Samstag, 20. März 2010

Die Freundschaft zwischen Sawaki und Katô Rôshi (Teil 6)

Viele Laienstudenten übten im Engakuji unter Soen Rōshi. Eine Frau, die mir in den Fünfzigern zu sein schien, saß auf dem Kissen neben mir. Eines Morgens, als sie eingenickt war, da sie nicht wach bleiben konnte, kam der Mönch, der die Meditationshalle leitete, mit dem Keisaku vorbei und schlug ihr dreimal auf die Schulter. Der Keisaku gilt oft als Aufweckstock, entwickelt, um Menschen zu helfen, sich auf ihre Meditationspraktiken zu konzentrieren. Ermunterungsstock! So dachte ich. Wird er verwendet, um alte Damen zu schlagen? Meine Reaktion darauf, dass sie geschlagen wurde, mag übertrieben sein, doch mir traten Tränen in die Augen. Ich empfand ihren Schmerz, als wäre es mein eigener.
   Ich trat an jenem Morgen in das Dokusan-Zimmer, mein Köper am Taumeln und mein Kopf schwindelig vom ständigen Wiederholen des mu, und noch immer betroffen von meiner Reaktion darauf, dass die alte Dame mit dem Keisaku auf den Rücken geschlagen worden war. Ich sah zu Rōshi auf und lächelte. Was mich dazu bewog, kann ich nicht sagen, vielleicht die Erleichterung, meinem Meditationskissen entkommen zu sein und meine Verwirrung dort zurückzulassen. Ich sagte nichts und hatte keine Ahnung, wie Rōshi reagieren würde.
   „Gut“, sagte er. „Nun benenne mir Dinge, die mu sind!“
   Es schien offensichtlich, was er wollte, also begann ich, verschiedene Dinge im Raum aufzuzählen – den Tisch, die Lampe, Rōshi ...
   Soen nickte mir anerkennend zu und gab mir mein nächstes Kōan. Bis dahin hatte ich nicht begriffen, dass er mir glaubte, mein Kōan gelöst zu haben. Nach nur einer Woche! Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Ich war noch verwirrter als je zuvor. Dann dachte ich an Buddha, wie er im Wald sechs Jahre lang übte, und an den Vater des Zen, Bodhidharma, der sich neun Jahre einer Wand gegenübersah, und nun machte mir Soen Shaku klar, dass ich innerhalb nur einer Woche eine erleuchtende Erfahrung gehabt haben soll.
   Ich hatte etwas über Buddhismus gelernt, nachdem ich so viel Zeit meines Lebens in Tempeln zugebracht und an der Schule für Philosophie in Tokyo studiert hatte. Mit diesem Wissen und etwas Intuition konnte ich die nächsten Kōan bewältigen. Ich hatte immer angenommen, dass Kōan Probleme waren, die man mit dem Verstand nicht erfassen konnte, doch nun löste ich sie, indem ich nachdachte.
   Anfang hatte ich mir eingebildet, dass ich auf dem buddhistischen Weg tatsächlich Fortschritte machte, aber ich fühlte mich nicht anders. Das Durcheinander, welches ich in meinem Leben erfahren hatte, war noch immer da. Ich war nicht ausreichend verwirrt, um mir vorzumachen, ich sei erleuchtet; aber ich war noch immer recht durcheinander.
   „Was hat es mit der Kōan-Übung auf sich?“, fragte ich den Mönch, der mich im Protokoll für das Dokusan mit Rōshi geschult hatte. „Ich glaube, dass es Jahre braucht, bevor ich auch nur den Schimmer einer Erleuchtung habe. Was bedeutet es, eure Kōan zu bestehen?“
   „Jeder Ausbildungsort hat seine eigene Art. Im Engakuji führen sie dich an der Hand durch die Kōan-Schulung, und dann studierst du nur noch zenbuddhistische Philosophie“, antwortete er.
   Ich blieb nicht lang genug im Engakuji, um durch alle Kōan-Schulungen geführt zu werden. Der Widerspruch zwischen einer schnellen Bescheinigung über meine Erfahrung der ‚Erleuchtung’ und der Empfindung, dass ich nicht anders als vor dieser Erfahrung war, gaben mir das Gefühl, dass der Engakuji nicht der richtige Ausbildungsort für mich war. Wie verlockend die Annahme auch war, ich hätte eine Stufe der Erleuchtung erfahren, tief in meinem Herzen wusste ich, das dem nicht so war. Ich begann am Nutzen der Kōan-Schulung als Weg, Buddhas Lehren zu verstehen, zu zweifeln. Der Zweifel war verbunden mit der Angst, das Problem könne eher bei mir liegen als an der Übung.
   Nachdem ich den Engakuji verlassen hatte, verbrachte ich eine Woche, indem ich durcheinander und entmutigt durch Tokyo lief – ohne zu wissen, was ich tun oder wohin ich gehen sollte. Ich hatte noch immer die Möglichkeit, in meinen Tempel in Moriyama zurückzukehren, aber ich konnte mich nicht dazu aufraffen. Nicht sofort. Ich konnte nicht zu der Position als Oberhaupt eines Zen-Tempels zurück, wenn ich meines Weges nun noch unsicherer war als vor meinem Weggang. Ich brauchte Zeit, um die Dinge in Ordnung zu bringen. Ich wollte nicht zurück in das Haus meiner Eltern in Nagoya, denn ich hatte das sichere Gefühl, dass mir alle möglichen Fragen gestellt würden, auf die ich keine Antworten wusste. Sie hatten mir einen Tempel gekauft, und ich vernachlässigte dort meine Pflichten.
   Während meines Studiums an der Schule in Tokyo und meines kurzen Aufenthaltes im Engakuji-Tempel hatte ich gehofft, Zen zu begreifen – zugunsten eines besseren Verständnisses, was ich als oberster Priester eines Tempels zu tun hatte –, doch ich wurde nur noch verwirrter, als ich je war. Zen-Buddhismus, sagte ich mir, war das Studium der Erleuchtung. Bestattungen und Zeremonien zu leiten würde mich gewiss nicht näher an dieses Ziel bringen. Das hatte ich seit langem gewusst. Doch nun wurde mir klar, dass das Studium der Kōan, so wie ich es im Engakuji unter einem beglaubigten Zen-Meister vollzogen hatte, mir auch nicht das Gefühl gab, näher an der Erleuchtung zu sein.

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