Montag, 8. März 2010

Sawakis Dharma-Erbe Sodo Yokoyama (Teil 3)

Der Punkt ist, dass Yokoyama eine Kraft erfuhr, die spontan und ohne Anstrengung seinerseits aufkam – ein Phänomen, das der „Andere-Kraft-Philosophie“ der Jôdo Shinshû -Buddhisten sehr ähnelt.
  Yokoyama fühlte sich außerstande, sich mit der Außenwelt, der Erwachsenen- welt von Gewinn und Verlust zu befassen. Er fühlte sich dieser Welt nicht zugehörig und fand sich in diesen Gefühlen durch das Leben des Mönchs Ryôkan des achtzehnten Jahrhunderts bestätigt. Als eine der beliebtesten Figuren der Geschichte des japanischen Zen weigerte sich Ryôkan, die erbliche Position des Dorfoberhaupts anzunehmen, die sein Vater auf ihn übertragen wollte. Stattdessen schor er sich den Kopf und unterzog sich der Zen-Übung. Doch auch auf diesem Gebiet weigerte er sich, dem vorgeschriebenen Weg zu folgen, ein Zen-Kloster zu leiten und Mönche zu unterweisen. Da ihm in jeder Niederlassung unwohl war, ob religiös oder weltlich, lebte er in einer strohgedeckten Hütte und bettelte um Essen. An regnerischen Tagen blieb er in seiner Hütte und las chinesische Klassiker, verfasste und schrieb Poesie und meditierte. An klaren Tagen ging er von Stadt zu Stadt zum Betteln, redete, trank mit Bauern und spielte mit Kindern.  
   Als Yokoyama beschloss, „die Welt zu verlassen“, wusste er, dass er auf eine Führerrolle im Zen genauso wenig vorbereitet war wie auf eine in der profanen Welt. Er fand ein Vorbild in diesem Mönch des achtzehnten Jahrhunderts, der für seine Gedichte, Kalligraphie und seinen einfachen Lebensstil berühmt geworden war. Hier war jemand, der seine Art zu leben legitimierte. In einem Brief an einen Freund und Mentor schrieb er offen über diese Gefühle:

"Am Nachmittag des sechzehnten Februars, als ich die Takagaminestraße hinunterlief, ließ ich etwas fallen und zerbrechen, was ich Sawaki Roshi in Ikeda überbringen sollte. Ich konnte nichts weiter tun, als ins Antai zurückzukehren und mich fragen, wie ich so unvorsichtig hatte sein können. An jenem Punkt verstand ich, dass das „Ich“ war. In Unkyô Roshis Schrift ist geschrieben: „Sogar, wenn du auf der Straße läufst, oder das Gesicht wäschst, vergiss nicht das Absolute."
   Darüber nachsinnend kehrte ich zum Tempel zurück. Obwohl ich achtlos gewesen war, gibt es ein anderes Sprichwort: „Er ist zwar dumm, aber dennoch der Erbe“, und noch einen Ausdruck: „Der Dummkopf-Erbe“. Für mich bedeutete das, dass die Törichten die wahren Erben des Universums sind. Ich hatte keine Qualifikationen, die mich berechtigten, einen Gehaltsscheck zu bekommen. Nicht einmal qualifiziert, ein Webergeschäft zu führen, zog ich schwarze Roben an und verließ die Welt [wurde ein Mönch]. Das ist es, was ich nun bin.

   Ich wollte keine Weberei führen. Musste ich am Webstuhl arbeiten, wollte ich das während des Tages tun, und nachts Zazen üben. Ohne Zuhause durch die Welt zu wandern ist nicht einfach, darum zog ich es vor, für ein Zimmer und Verpflegung – und sonst nichts – am Webstuhl meines Bruders zu arbeiten. Ich erklärte diese Pläne meinem Bruder und bat ihn, mir einen Zen-Meditations-Raum zu bauen. Tagsüber arbeitete ich dann am Webstuhl und abends übte ich Zazen, den Rest meines Lebens verbrachte ich in meiner Heimatstadt, Kitakamigawa. Mein Bruder sagte, er sei einverstanden, aber er könne mir statt drei nur zwei Mahlzeiten am Tag geben. Ich meinte, zwei würden ausreichen. Wo ich nun beschlossen hatte, den Rest meines Lebens nahe Kitakamigawa zu verbringen, dachte ich, ich sollte zumindest einem Zen-Treffen beiwohnen und die traditionelle Unterweisung ins Zazen erhalten. So traf ich Sawaki Roshi und fand meine Motivation, Mönch zu werden.
   Wenn ich darüber nachdachte, wer ich war, verstand ich, dass ich nie ein respektabler Mann dieser Welt sein konnte. Wenn ich kein respektabler Mann dieser Welt sein konnte, konnte ich auch kein respektabler Mönch sein. Darum hatte ich nie erwogen, ein Zen-Lehrer zu werden, und aus denselben Gründen mochte ich die Wissenschaft nicht. Aber ich hatte mich für den Weg entschieden, den ich beschreiten würde. Ich hatte kein Bedürfnis nach dem, was andere besaßen, deswegen hatte ich kein Verlangen, mich dem Lernen zu widmen.
   Ryôkan war ein wahrhaft aufrichtiger Mönch, dennoch kam er in der Welt nicht zurecht. Er war sicher kein respektabler Mensch in der Welt. Darum entschloss er sich, nicht einmal als Mönch ein Tempelmeister zu sein. Er wusste, dass er das nicht konnte. Darum lebte er so, wie er lebte. Trotzdem vervollkommnte er die Myriaden Dinge in der Welt des Herzens.
   Auf dieser Tradition basierend sah ich Zazen als „eine mir vom Buddha verliehene Haltung“. Die Myriaden Dinge gingen dann „über das Denken hinaus“ und mein Zuhause wurde zum heiligen Ort. Ob die Menschen in der Welt es übten oder nicht, Zazen war die Art der Welt, die Art des Universums – die Art über das Denken hinaus war die Art der Welt.


[Ausschnitte aus Arthur Braverman: Living and Dying in Zazen, mit freundlicher Genehmigung des Autors. Übersetzung: Melanie Lieberknecht. Die Texte waren schon einmal im "Zenforum" zu lesen. Foto: Daihorinkaku]

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