie gebeugt, während seine linke Hand den Rhythmus auf seinem Schenkel schlug, fuhr er mit den Liedern „Verlassenes Haus meiner Heimatstadt“ und „Lehmhaus“ fort.
   Das Wasser begann in dem kleinen, verbeulten Topf zu kochen. Ein paar Leute fingen an, sich zu versammeln. Er hörte mit dem Spielen auf und warf mit einer anmutigen Bewegung Teeblätter in den Topf.
   Vor meinem Pappkarton auf dem Boden befand sich ein Stück Rinde, von einem Baumstamm geschält. Darauf lagen nebeneinander zwei blasse Kirschblätter, die als Teller dienten. Auf einem lag in Essig eingelegtes Grünzeug und im anderen gab es süße gekochte Kastanien. Zwei Bambusstöcke wurden als Essstäbchen benutzt. Was für einen eleganten, raffinierten Tisch er gedeckt hatte!
   Unter den sanften Sonnenstrahlen des Nachmittags erinnerten Roshis welke, klassische Gesichtszüge irgendwie an den Mönch Ryôkan. Doch ich konnte mich nicht in diese poetischen Eindrücke vertiefen. Als uns zahlreiche Besuchergruppen umgaben und ich ihrem Anblick ausgesetzt war, wurde ich ein wenig – eigentlich sogar sehr – verlegen.
   Zu dieser Zeit entsprang dem Wald der wundervoller Chorgesang einer Frauengruppe, und ich dachte: „Ein Chor, hier?“ Das Lied war „Der rote Drache fliegt in der Dämmerung“. Die Stimmen und das Geräusch des Blattes zogen mich in ihrer Harmonie an, und da fühlte ich, dass ich meine Schüchternheit verloren hatte.
   „Ich habe im Sôtô-Zen-Tempel Antai in Takagamine in Kioto geübt.
   „Als Sie ein junger Mann waren?“
   „Um 1962. Ich war etwa zweiundfünfzig oder dreiundfünfzig.“
Diese überraschende Offenbarung machte es schwierig, mehr über seine Vergangenheit zu erfragen.
   „Nun, wie alt sind sie dann heute?“ Ich begann, an den Fingern zu zählen.
   „Ich bin immer neunzehn“, sagte er lachend. „Ich bin am ersten Tag des neunten Monats des dreiundvierzigsten Jahres von Meiji [1907] geboren worden . . . Früher dachte ich an meine Heimatstadt, wenn ich in Antai zu Bett ging. Ich rezitierte gewöhnlich:

Herbstabend im Bett, an meine Heimatstadt denkend
hatte ich einen Traum – träumte von meiner Heimatstadt.
Weit im Norden der Hauptstadt, an einem Herbstabend
hatte ich einen Traum – träumte von meiner Heimatstadt.

Ich wurde in der Nähe des Kitakami-Flusses geboren.“

   Er meinte, er habe eine Melodie dafür kreiert, sie dann zu seinem Lehrer gebracht, damit dieser sie verfeinere. Yokoyama sang das Lied mit einer tiefen, ruhigen, sanften Stimme. Als er fertig war, wendete er sich wieder seinem Blatt zu und spielte immer wieder darauf.
   Irgendwo in einer nahen Baumspitze begleitete ihn ein kleiner, unsichtbarer Vogel.

   „Es war Herbst. Ich war vom Betteln zurückgekommen und niemand war da. Eine Person sollte am Eingang aufpassen, doch sie war nirgends zu entdecken. Auf die Schiebetür, deren Papier ich gerade erneuert hatte, schien die Sonne von Westen. Eine Gottesanbeterin hatte sich dort niedergelassen. Ich hatte das Gefühl, als hätte sie den Ort für mich bewacht, und ich sagte ihr, wir wären beide Verlassene. Schnell zog ich meine Strohsandalen aus, wusch meine Füße und wollte nach ihr sehen, aber sie war verschwunden. Ihre Wache war vorüber, darum muss sie wohl gegangen sein. Es wurde ruhig.“
   Hier sang Yokoyama ein anderes Lied:

„Sie setzte sich auf eine weiße Schiebetür,
die ich mit Papier bezogen hatte.
Gottesanbeterin des Herbstes, wo ist sie hingegangen?“

   Ich konnte niemanden mehr in der Nähe sehen. Auch hier wurde es still. Eine streunende Katze schrie und lief weg. Plötzlich fühlte ich ein Frösteln in den Beinen und der Hüfte. Das Frösteln drang durch den Boden in meinen Körper ein. Es war vier Uhr.
   „Gegen vier Uhr wird es kühl. Rüsten wir uns zum Nachhausegehen.“
   Yokoyama begann bald, das Drachenschloss zu verschließen. Mit dem tragbaren Kocher anfangend, den verschiedenen Kochutensilien und anderen Kleinigkeiten, brachte er seine zwei persönlichen Schließfächer in Ordnung.
   „Auch wenn es regnet, ist hier alles sicher.“
   Dann fegte er sorgfältig, tat das Essen in Tragtaschen, zog die Sandalen aus und Schuhe an, und wir gingen los auf die etwa zwei Kilometer lange Straße, zu seinem Zuhause. Obwohl ich ein Zimmer in Bahnhofsnähe hatte, in dem ich bleiben konnte, begleitete ich ihn. Gerne nahm ich das Angebot Jôkô Shibatas an, mit ihnen beiden eine vegetarische Mahlzeit einzunehmen. Er war ein unter Yokoyamas Führung übender Mönch, der Klosterkoch in Eiheiji gewesen war, wo er drei Jahre geübt hatte.
   Yokoyama lebte zusammen mit diesem Schüler im hinteren Teil des Erdgeschosses einer zweistöckigen Pension, welche auf einem Feld außerhalb der Stadt stand. Es herrschte eine düstere Abenddämmerung. Es gab lila Pilze, Gingkonüsse und Chrysanthemenblätter – seltene Leckereien, im Kaikoen-Park gesammelt. Sie waren so köstlich, dass sogar ich, dessen Appetit in letzter Zeit zurückgegangen war, ganz dem Essen frönte. Je mehr wir aßen, desto heiterer wurde die Unterhaltung.
   „Zuerst bin ich nicht mit dem Vorsatz hierher gekommen, so zu leben.“
   Yokoyama war um 1958 nach Kaikoen in Komoro gekommen.
   „Zu Beginn legte ich etwas Papier unter eine Kiefer, übte Zazen und spielte auf einem Blatt. Es entwickelte sich ganz natürlich hierzu. Sogar, mich zu diesem Platz zu entschließen, brauchte sechs oder sieben Jahre. Zuerst fühlte ich mich dort nicht wohl. Die Zeit muss stimmen. Du weißt schon, karmische Verknüpfungen.“
Dann sagte dieser märchenhafte Poeten-Priester: „Mein Tempel ist der Tempel von Sonne, Berg und blauem Himmel, und die Erde ist mein Lagerplatz.“
   Seine Welt war nicht bloß ein Drachenschloss, sondern noch außergewöhnlicher, erhabener, großartiger.
  „Blätter gehören zum Universum. Spielst du auf dem Blatt, wird dieser Laut Teil des Sonnensystems. Menschen leben, weil das Universum lebt. Aus Gottes oder Buddhas Sicht sind wir alle am Leben, Punkt. Ob wir leben oder sterben, wir sind auf Ewig mit dem Universum verbunden.“


(* Yokoyama bezieht sich auf eine japanische Volkserzählung, deren Held, ein junger Fischer namens Urashima Tarô, zu einem magischen Drachenschloss im Meer geführt wird. Als er an Land zurückkehrt, sind Hunderte von Jahren vergangen.)


[Übersetzung: Melanie Lieberknecht; wird fortgesetzt]

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