Samstag, 13. März 2010

Die Freundschaft zwischen Sawaki und Katô Rôshi (Teil 3)

Obwohl ich mich kaum an den Inhalt der meisten meiner Diskussionen mit Doya in diesen frühen Jahren im Daieji erinnere, kann ich mich an keine Zeit entsinnen, in der wir nicht wenigstens ein bisschen diskutierten. Ich habe eine deutliche Erinnerung an einen unserer Zusammenstöße nach meinem wohl fünften Jahr im Tempel.     
   Der Gedanke daran ist mir so unangenehm, dass ich mich am liebsten verkriechen würde.
Ich trug im Daieji Kimono und Hakama mit braun-weiß gesprenkeltem Muster, wie sie Studenten trugen, und eine Melone. Obwohl ich keinerlei Probleme mit den Augen hatte, trug ich eine goldfarbene, mit Horn eingefasste Brille, weil ich fand, dass ich damit modisch aussah. Mit 14 Jahren hielt ich mich für einen tollen Dandy. Es kam mir nie in den Sinn, dass ich wie ein Narr aussehen könnte, während ich derart angezogen im Tempel herumlief. Eines Tages, als ich gerade dabei war, den Tempel zu verlassen, um meine Pflicht im Haus eines Gemeindemitgliedes zu erfüllen, bemerkte mich Doya Osho in der Halle.
   „Tokujō-kun*, wohin in Buddhas Namen glaubst du in dieser Aufmachung hinzugehen?“ Doya hatte mir da schon den buddhistischen Namen Tokujō gegeben.
   Ich blickte auf meine Kleidung hinab und fragte mich, warum er so aufgebracht war. „Ich habe Sutren zu lesen, am Familienaltar der Kobayashis, Osho.“
   „In dem Aufzug kannst du doch nicht deinen Rundgang zu den Häusern der Gemeindemitglieder machen!“
   „Warum nicht? Heutzutage muss man mit der Zeit gehen.“ Ich war sehr stolz auf meine Ideen nach dem neuesten Stand. Ich fühlte mich berufen, Doya die moderne Gesellschaft zu erklären.
   „Tokujō-kun!“, brüllte Doya. „Seitdem du im Daieji eingetroffen bist, hast du mit mir über jede Kleinigkeit diskutiert. Ich glaubte, es wäre gut, wenn du verschiedene Arten, die Welt zu sehen, in Betracht ziehen würdest. Daher habe ich mich nicht zu sehr geärgert. Ich dachte, deine extremen Widerworte wären lediglich eine Phase in deiner Entwicklung, und dass du bald aus ihr herauswachsen würdest.
   Doch einige Jahre später muss ich mir von dir anhören, dass ich über Arhats und Bodhisattvas keine Geschichten mehr erzählen sollte, weil die jungen Leute diese Geschichten über die alten Erleuchteten nicht mehr annähmen. Du sagtest, ich solle Logik und wissenschaftliche Erklärungen verwenden, wenn ich meine Predigten halte. Erinnerst du dich daran?“
   „Gewiss doch.“
   „Und weißt du noch, wie diese Diskussionen für gewöhnlich endeten?“
   „Sie sagten mir, ich sollte mich verdammt noch mal aus Ihrem Zimmer scheren, oder irgendetwas in der Richtung.“
   „War ich doch so streng?“
   „Ja, das waren Sie, Osho.“
   „Nun, es scheint nicht viel gebracht zu haben. Schau dich an! Du siehst aus, als gingest du in den Zirkus, und nicht zum Lesen buddhistischer Sutren an jemandes Altar.“
   „Haben Sie keine Bedenken, die Kobayashis sind aufgeschlossene Menschen. Sie werden beeindruckt sein“, sagte ich.
   Doya Osho legte die Handflächen an seine Stirn und sprach: „Ich gebe auf!“, und kehrte in sein Zimmer zurück.

(*Informelle Anrede von Männern und Jungen unter engen Bekannten oder Kollegen, freundschaftlich oder herablassend.)             [wird fortgesetzt]

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