Freitag, 12. März 2010

Die Freundschaft zwischen Sawaki und Katô Rôshi (Teil 2)

Tessei Doya Osho (Tessei war sein Vorname) unterrichtete Eto und mich in den buddhistischen und konfuzianischen Klassikern. Doya war eine andere Person, wann immer er uns unterrichtete: streng wie Vater. Wenn wir den Text nicht richtig lasen, schlug er uns auf den Kopf, entweder mit seiner Faust oder mit seinem Stock.
   Ohne besonderes Interesse an der Bedeutung der Bücher prägten wir sie uns also ein und bekamen niemals auch nur irgendeine Erklärung zu ihrer Bedeutung. Wir lernten sie einfach als eine Art Selbstverteidigung.
   So streng Doya auch war in unserem Unterricht, er war weniger furchterregend in anderen Dingen. In einer unserer Unterrichtsstunden fragte ich ihn einmal, warum wir solch schwierige Bücher zu lernen hatten. Auf diese Art hätte ich Vater niemals gefragt. Ich konnte Eto lächeln sehen, während Doya auf sein Buch hinuntersah.
   „Dies sind wichtige Lehren zum Dharma. Wenn du ein Mönch werden willst, musst du sie kennen“, entgegnete Doya, indem er von seinem Buch aufsah. Eto wischte unverzüglich das Lächeln von seinem Gesicht.
   „Aber Sie lehren uns nicht ihre Bedeutung“, sagte ich.
   „Ihr seid noch zu jung, um sie zu verstehen.“
   „Warum können Sie dann nicht warten, bis wir alt genug sind, ehe Sie sie uns lesen lassen?“
   Ich konnte Eto leise in sich hineinlachen hören. Doya warf einen wütenden Blick auf ihn, so dass er aufhörte. Dann schloss er das Buch und ging aus dem Zimmer. Sobald er fort war, mussten Eto und ich herzhaft lachen.
   So hart es für mich auch war, in eine Welt gegen meinen Willen geworfen worden zu sein, denke ich, dass es womöglich weitaus schwieriger für meinen Lehrer war, mit einem Jungen umzugehen, der so lästig war wie ich. Wir waren ständig am Diskutieren. Natürlich war Doya der Meister, und schließlich würde ich tun, was er verlangte, doch nicht bevor ich ihn schrecklich verärgert hatte.
   Das Leben ging weiter im Daieji und ich gewöhnte mich an mein Los. Zu Eto sah ich auf wie zu einem großen Bruder und folgte ihm überallhin, wobei ich ihn in allem nachahmte, was auch immer er tat. Er schien sich zu freuen, mich im Tempel um sich zu haben, doch vielleicht nicht so sehr, wenn wir draußen spielten.
   „Ich gehe zum Hof des Honganji“, sagte Eto nach unserer Unterrichtsstunde mit Doya. Der Honganji, der Tempel des Reinen Landes neben unserem kleinen Tempel, verfügte über einen großen Hof, wo die Nachbarskinder für gewöhnlich spielten. Unser Tempel hatte sehr wenig Land. Um den Gemeindemitgliedern Raum zu bieten, die in großen Gruppen zu den Gedenkzeremonien kamen, befand sich die Halle Buddhas im Obergeschoß – eine ungewöhnliche Anordnung für einen Tempel. Es gab sehr wenig Platz zum Spielen im Daieji. Wir waren eng eingezwängt zwischen dem Tempel des Reinen Landes auf der einen Seite und einem Gemüseladen auf der anderen.
   „Kann ich mit dir mitkommen?“, fragte ich.
   „Klar“, antwortete Eto, doch ich konnte spüren, dass er darüber nicht glücklich war.
   Ich folgte Eto in den Hof des Honganji, wo einige Jungen Sumo-Ringen spielten. Es gab zwei Gruppen mit jeweils drei oder vier Jungen. Als sie uns sahen, rief einer der Jungen: „Eto ist in unserer Gruppe. Wir sind einer zu wenig.“
   „Nein, seid ihr nicht“, rief ein Junge aus der anderen Gruppe. „Ihr habt auch vier.“
   „Sie zählt nicht“, sagte der erste Junge, während er auf ein Mitglied zeigte. „Verschwinde von hier, Shizue! Geh Seilspringen mit den anderen Mädchen!“
   „Großer Bruder!“, protestierte sie, während sie ihren Kopf senkte und auf mich zukam.
   Zu diesem Zeitpunkt wurde mir klar, dass sie ein Mädchen war. Sie sah jünger als ich aus. An der Art, wie sie ging, konnte ich sehen, dass sie einer der Jungen sein wollte und ihr der Sinn nicht nach Seilspringen stand. Ihr Bruder schien etwa in Etos Alter zu sein, so wie die meisten Jungen bei dem Spiel. Niemand fragte mich, ob ich mitmachen wollte, weshalb ich daneben stand und zusah.
   „Warum ist dein Kopf rasiert?“, fragte Shizue.
   „Weil ich einmal ein Mönch werde“, sagte ich.
   „Was ist ein Mönch?“
   „Ich weiß nicht“, antwortete ich. Ich wollte nicht mit ihr reden, und ich war mir sowieso nicht sicher, wie ich erklären sollte, was ein Mönch war.
   „Wie heißt du?“
   „Sanjiro.“
   „Bruder“, rief Shizue. „Kann ich nicht auf der einen Seite spielen und Sanjiro auf der anderen?“
   Warum bringst du Sanjiro nicht bei, wie man Seil springt“, sagte einer der Jungen, und sie alle lachten.
   Je mehr Aufmerksamkeit Shizue mir schenkte, umso selbstsicherer fühlte ich mich. Schließlich kehrte ich allein in den Daieji zurück.
   Eines Tages durfte ich doch bei den anderen Jungen mitmachen und freundete mich sogar mit Shizue an. Doch wenn die älteren Jungen da waren, ignorierte ich Shizue, genauso wie Eto mich ignorierte, wenn er mit seinen Freunden spielte.
   Als Eto achtzehn war, schickte ihn Doya ins Eiheiji-Kloster, damit er seine Berechtigungsnachweise erhielt, um ein Tempelpriester werden zu können. Doya hatte einen Verwandten, einen Priester in den Siebzigern, der einen kleinen Tempel leitete und beabsichtigte, sich zur Ruhe zu setzen. Er wollte Eto in diesem Tempel unterbringen. Nachdem Eto zum Eiheiji gegangen war, sah ich ihn nie wieder.

[wird fortgesetzt] 

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