Sonntag, 14. März 2010

Die Freundschaft zwischen Sawaki und Katô Rôshi (Teil 4)

Wie unerfreulich es auch war, die religiösen Schriften im Daieji als Junge zu studieren, und wie viel wir auch diskutierten, als ich älter wurde – mein Leben im Tempel war recht beständig. Ich hatte mich an Doya Oshos Temperament gewöhnt und empfand ihn wahrhaftig als meinen Mentor. Obwohl er mich regelmäßig aus seinem Zimmer warf, gab er mich niemals auf. Ich lernte, ihn zu lieben wie ein Ersatzelternteil, und ebenso als Lehrer. Als er dann in meinem achtzehnten Lebensjahr plötzlich verstarb, brach für mich beinahe eine Welt zusammen. Nachts fand ich keinen Schlaf und wurde zu einem nervösen Wrack.
   Ich verließ den Daieji und kehrte in das Haus meiner Eltern nach Nagoya zurück; es gab keinen anderen Ort, wohin ich gehen konnte. Über die Jahre hatte ich gelernt, meine Situation im Daieji zu akzeptieren, und hegte keinen Groll mehr gegen meinen Vater, dass er mich hereingelegt hatte, um einen Mönch aus mir zu machen. Doch als ich erst einmal bei meinen Eltern lebte, lief ich im Haus umher und fragte mich, was ich dort zu suchen hatte. Ich litt an Schlaflosigkeit und hatte starke Bauchschmerzen. Meine Mutter pflegte mich, so gut sie konnte, und überschüttete mich mit Aufmerksamkeit, was meinem Vater zu missfallen schien. Ich hatte nicht das Gefühl, auch nur irgendeinen Funken von Mitgefühl von ihm zu bekommen. Ich hatte keine Ahnung, was ich mit meiner Zukunft anfangen sollte. Als Vater begriff, wie durcheinander ich eigentlich war, änderte sich sein Verhalten. Er zeigte sich besorgt. Er kam auf etwas, das mir eher als drastische Lösung erschien. Er versuchte die Dinge in Ordnung zu bringen, indem er mir einen Tempel kaufte.
   Ich weiß, das klingt seltsam. Wie auch immer, in jener Nachbarschaft kauften die Leute Tempel – das war so Sitte. Vater fand einen Tempel – einen Soto-Zen-Tempel namens Jounji –, der keinen Priester hatte, der ihn leitete. Der vorherige Priester war verstorben, ohne jemanden zu hinterlassen, der den Tempel übernahm. Vater zahlte für den Tempel 600 Yen. Er lag in Moriyama, einem Vorort von Nagoya. Ich war nicht davon begeistert, dass mir mein Vater einen Tempel kaufte, aber ich war damals ziemlich durcheinander und nicht in der Lage, Einwände zu erheben. Er tat es, um mir zu helfen – ich schätze, um mir zu einer Arbeit zu verhelfen. Ich glaube nicht, dass er jemals daran gedacht hat, der Kauf eines Tempels könnte der Lehre Buddhas widersprechen. Er wollte einfach nur, dass ich ein in der Gesellschaft angesehener Mann war. Abgesehen davon, dass ich mich in meinem eigenen Leben unbeständig fühlte, hatte ich also mit neunzehn Jahren die Pflichten als Priester eines Tempels zu übernehmen.
   Obwohl ich den Jounji leitete, fand ich so viele Gründe wie nur irgend möglich, um fort zu kommen. Es gab noch einen anderen Mönch im Tempel. Sein Name war Shuzo. Shuzo war von der Gemeinde eingestellt worden, damit er sich um den Tempel kümmerte, nachdem der vorherige Priester gestorben war. Als ich den Jounji übernahm, wurde Shuzo mein Gehilfe. Weil er da war, um die priesterlichen Pflichten zu übernehmen, konnte ich für einige Zeit fortgehen, ohne mir darum Sorgen machen zu müssen, den Tempel unbeaufsichtigt zu lassen. Mit zweiundzwanzig Jahren sagte ich mir, dass ich mehr über den Buddhismus lernen sollte, und schrieb mich an der Schule für Philosophie in Tokyo ein. Ich studierte dort zwei Jahre lang, während ich in den Pausen zum Jounji zurückkehrte. Doch nichts, was ich tat, brachte mich zur Ruhe. Buddha zu studieren machte mir die Widersprüche in meinem eigenen Leben nur noch bewusster. Wie konnte ich das Oberhaupt eines Tempels sein, wenn ich nicht mal meine eigenen Ansichten kannte?
   Mein Kopf war voller Ideen darüber, was ich tun sollte und zu lassen hatte. Buddha lies seinen Vater keinen Tempel für sich kaufen. Er führte keine Bestattungen durch. Er tat dies nicht und jenes nicht … und so weiter … Ich brachte mich nur noch mehr zur Verzweiflung, den Kopf voller widersprüchlicher Gedanken.
   In dieser Zeit riet mir ein befreundeter Mönch, der auch an der Schule für Philosophie in Tokyo studierte, Zen-Meditation zu praktizieren. Es ist seltsam, wie ich Priester sein konnte, verantwortlich für einen Soto-Zen-Tempel, und nichts über Zazen wusste. Doch wir führten lediglich Zeremonien durch, lasen Sutren und leiteten Bestattungen. Obgleich ich nur wenig über Zen-Meditation wusste, war ich davon überzeugt, dass es eine Übung war, die mich zu einem besseren Verständnis des Buddhismus führen würde als nur irgendetwas, das ich im Tempel gemacht hatte.
   „Mein Bruder studiert Zen und Zen-Meditation im Engakuji“, erzählte mir mein befreundeter Mönch. „Das ist ein berühmter Zen-Tempel in Kamakura, etwa eine halbe Stunde Zugfahrt von hier. Soen Shaku, ein angesehener Zen-Meister, ist gerade aus Amerika zurückgekehrt und hat dort seinen Wohnsitz, er ist der leitende Priester des Engakuji. Warum gehst du nicht dorthin und studierst Zen?“
   „Ist er ein guter Lehrer?“, fragte ich.
   „Ich kenne ihn nicht persönlich, doch seit seiner Rückkehr aus Amerika ist er in der Welt des Zen zu einer großen Sensation geworden.“
   Ich fühlte mich nicht bereit, nach Nagoya zurückzukehren – zu meinem Tempel, oder um meine Eltern zu sehen. Daher trat ich in den Engakuji als Laienstudent ein und machte Zazen unter dem Meister. Als Laienstudent konnte ich kommen und gehen, wie es mir beliebte. Ich war nicht bereit, mich festzulegen, als Schüler unter einem neuen Lehrer zu studieren. Noch immer war ich viel zu durcheinander, um als Mönch in eine bestimmte Praxis einzutauchen.

[wird fortgesetzt; Foto: Daihorinkaku]

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